Göppingen Klinik wird resistente Keime einfach nicht los

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Gerade, als man annahm, man habe die Sache im Griff, ist es erneut zu Infektionen gekommen. Nun ergreift die Klinik am Eichert in Göppingen drastische Maßnahmen.

Die Handdesinfektion ist bei der Bekämpfung der Darmkeime in der Klinik am Eichert  das A und O. Foto: dpa
Die Handdesinfektion ist bei der Bekämpfung der Darmkeime in der Klinik am Eichert das A und O. Foto: dpa

Göppingen - Im vergangenen Dezember haben sich Vertreter der Alb-Fils-Kliniken, des Landesgesundheitsamtes und anderer Behörden bei einem Treffen noch gratuliert. Das Thema VRE (eine Spezies resistenter Keime) an der Klinik am Eichert in Göppingen schien endlich unter Kontrolle zu sein. Doch die Freude ist in Frust umgeschlagen. Trotz aller Maßnahmen sind seit dem Jahreswechsel bei sieben Patienten VRE-Infektionen aufgetreten, eine Patientin ist gestorben. Ob die Keime die Ursache für deren tödliche Sepsis waren, ist offen.

Alle Patienten werden nun auf die Keime untersucht

Die Klinik am Eichert hat inzwischen auf die erneute Zunahme von Infektionen reagiert: Seit Kurzem werden alle Patienten, die in der Klinik oder der Geislinger Helfensteinklinik stationär aufgenommen werden, auf VRE gescreent: Jeder Patient muss einen Darmabstrich über sich ergehen lassen, im Labor der Kliniken wird dann geprüft, ob der Betreffende den Keim in sich trägt. Fällt der Test negativ aus, wird der Patient ganz normal aufgenommen. Für Patienten, die positiv getestet wurden, gelten an der Klinik am Eichert, die besonders stark von den Infektionen betroffen war, nun strenge Vorschriften: Sie werden in eigens eingerichteten Isolierbereichen in der internistischen und der chirurgischen Station zusammengelegt, um das Risiko einzudämmen, dass sich weitere Patienten anstecken. Auf diesen Stationen gelten besondere Hygienevorschriften. Personal und Besucher dürfen diese Bereiche nur mit Schutzkitteln und Handschuhen betreten. Zurzeit sind dort 33 Patienten untergebracht.

Bei einer Pressekonferenz am Montag berichteten Vertreter der Alb-Fils-Kliniken, man habe diese Maßnahmen ohnehin geplant gehabt. Allerdings bestätigten sie auch, dass das Göppinger Ordnungsamt in Zusammenarbeit mit dem Gesundheitsamt eine Verordnung erlassen habe, die die neuen Maßnahmen vorschreibe. Für den Fall, dass sich die Alb-Fils-Kliniken nicht an die Vorgaben halten, droht ein Zwangsgeld von insgesamt 100 000 Euro. Die Umsetzung der Regeln überwacht das Gesundheitsamt, dessen Leiter Heinz Pöhler am Montag aber auch bestätigte, dass alle Forderungen bereits umgesetzt seien.

Klinik verschärfte immer wieder die Vorschriften

Seit dem Jahr 2016 hat es an der Klinik eine Häufung von Infektionen mit dem gegen gängige Antibiotika resistenten Keim gegeben, im vergangenen März war ein 90-jähriger schwer kranker Patient an einer Sepsis infolge einer Infektion gestorben – den Keim hatte er allerdings bereits vor dem Klinikaufenthalt in sich getragen.

Die Kliniken haben seither immer wieder ihre Hygienevorschriften verschärft und das Screening von Risikogruppen erweitert. So wurden seit 2015 zusätzliche Reinigungskräfte eingestellt. Die Klinikleitung schulte Pflegekräfte, Ärzte und Reinigungskräfte. Sie verkürzte die Reinigungsintervalle von Türgriffen und Ähnlichem. Sie ließ Oberflächen von Türen oder Tischen sanieren, um die Reinigung effektiver zu machen. Außerdem wurden überall in den Kliniken Automaten zur Handdesinfektion aufgestellt und Flyer zum Thema Hygiene verteilt.

Die Maßnahmen zeitigen durchaus Wirkung: Den Untersuchungen des Klinikhy­gienikers Lutz Zabel und seiner Mitarbeiter zufolge ist die in der Klinik am Eichert erworbene Besiedelung von Patienten mit anderen Keimen, die zum Teil wesentlich gefährlicher als VRE sind, rückläufig. Warum es dennoch immer wieder zu VRE-Infektionen kommt, ist unklar. Klar ist nur: Von den sieben in diesem Jahr infizierten Patienten trugen vier den Keim bereits in sich, als sie in die Klinik kamen.

Das Kürzel VRE steht für Vancomycin resistente Enterokokken

Keime:
Jeder Mensch trägt Darmkeime, darunter auch Enterokokken, in sich. Ohne sie würde die Verdauung nicht richtig funktionieren. Die VRE unterscheiden sich von anderen Enterokokken durch ihre Unempfindlichkeit gegenüber dem Antibiotikum Vancomycin. Solange die Keime im Darm sind, hat der Träger keine Probleme – schwierig wird es, wenn durch Krankheiten oder durch Operationen das Immunsystem geschwächt ist und die Erreger ins Blut gelangen. Solche Infektionen müssen mit speziellen Reserveantibiotika behandelt werden.

Besiedlung:
Viele Menschen tragen VRE in sich, ohne es zu wissen. Gerade auf engem Raum und bei der Benutzung der gleichen Sanitärräume breiten sich die Keime über Schmierinfektionen von Mensch zu Mensch aus.

Ursachen:
Forscher gehen davon aus, dass resistente Keime eine der großen Herausforderungen der Zukunft sind. Entstanden sind viele der Resistenzen durch den unsachgemäßen und übermäßigen Gebrauch von Antibiotika, etwa in der Tiermast, aber auch in der Humanmedizin.




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