Göppingen Im Apostel fing vor hundert Jahren alles an

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Am 20. September 1919 hatte die Württembergische Landesbühne in dem Hotel mit „Kabale und Liebe“ ihre erste Premiere. Am Freitag feiert die Bühne mit demselben Stück in derselben Stadt ihr Jubiläum – vor vielen Prominenten.

Mit Schillers „Kabale und Liebe“ zeigt die WLB am Freitag in Göppingen einen der beliebtesten deutschen Klassiker. Foto: Patrick Pfeiffer
Mit Schillers „Kabale und Liebe“ zeigt die WLB am Freitag in Göppingen einen der beliebtesten deutschen Klassiker. Foto: Patrick Pfeiffer

Göppingen - Wie das wohl für die Göppinger war, damals vor hundert Jahren, als die frisch gegründete Württembergische Landesbühne, die da noch Schwäbische Volksbühne hieß, ihre erste Premiere ausgerechnet in ihrer Stadt feierte? Als es noch keine ständige Zerstreuung durch Fernsehen und andere Medien, als es noch nicht einmal ein Radioprogramm gab und erst recht keine schnelle Verbindung nach Stuttgart geschweige denn in andere größere Städte. Damals war ein Theaterbesuch für viele Leute eine seltene und kaum erschwingliche Kostbarkeit, speziell auf dem Land.

Wenn man der Göppinger Zeitung vom 22. September 1919 glaubt, war die Premiere ein Ereignis, das weithin beachtet wurde: Die Aufführung von Schillers „Kabale und Liebe“ am 20. September und von Shakespeares „Was ihr wollt“ einen Tag darauf sei ein „glänzender Erfolg“ in dem „überfüllten Apostelsaal“ gewesen, heißt es da. Die Mitwirkenden, so die Zeitung, seien „von Beifall überschüttet worden“.

Viele prominente Gäste aus Kultur und Politik kommen nach Göppingen

Ob die Schauspieler das Publikum am kommenden Freitag, exakt hundert Jahre nach der historischen Premiere, erneut zu Begeisterungsstürmen hinreißen können? Das Apostelhotel gibt es bekanntlich nicht mehr, die Inszenierung wird in der Stadthalle Premiere feiern. Doch wie damals sind auch bei dieses Mal viele prominente Gäste aus Politik und Kultur dabei.

Er sei schon etwas aufgeregt, gesteht der WLB-Intendant Friedrich Schirmer mit Blick auf die Veranstaltung. Das ist vermutlich eine Untertreibung. Dem 68-jährigen Theatermacher liegt das 100-Jahr-Jubiläum der zweitältesten Landesbühne Deutschlands so sehr am Herzen, dass er sich einen Sechs-Jahres-Vertrag statt der üblichen fünf Jahre ausbedungen hat, als er im Jahr 2014 die Leitung der WLB übernahm.

Schirmer: „Kein Theater ist so tapfer wie die Landestheater.“

Kein Wunder, denn auch für Schirmer schließt sich mit der 100-Jahr-Feier ein Kreis. Denn er hatte nach Stationen in Berlin, Nürnberg, Mannheim und Dortmund 1985 seine erste Intendantenstelle in Esslingen, bevor er ans Stadttheater Freiburg, dann ans Schauspiel Stuttgart und schließlich ans Deutsche Schauspielhaus in Hamburg wechselte.

„Es gibt kein Theater, das so tapfer ist wie die Landestheater“, sagt Schirmer. Schließlich müssten sie sich jeden Abend vor einem neuen Publikum beweisen und würden Qualitätstheater aufs Land hinaus bringen. Genau deswegen, ist die Württembergische Landesbühne ja einst gegründet worden. Und genau das tut sie bis heute. Trotz der festen Spielstätte, die das Ensemble sieben Jahre nach der Gründung der Schwäbischen Volksbühne in Esslingen bezogen hat, gehört das Touren durch das Land bis heute zum Konzept.

In Göppingen rennt der Intendant offene Türen ein

Früher traten die Schauspieler in Gasthöfen und Hotelsälen auf. In der Festschrift zum zehnjährigen Bestehen der Bühne werben folgerichtig vor allem Gastronomiebetriebe aus dem ganzen Land, auch das Apostel in Göppingen, das Dreikönig, das goldene Rad und andere ehemals bekannte Gasthöfe aus der Stadt. Einige vermerken in ihren Inseraten stolz, dass es bei ihnen fließend Wasser gibt oder eine Zentralheizung. Die Telefonnummern sind zwei- oder dreistellig. Das Apostel etwa erreicht man unter 42. Heute treten die WLB-Mimen in Stadthallen auf und über Zentralheizungen oder fließend Wasser im Hotel macht man sich schon lange keiner mehr Gedanken.

Früher spielte die Bühne die Stücke von damals beliebten Autoren wie August von Kotzebue, die allerdings inzwischen kaum einer mehr kennt. Heute gibt sie aktuelle Erfolgsautoren. Und Klassiker: Schiller, Goethe oder Shakespeare natürlich, die begeisterten das Publikum damals, und sie begeistern es heute. Und bis heute ist die Bühne in Göppingen willkommen. Als Friedrich Schirmer auf den Göppinger Oberbürgermeister Guido Till und den Kulturamtsleiter Wolfram Hosch zuging, um zu fragen, ob man den Start in die Jubiläumsspielzeit nicht in Göppingen machen könne, rannte der Intendant offene Türen ein.

„Kabale und Liebe“ ist einer der beliebtesten Klassiker

Offenbar hat der ehemalige Göppinger Oberbürgermeister und Freund des Literaturnobelpreisträgers Hermann Hesse auf Dauer Recht behalten. Er schrieb schon 1929, die künstlerische Arbeit der Volksbühne sei den Göppingern ein „Lebensbedürfnis“ geworden, und man werde der Bühne auch in Zukunft treu zur Seite stehen. Hartmann war damals außerdem Vorsitzender jenes Landesverbands, der die Volksbühne trug.

Mit Friedrich Schillers „Kabale und Liebe“ wählte die Volksbühne vor 100 Jahren den am häufigsten gespielten deutschen Klassiker. Die Inszenierung, die am Freitag zu sehen ist, sei modern, bleibe aber sprachlich bis auf die Kürzungen beim Original, kündigt die Dramaturgin Michaela Stolte an. Die Geschichte um das aus verschiedenen Schichten stammende Liebespaar Luise und Ferdinand, das an seiner korrupten Umwelt zugrunde geht, ist bis heute aktuell.

Im Einsatz für mehr Bildung

Bildungsbewegung:
Mit dem politischen Erstarken des Bürgertums und der Arbeiterschaft entstand im 19. Jahrhundert eine Bewegung, die sich für mehr Bildung einsetzte. Bürgern und Arbeitern war klar, dass Wissen Macht bedeutet, auch politische Macht, und so gründeten beispielsweise die Arbeitervereine vielerorts Bildungsvereine. Häufig beteiligten sich Handwerker und einzelne Bürger daran. Die herrschende Klasse beobachtete diese Entwicklung mit Misstrauen, denn in den Bildungsvereinen, den Lese-, Sport- und Gesangsvereinen der Arbeiter wurde häufig nicht nur Wissen vermittelt, sondern auch sozialistische oder zumindest SPD-nahe Politik gemacht. Gegen Ende des Jahrhunderts folgten dann die Volkshochschulen, die bis heute meist in Form von Vereinen organisiert sind.

Volkshochschulen:
Die meisten Volkshochschulen wurden nach dem Ersten Weltkrieg im Jahr 1919 gegründet. Die heutige Stuttgarter VHS wurde im Mai 1918 von dem Unternehmer Robert Bosch, dem Pädagogen Theodor Bäuerle und dem Oberbürgermeister Karl Lautenschlager als Verein zur Förderung der Volksbildung gegründet. Ein Jahr später entstand die Schwäbische Volksbühne, die Vorgängerin der Württembergischen Landesbühne. Die Volksbühne war eine Abteilung des Vereins für Volksbildung. Während der Nazidiktatur wurden die Bildungsvereine und die Bühnen gleichgeschaltet. In Göppingen wurde die Volkshochschule erst nach dem Zweiten Weltkrieg im Jahr 1946 gegründet.

Volksbühnenbewegung:
Eine Volksbühne ist ein Verein, der seinen Mitgliedern Theaterbesuche zu ermäßigten Preisen ermöglicht. Auch auf diese Weise wollte man früher größeren Volkskreisen den Zugang zu Bildung und guten Theaterstücken ermöglichen. Der Ursprung der Bewegung liegt in Berlin. 1890 wurde dort die Freie Volksbühne mit dem Ziel gegründet, Arbeitern Theaterbesuche zu ermöglichen und so das Bildungsmonopol des Bürgertums zu durchbrechen. In Stuttgart gründete der Verein zur Förderung der Volksbildung 1924 die Stuttgarter Volksbühne, heute Kulturgemeinschaft Stuttgart.