Göppingen Ein Psychiater aus Leidenschaft

Von Sabine Riker 

Leo Hermle, der ärztliche Direktor der Göppinger Klinik Christophsbad, nimmt Abschied. Künftig will der Suchtexperte schwer kranken Psychiatriepatienten helfen, vom Rauchen weg zu kommen.

Leo Hermle liebt seinen Beruf, zur Entspannung fährt er Motorrad. Foto: Horst Rudel
Leo Hermle liebt seinen Beruf, zur Entspannung fährt er Motorrad. Foto: Horst Rudel

Göppingen - Leo Hermles Abschied ist kein wirklicher Abschied, getreu seines Mottos: „Wer eine Arbeit hinter sich hat, sollte eine neue Aufgabe vor sich haben.“ Professor Hermle bleibt der Göppinger Klinik Christophsbad erhalten, auch wenn er künftig nicht mehr der ärztliche Direktor der renommierten Einrichtung und der Chefarzt der Psychiatrie ist. Mit 66 Jahren stößt der Psychiater aus Berufung, der vor 25 Jahren von Freiburg nach Göppingen gekommen ist, noch einmal eine neue Tür auf. Er will sich jener Psychiatriepatienten annehmen, die so schwer krank sind, dass sie ohne fremde Hilfe nicht leben könnten. Das Christophsbad unterhält ein Heim für psychisch kranke Menschen mit sogenannten Katastrophenverläufen – ein Alleinstellungsmerkmal in der Region, wie Hermle sagt. Entsprechend gefragt sind die Plätze, 214 an der Zahl.

Für die Patienten nimmt er sich Zeit

Mit einem Blick zurück hält sich Hermle nicht lange auf. Als ärztlicher Direktor habe er an der Schnittstelle zwischen der Geschäftsführung und der Ärzteschaft gearbeitet, erklärt er nur. Und er habe sich bemüht, junge Mediziner für die Klinik zu gewinnen. „Da ich seit 1991 im Christophsbad arbeite, kenne ich in der ganzen Region Chefärzte der Psychiatrie und der Inneren Medizin.“ Dass es ihm durch diese Kontakte geglückt ist, das expandierende Haus – die Klinik beschäftigt mittlerweile 1300, mit der Rehaklinik in Bad Boll sogar 1500 Mitarbeiter – vor einem allseits grassierenden Ärztemangel zu bewahren, erwähnt er nur am Rande. Seine Kollegen aber rechnen ihm das hoch an. Bei einer internen Abschiedsfeier wurde ihm sogar attestiert, ein „Menschenfischer“ zu sein. Obwohl ihm dieses Lob schmeichelt, wie ein Zucken um seine Mundwinkel verrät, ist er nicht so eitel, sich darüber weiter auszulassen.

Leo Hermle schaut nach vorne. Die neue Aufgabe wird ihn ausfüllen, so wie jede Station seines bisherigen Arbeitslebens ihn ausgefüllt hat. Das liegt in seinem Naturell, er liebt seinen Beruf. Er empfindet es als Privileg, sich intensiv mit Patienten beschäftigen zu können, Zeit für sie zu haben in einer Epoche, in der die Medizin zunehmend durchgetaktet ist. Zeit sei der wichtigste Faktor in der Psychiatrie, sagt er. „Nur so kann man komplizierte psychische Sachverhalte lösen.“ Deshalb hat er auch in den knapp zehn Jahren seiner Tätigkeit als ärztlicher Direktor immer „Patienten gesehen“, wie er es nennt. Das will er auch in Zukunft. „Ich will arbeiten, solange ich geistig interessiert und fit bin“, sagt er.

Die vor ihm liegende Aufgabe ist anspruchsvoll. Menschen mit schwersten Krankheitsverläufen leben im Christophsheim, oft viele Jahre lang, manche sogar bis zu ihrem Tod. Bei vielen schlagen nicht einmal Medikamente an. Dazu kommt bei vielen eine Suchtproblematik. Viele rauchen und trinken Alkohol oder konsumieren andere Drogen mit der Folge, dass zu dem seelischen Leiden noch schwere körperliche Krankheiten kommen.

Nikotinabhängigkeit ist nicht harmlos

Hermle, der sich als Suchtexperte mit allen nur denkbaren Drogen, vor allem auch den illegalen, auskennt, nimmt nun den Tabak ins Visier. Lange sei das Rauchen kein großes Thema in den Kliniken gewesen, erläutert Hermle. Gerade bei Schwerkranken habe gegolten, ihnen wenigstens diese „Freude“ zu lassen. Doch die Folgen des Tabakkonsums seien gravierend. Er verursache Schlaganfälle, Herzinfarkte oder Krebs. Den Bewohnern des Christophsheims will er helfen, vom Nikotin zu lassen. Die Tabakabhängigkeit werde noch immer vielfach unterschätzt, sagt er. Der Entzug sei schlimmer als beim Heroin.

Die Patienten zu überzeugen, dem Tabak abzuschwören, sei nicht einfach, sagt Hermle. Denn die positiven Effekte stellten sich erst ein, wenn sie tatsächlich nicht mehr rauchten. „Die Leute schlafen dann besser, und auch die Medikamente schlagen dann besser an.“ Die Erfahrungen mit den Patienten, die ihre Tabaksucht hinter sich lassen wollen, sollen in eine Beobachtungsstudie münden. Begleitet wird dieses Projekt von der Tübinger Universitätsklinik für Psychiatrie, die einen Forschungsschwerpunkt Tabakabhängigkeit hat.

In den vielen Jahren seiner Tätigkeit als Psychiater hat Hermle gelernt, mit vielem fertig zu werden, auch damit, dass die Medizin nicht alles kann. „Eine gute Medizin kann nur die Balance finden, indem sie das Leben und schwere Krankheiten so annimmt, wie sie eben sind“, findet er. Seine eigene Balance findet er beim Laufen oder beim Motorradfahren. Doch auch er kommt hin und wieder an Grenzen. Er trägt schwer daran, wenn sich ein Patient das Leben nimmt: „Da ist man immer betroffen, daran gewöhnt man sich nie.“