Göppingen Aus Ärger den deutschen Pass beantragt

Von Sabine Riker 

Lynn Jupe lebt seit 44 Jahren in Deutschland, 42 Jahre davon nur mit einem britischen Pass. Der bevorstehende Brexit hat sie dazu veranlasst, den Einbürgerungstest zu machen. Jetzt hat sie erstmals in Göppingen ihre Stimmzettel abgegeben.

Premiere an einer deutschen Wahlurne: Lynn Jupe steckt  den Stimmzettel für die Europawahl in die Wahlurne. Foto: Michael Steinert
Premiere an einer deutschen Wahlurne: Lynn Jupe steckt den Stimmzettel für die Europawahl in die Wahlurne. Foto: Michael Steinert

Göppingen - Europa ist für Lynn Jupe der Grund gewesen, die deutsche Staatsbürgerschaft anzunehmen. Seit 44 Jahren lebt die Britin, die aus der Gegend von Manchester stammt, in Göppingen, 42 Jahre davon ohne deutschen Pass. Doch nachdem ihre Landsleute Europa schnöde den Rücken kehren wollen, ist für die 64-Jährige das Maß voll. Der Brexit sei einfach unmöglich, sagt sie. „Ich weiß nicht, was in deren Köpfen vorgeht. Wir sind nur zusammen stark, nicht alleine.“ Als frisch gebackene deutsche Staatsbürgerin wählt sie an diesem Sonntag zum ersten Mal in Deutschland. Lachend schiebt sie die drei Umschläge für die Kommunalwahlen durch den Schlitz der Urne in einem der Wahllokale in der Albert-Schweitzer-Schule in Göppingen. Als sie den Zettel für die Europawahl in die nebenstehende Urne wirft, entfährt ihr ein glucksendes „Ja!“.

Dass sie nach so vielen Jahren deutsche Staatsbürgerin werden würde, hätte Lynn Jupe nicht gedacht. „Eigentlich war ich mit meinem britischen Pass glücklich“, sagt sie in ihrem charmantem Slang, eine Mischung aus Schwäbisch und Englisch. Außerdem fand sie bis vor Kurzem, dass eine Stimme im politischen Getriebe sowieso nicht viel ausmache. „Ich bin nicht so politisch drauf, dass ich unbedingt hätte wählen gehen müssen.“ Doch diese Meinung hat sie vor knapp drei Jahren über Bord geworfen, als eine Mehrheit der Briten bei einem Referendum für den Austritt aus der Europäischen Union stimmten. „Viele einzelne Stimmen haben eine Wirkung, deshalb wähle ich jetzt“, erklärt sie.

Der Ehemann ist Deutscher

Einen deutschen Pass zu bekommen, ist gar nicht so einfach. „Ich musste einen Idiotentest machen“, erzählt Lynn Jupe. Ihr Mann habe sich scheckig darüber gelacht, weil sie doch schon so viele Jahre in Göppingen lebe. Aber es half alles nichts. Also bereitete sie sich gut vor und bestand den Einbürgerungstest. Für all die Mühen entschädigt hat sie die Feier, die das Göppinger Landratsamt einmal im Jahr für frisch gebackene deutsche Staatsbürger ausrichtet. „Das war sehr, sehr schön.“

Lynn Jupes Schicksal ist, wenn man so will, eng mit Europa verknüpft. In Spanien lernte sie einst ihren deutschen Ehemann kennen. Als sie ihn 1975, zwei Jahre nach dem Eintritt Großbritanniens in die EU, heiratete, folgte sie ihm nach Göppingen, wo sie viele Jahre lang als Datentypistin arbeitete. Seit einem halben Jahr ist sie im Ruhestand. Ihre Tochter zog sie zweisprachig auf.

Der Bruder lebt noch in England

Mit Sorge blickt Lynn Jupe auf die Insel. Denn dort lebt ihr Bruder, der ihr regelmäßig berichtet, wie der bevorstehende Brexit die Wirtschaft ausblute. „Viele Arbeitsplätze sind verloren gegangen, die Krankenhäuser stehen halb leer, Fachpersonal wandert ab.“ Manchmal könne sie die Schreckensmeldungen schon nicht mehr hören, erzählt sie. Dabei habe doch auch Großbritannien von der EU profitiert. „Viele britischen Städte sind mit EU-Geld schöner geworden.“ Ihre Stimme wird schneidend. „Ich finde es nicht in Ordnung, dass sich Großbritannien noch an der Europawahl beteiligen darf“, sagt sie. Die Frist sei Ende März abgelaufen, und sie befürchtet, dass sich viele haben aufstellen lassen, um die Bezüge eines Europaabgeordneten zu kassieren. „Diese dürfen sie dann auch noch nach dem Brexit behalten, das ist unmöglich.“

Nicht nur für Lynn Jupe ist die Europawahl wichtig. In der Albert-Schweitzer-Schule wählt auch ein Mann, Jahrgang 1935, der als Kind in einem französischen Lager interniert war. So etwas dürfe nie wieder geschehen, man dürfe den Rechtspopulisten nicht das Feld überlassen. Mit Blick auf die deutsche Geschichte ist es auch für einen 49-jährigen Göppinger selbstverständlich, sich an der Europawahl zu beteiligen. „Ich bin doch in Europa aufgewachsen“ , sagt er.