Göppingen Kliniken steigen in die Robotermedizin ein

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In den USA ist er weit verbreitet und auch in immer mehr OP-Sälen in Deutschland ist der OP-Roboter da Vinci zu finden. Jetzt kommt er auch in Göppingen zum Einsatz, und zwar in mehr chirurgischen Abteilungen als an vielen anderen Kliniken.

Die vier Arme des OP-Roboters da Vinci werden vom Operateur (hinten, im  blauen Kittel) von einer Konsole im Hintergrund aus gesteuert. Der Arzt sieht die Bilder aus der Bauchhöhle seines Patienten am Bildschirm dreidimensional und mit bis zu zehnfacher Vergrößerung. Am Operationstisch tauschen Kollegen bei Bedarf die Instrumente am Roboter aus. Foto: Intuitive Surgical/PR
Die vier Arme des OP-Roboters da Vinci werden vom Operateur (hinten, im blauen Kittel) von einer Konsole im Hintergrund aus gesteuert. Der Arzt sieht die Bilder aus der Bauchhöhle seines Patienten am Bildschirm dreidimensional und mit bis zu zehnfacher Vergrößerung. Am Operationstisch tauschen Kollegen bei Bedarf die Instrumente am Roboter aus. Foto: Intuitive Surgical/PR

Göppingen - Zunächst einmal ist der da Vinci vor allem eines: sehr teuer. Rund zwei Millionen Euro haben der Landkreis Göppingen und die Alb-Fils-Kliniken für den OP-Roboter in der Klinik am Eichert investiert, die Kosten hat man sich geteilt. Und das ist nur der Anfang der Ausgaben, denn jede Operation mit dem Roboter wird deutlich teurer sein, als ein herkömmlicher Eingriff, ohne dass die Klinik dafür mehr Geld erhält. Trotz der hohen Kosten wird es für die Gesundheit vieler Patienten keinen Unterschied machen, ob sie mit dem Roboter operiert werden oder mit der herkömmlichen minimalinvasiven Technik.

Trotzdem spricht der medizinische Geschäftsführer der Alb-Fils-Kliniken, Ingo Hüttner, von einem „Meilenstein“ für die Patientensicherheit und für seine Kliniken. Selbst Ärzte wie der Chefarzt der Gynäkologie, Falk Thiel, der dem Roboter eher skeptisch gegenüberstand, schwärmen, seit sie mit dem neuen Hilfsmittel arbeiten: „Man kann viel präziser und ermüdungsfrei arbeiten. Der Roboter hilft uns einfach dabei, noch einen Schritt weiter zu gehen“, sagt er.

Kliniken wollen am Puls der Zeit bleiben

Tatsächlich soll der da Vinci eine neue Zeitrechnung an den Alb-Fils-Kliniken markieren, nämlich den Einstieg in die Roboter­assistierte Chirurgie. Auch in der Chirurgie, so erklärt es der Chefarzt der Allgemeinchirurgie, Matthias Hahn, schreite die Digitalisierung voran. „Wenn wir jetzt nicht anfangen, damit zu arbeiten, bekommen wir in zehn Jahren nicht mehr die richtigen Ergebnisse.“ Und, so lässt Hüttner durchblicken, vermutlich auch keine fähigen Nachwuchsärzte und -pfleger mehr, denn die wollen an Kliniken arbeiten, die am Puls der Zeit sind.

Deutschlandweit arbeiten inzwischen mehr als hundert Kliniken mit dem OP-Roboter, in der Region Stuttgart sind es Kliniken in Ludwigsburg, Sindelfingen und der Stadt Stuttgart. Allerdings konzentriert sich das Einsatzspektrum des da Vinci meist auf die Urologie. Vor allem bei Prostataentfernungen kommt er zum Einsatz, weil er als schonender gilt, und die Patienten hoffen, auch künftig Herr über ihre Blase und Potenz zu bleiben. Der Run auf urologische Kliniken, die einen da Vinci haben, hat deshalb längst begonnen.

Der Roboter überträgt dreidimensionale Bilder in hoher Auflösung

In Göppingen soll der da Vinci hingegen in Zukunft von den unterschiedlichsten Abteilungen der Klinik genutzt werden: der Urologie, der Allgemeinchirurgie, der Gynäkologie und der Thoraxchirurgie, also allen Abteilungen, die häufiger minimalinvasive Eingriffe machen.

Wie bei herkömmlichen minimalinvasiven Eingriffen wird bei einer da-Vinci-Operation zunächst der Bauchraum des Patienten mit einem Gas aufgeblasen. Über kleine Schnitte in der Bauchwand werden dann Stangen eingeführt. Der da Vinci hat vier Arme, an dreien werden Instrumente befestigt, an einem eine Kamera, die dreidimensionale, bis zu zehnfach vergrößerte Bilder auf den Kontrollschirm überträgt. Von dort aus steuert der Arzt die Arme des Roboters. Zucken oder Zittern gibt es nicht. Dank zusätzlicher Gelenke erreicht der Roboter auch unzugängliche Stellen. Operiere er einen simplen Leistenbruch mit dem da Vinci, sei das Ergebnis für den Patienten das gleiche, doch die OP sei katastrophal teuer, sagt Matthias Hahn.

Der nächste Schritt wird ein Hybrid-OP in der neuen Klinik am Eichert

„Aber ich habe erst vor wenigen Tagen eine tiefe Rektum-OP gemacht“, fährt er fort. Das sei ein komplexer chirurgischer Eingriff. Dank des Roboters habe er tiefer und präziser arbeiten können – und die Patientin habe nach fünf statt nach zwanzig Tagen nach Hause gehen können, weil es dank des Roboters nicht nötig gewesen sei, einen großen Schnitt zu machen. „Das ist ein Vorteil für den Patienten, und es lohnt sich dann auch finanziell.“

Für die Roboter-Operationen haben die Alb-Fils-Kliniken den bislang ungenutzten zwölften OP-Saal in der Klinik am Eichert aktiviert. Die Ärzte der verschiedenen Abteilungen nutzen den Saal künftig abwechselnd. Die Geschäftsführung hofft nun, dass das Mehr an Technik und Expertise auf Dauer auch zu zusätzlichen Patienten führt und sich die hohen Kosten, die der da Vinci bisher verursacht, mittelfristig in ein Plus verwandeln. An der neuen Klinik am Eichert soll dann ein sogenannter Hybrid-OP – ein Operationssaal, der über zusätzliche bildgebende Verfahren verfügt – die digitale Medizin weiter voranbringen.

Ursprünglich für Kriegseinsätze entwickelt

Erfindung:
Medizinroboter wurden ursprünglich mit Hilfe des US-amerikanischen Militärs entwickelt. Verwundete Soldaten sollten in Krisengebieten operiert werden können, ohne Ärzte gefährden zu müssen. Wegen der weiten Übertragungswege der Daten stießen diese Pläne schnell an ihre Grenzen – stattdessen zog die Computertechnik in die allgemeine Medizin ein.

Da Vinci:
Das erste einsatzfähige System war das von der US-amerikanischen Firma Intuitive Surgical Inc. entwickelte „Da Vinci-Surgical-System“. Seinen Namen hat es von dem berühmten Künstler, der bereits im 15. Jahrhundert Zeichnungen von Maschinen anfertigte, die durch Seilzüge bewegt wurden. Die Bezeichnung „Roboter“ ist eigentlich falsch, denn jede Bewegungen wird von einem Arzt an einer Konsole gesteuert. Damit ist es eher eine Weiterentwicklung des Instrumentariums für die Laparoskopie, also die Schlüssellochchirurgie.