Wilhelmshilfe Göppingen Im Spagat für Senioren

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Im Spagat zwischen Anspruch und Wirklichkeit befindet sich die Göppinger Wilhelmshilfe – aber das neue Führungsteam lässt nicht locker.

Der größte Altenhilfeträger im Kreis Göppingen, die Göppinger Wilhelmshilfe, betreut rund 1000 Senioren. Foto: Zentralbild
Der größte Altenhilfeträger im Kreis Göppingen, die Göppinger Wilhelmshilfe, betreut rund 1000 Senioren. Foto: Zentralbild

Göppingen - Das Vorstandsteam der Göppinger Wilhelmshilfe ist wieder komplett. Im Café des Bartenbacher Pflegeheims sind am Donnerstagabend Matthias Bär und Dagmar Hennings offiziell in ihren neuen Ämtern begrüßt worden. Bär, der schon seit 14 Jahren zur Führungsmannschaft des größten Altenhilfeträgers im Stauferkreis gehört, hat das Amt des Vorstandsvorsitzenden bereits am 1. Januar von seinem pensionierten Vorgänger Herbert Nill übernommen. Dagmar Hennings dagegen sitzt erst seit einigen Tagen an ihrem Schreibtisch.

Pflegeexpertin im Vorstandsteam

Dass mit der 44-Jährigen eine ausgewiesene Pflegeexpertin an seiner Seite steht, begrüßt Matthias Bär dabei ausdrücklich. Obwohl die Altenpflege­ das Kerngeschäft sei, „ist es, auch wenn sich das seltsam anhören mag, in der Branche keineswegs üblich, eine solche Fachkompetenz in einem Vorstandsgremium zu haben“, betonte er. Entsprechend wurden die Zuständigkeiten verteilt. Der 52 Jahre alte Betriebswirt kümmert sich weiterhin um den Aufgabenbereich Finanzen und hat die Themen Bauen, Risikomanagement und Kommunikation oben draufgepackt. Dagmar Hennings wiederum ist nicht nur gelernte Altenpflegerin und diplomierte Pflegewirtin, sondern hat auch ein Masterstudium als Pflegewissenschaftlerin absolviert. Sie ist künftig für das Personalwesen zuständig und fungiert zudem als Vorgesetzte sämtlicher Einrichtungsleitungen.

Dies sind mittlerweile ein ganze Menge. So kommen zu den sieben stationären Pflegeeinrichtungen, zehn Anlagen für betreutes Wohnen hinzu, denen Mitte des Jahres eine elfte in Holzheim folgen wird. Außerdem betreibt die Wilhelmshilfe in Ursenwang eine große Sozialstation, eine eigene Hausnotrufzentrale mitsamt Dialogcenter und ist Gesellschafter beim Diakonischen Institut als Träger einer Altenpflegeschule. Rund 650 Beschäftigte kümmern sich um die gut und gerne 1000 Menschen, die – wenn man so will – unter dem Dach der Wilhelmshilfe leben.

Die Qualität hängt vom finanziell Machbaren ab

So etabliert und stabil sich dieses Konstrukt aber auch anhören mag, so dynamisch müssen die Strukturen permanent dem sich wandelnden Bedarf und den sich verändernden, meist gesetzlichen Erfordernissen angepasst werden. „Da sind einerseits selbstbewusste Bewohner, die ihre Selbstständigkeit wahren wollen, und andererseits schwerste Pflegefälle, um die wir uns zu kümmern haben“, beschrieb Bär die Anforderungen. Diesen Spagat zu schaffen, sei alles andere als einfach, fügte er hinzu. „Ich bedauere deshalb sehr, dass die Qualität der Altenhilfe bei uns eher am finanziell Machbaren, als an den Bedürfnissen der älteren Menschen orientiert ist“, sagte der Vorstandschef.

Dagmar Hennings will zumindest versuchen, diese Situation zu wandeln: „Wir müssen die Betroffenen fragen, was sie wollen, in Entscheidungen mit einbeziehen. Wir dürfen nicht über deren Köpfe hinweg handeln.“ Dazu bedürfe es entsprechender innovativer Konzepte, bei deren Umsetzung Reglementierungen wenig hilfreich seien, ergänzte sie. Matthias Bär sieht die Wilhelmshilfe dabei auf einem guten Weg: „Wir haben uns schon mit Wohn- und Betreuungsformen – wie etwa Senioren-WGs – beschäftigt und Erfahrungen gesammelt, als das noch weithin ein Fremdwort war“, erklärte er. Oft bestünde allerdings das Problem, dass die Strukturen mehr verhinderten als zuließen, weil in der Pflege zu viel in Sektorengrenzen gedacht werde.

Der Gesetzgeber fordert teure Doppelstrukturen

Bär machte dies an zwei Beispielen deutlich: „Nach wie vor dürfen die ambulante und die stationäre Altenhilfe nicht miteinander verzahnt werden. Das führt zu völlig überflüssigen Doppelstrukturen, wenn wie beispielsweise bei uns in Faurndau beides unter einem Dach ist.“ Es gebe von Seiten der Politik zwar Signale, das zu ändern, aber eben noch keine Bewegung. Auch die Landesheimbauverordnung (LHBV) sorge, so sinnvoll sie sein möge, für Probleme: „Wir haben 2008 in Ursenwang für viel Geld ein Heim gebaut, das nach wie vor auf dem aktuellen Stand ist und gut funktioniert.“ Nun schreibe die LHBV aber in Nuancen­ etwas anderes vor. „Sollen wir deshalb bis 2019 groß umbauen, was zum einen wirtschaftlich nicht darstellbar ist und zum anderen an den Bedürfnissen der Bewohner vorbei geht?“, stellte Matthias Bär eine eher rhetorische Frage.

Gerade in diesem Zusammenhang ist er deshalb froh darüber, dass die rein regional verankerte Wilhelmshilfe mit dem Göppinger Landratsamt lediglich eine Heimaufsicht hat, mit der wegen etwaiger Übergangslösungen verhandelt werden muss. Das sei bei großen Altenhilfeträgern, die in vielen Kreisen agierten, natürlich anders. „Gerade in einem solchen Fall ist Pragmatismus erforderlich – und der ist hier bei uns vorhanden“, lobte Bär die Verantwortlichen, von denen der Kreissozialdezernent Hans-Peter Gramlich ebenso zu der kleinen Feier nach Bartenbach gekommen war wie die neue Göppinger Sozialbürgermeisterin Almut Cobet.

Neue komplexe Einstufungen

In einem anderen Punkt, dies machte wiederum Dagmar Hennings deutlich, muss indes noch nachgearbeitet werden. Das sogenannte Pflegestärkungsgesetz, mit der Umstellung von Pflegestufen auf Pflegegrade, sei zwar schon seit Beginn des Jahres in Kraft. Mit der Umsetzung scheine das aber noch so eine Sache zu sein. „Für unsere Bewohner ist das sicher von Vorteil. Da die neuen Einstufungen aber sehr komplex sind und von den Beschäftigten vorgenommen werden müssen, braucht es erst die entsprechenden Schulungen. Das belastet die ohnehin schon knappen Personalressourcen“, sagte Hennings, die offensichtlich noch ebensoviele schwierige Aufgaben zu lösen hat wie ihr Kollege Matthias Bär.