Göppingen Klinik profitiert von Fehleinschätzung

Wenige Jahre vor seinem Abriss wird das Krankenhaus noch etwas erweitert. Foto: SDMG
Wenige Jahre vor seinem Abriss wird das Krankenhaus noch etwas erweitert. Foto: SDMG

Ein renommierter Chirurg wechselt mit seiner kompletten Abteilung von Esslingen nach Göppingen. Die Alb-Fils-Kliniken können damit ihre Gesichtschirurgie-Abteilung erheblich ausbauen und damit auch ihr medizinisches Angebot.

Göppingen: Karen Schnebeck (ks)

Göppingen - Die Tage der alten Klinik am Eichert sind wegen des Neubaus gezählt. Trotzdem nimmt die Geschäftsführung jetzt rund zwei Millionen Euro in die Hand, um im bestehenden Gebäude Raum für eine neue Abteilung zu schaffen und neue Geräte anzuschaffen. Denn im Oktober sollen der renommierte Chefarzt der Esslinger Klinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie, Winfried Kretschmer, und sein gesamtes Team aus Ärzten und Fachkräften von den kreiseigenen Medius- Kliniken nach Göppingen wechseln.

Der Wechsel ist das endgültige Ende großer Hoffnungen der Esslinger Kliniken – und ein Glücksfall für den Eichert, wo das medizinische Angebot erweitert werden kann. Für die Gesichtschirurgen geht mit dem Umzug eine Odyssee zu Ende, die mit einer Fehleinschätzung des ehemaligen Geschäftsführers der Esslinger Kreiskliniken, Franz Winkler, begonnen hat.

Die Krankenkassen weigerten sich, die Kosten für Operationen zu übernehmen

Winkler hatte Kretschmer und sein Team samt dem Gründer der Abteilung, dem international renommierten Konrad Wangerin, vor acht Jahren angeworben, als es Auseinandersetzungen zwischen Kretschmer und Wangerin mit ihrem bisherigen Arbeitgeber, dem Stuttgarter Marienhospital, gegeben hatte. Zunächst hielt man die an der Kreisklinik in Ostfildern-Ruit neu angesiedelte Abteilung für einen großen Coup, der auch dabei helfen sollte, zusätzliche Patienten anzulocken und so die seinerzeit miserablen Finanzen der Kliniken zu verbessern.

Die Patientenzahlen stiegen, doch wenig später stellte sich heraus, dass die Esslinger Kliniken keinen Versorgungsauftrag für die Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie (MKG) hatten. Die Krankenkassen weigerten sich deshalb, die Operationen zu bezahlen. Winklers Kalkül, das Stuttgarter Sozialministerium werde den Auftrag nachträglich erteilen, ging nicht auf. Die Kliniken haben bis heute keinen.

Eine Kooperation mit Pforzheim rettete die Abteilung

Die Patientenzahlen im Bereich der MKG seien gering, begründet das Ministerium die Entscheidung, die im Januar bekräftigt wurde und die sich auf absehbare Zeit auch nicht ändern soll. Die Zahlen seien in den vergangenen Jahren nicht gestiegen, und um die Kliniken, die bereits einen solchen Auftrag haben, und die Qualität ihrer Arbeit zu schützen, sei es nicht sinnvoll, weitere Versorgungsaufträge zu vergeben, erläutert der Sprecher des Ministeriums, Markus Jox.

Die Esslinger haben die Abteilung deshalb seit 2013 mit einem Konstrukt erhalten, das den Beteiligten inzwischen offenbar zu mühselig und zu wenig einträglich geworden ist, das aber vom Ministerium und von den Krankenkassen akzeptiert worden war: durch eine Kooperation mit der Helios-Klinik in Pforzheim, die einen entsprechenden Versorgungsauftrag hat. Das führte allerdings dazu, dass die Esslinger Ärzte regelmäßig nach Pforzheim zum Operieren fahren mussten. In Esslingen waren nur kleinere Eingriffe möglich, von denen die Kliniken wenig profitierten.

In Göppingen freut man sich über die Erweiterung des Angebots

Weil die Alb-Fils-Kliniken ebenfalls schon lange einen Versorgungsauftrag haben, sind die Esslinger und die Göppinger nun übereingekommen, dass Kretschmer und seine komplette Abteilung in den Eichert wechseln. Die Alb-Fils-Kliniken können dadurch ihre kleine Abteilung, die bisher von zwei Belegärzten geführt wurde, zu einer Hauptabteilung ausbauen. Die Esslinger wollen bei entsprechenden Fällen mit Göppingen kooperieren.

Wie der medizinische Geschäftsführer der Alb-Fils-Kliniken, Ingo Hüttner, erklärt, passt die Kieferchirurgie unter anderem „perfekt zu unserem onkologischen Schwerpunkt“. Denn wegen des Cyber­knife kämen viele Patienten mit Tumoren im Kopfbereich in den Eichert. Künftig könne man bei der plastischen Chirurgie nach der Bekämpfung von Tumoren und bei komplexen Operationen im Kopfbereich noch mehr leisten, davon profitierten auch Patienten, die etwa bei Unfällen Gesichtsverletzungen erlitten hätten.

In Pforzheim bereitet man sich derweil auf die Zeit nach der Zusammenarbeit mit den Esslinger Ärzten vor. Man wolle die Zeit bis zum Auslaufen der bisherigen Kooperation im Herbst zum Aufbau neuer Strukturen nutzen, kündigt die Krankenhaus-Sprecherin Elena Koch an.




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