Göppingen „Oh, ich bin selber das Theaterstück“

Von rik 

Das Berliner Regiekollektiv Rimini Protokoll ist international gefragt. Nun gastiert es mit „Hausbesuch Europa“ in der schwäbischen Provinz. Zum Auftakt findet in der Kunsthalle ein Künstlergespräch mit Daniel Wetzel, einem der Macher, statt. Er stammt aus Göppingen.

Daniel Wetzel von Rimini Protokoll kommt zum Künstlergespräch in die Kunsthalle. Foto: Montage: Kruljac
Daniel Wetzel von Rimini Protokoll kommt zum Künstlergespräch in die Kunsthalle. Foto: Montage: Kruljac

Göppingen - Er ist gespannt auf Göppingen. Nicht, dass er die Stadt nicht kennen würde. Ganz im Gegenteil. Daniel Wetzel kommt aus Göppingen, lebt aber mittlerweile in Berlin und Athen und gehört zu dem Autoren- und Regiekollektiv Rimini Protokoll, das seit fast 20 Jahren Theater neu denkt und mit seinen Produktionen international unterwegs ist.

Gegeben wird in Göppingen „Hausbesuch Europa“, ein Stück, das 15 Menschen in einer Privatwohnung um einen Esstisch versammelt, um über Europa zu verhandeln. Das, was dann folgt und wie ein Spieleabend anmutet, ist das Theaterstück. Der Gastgeber und die Gäste sind die Darsteller. Sieben Aufführungen in sieben verschiedenen Wohnungen soll es in Göppingen geben, eventuell auch mehr.

Nichts ist improvisiert

Herzklopfen brauchen die Theaterbesucher, die gleichzeitig auch die Akteure sind, nicht zu haben. „Wir wollen niemanden vorführen“, versichert Daniel Wetzel. Es sei wie im Schwimmbad. „Normalerweise hat dort keiner Lampenfieber, es schwimmen ja alle.“ Dass das vielfach mit Preisen bedachte Regiekollektiv komplett auf eine Bühne verzichtet und die Aufführung in eine Privatwohnung verlegt, ist ein für Rimini Protokoll typischer dramaturgischer Kunstgriff. Andere Stücke spielen in Städten. In „Remote X“ etwa brechen 50 Personen zu einem Stadtspaziergang auf. Geleitet werden sie über Kopfhörer von einer künstlichen Stimme, wie man sie von einem Navigationsgerät kennt. Auch ein Lastwagen kann ein Aufführungsort sein oder eine Daimler-Hauptversammlung.

Für „Hausbesuch Europa“ suchten die Autoren nach der „kleinsten Einheit, in der man Europa spielen kann“. Auch wenn die Aufführungen in einem privaten Rahmen stattfinden, wird nichts improvisiert. Das Stück ist streng durchkomponiert. „Das ist wie eine Versuchsanordnung in einem sehr klar vorgegebenen Rahmen“, erläutert Daniel Wetzel. Da die Aufführung durch Hunderte von Wohnungen in ganz Europa reist, entsteht ein Beziehungsgeflecht über den ganzen Kontinent. Und mittlerweile sogar darüber hinaus. „Hausbesuch Europa“ wurde in abgewandelter Form auch schon in Moskau, Rio oder Los Angeles aufgeführt. Nun hat auch Australien hat Interesse bekundet.

Dass Rimini Protokoll – ein deutscher Exportschlager – nun in die schwäbische Provinz kommt, ist dem Bruder Daniel Wetzels zu verdanken. Valentin Wetzel begleitet die Arbeit der Künstlergruppe seit den Anfängen – und er ist ein großer Fan. „Ich bin immer wieder fasziniert von dieser Art, Kunst zu machen. Man ist unwillkürlich dabei und stellt plötzlich fest, oh, ich bin selber das Stück“, sagt der Kulturwissenschaftler, der in Göppingen geblieben ist. Er konnte den Gemeinderat für das Projekt gewinnen – mit einem schlagenden Argument: „Daniel kommt aus Göppingen.“

Lehrer entfachte Liebe zum Theater

Und Göppingen war der Ort, an dem der Autor und Regisseur, der im Jahr 1969 in Konstanz geboren wurde, seine erste Begegnung mit dem Theater hatte. In der Waldorfschule war das. Ein Lehrer entfachte in der Theater AG in ihm die Leidenschaft für dieses Fach. „Es gibt eine direkte Linie von der Theater AG zu dem internationalen Projekt heute“, konstatiert der Bruder Valentin Wetzel. Die Liebe zur Kunst wurde auch vom Elternhaus gefördert. „Wir kommen aus einem Kulturhaushalt und haben von Anfang an mitbekommen, dass Kunst auf den Wandel der Zeit reagiert und ihn auch reflektiert“, sagt Daniel Wetzel. Das habe seine Neugier darauf, wie es weitergehe, geweckt. So war es nur konsequent, dass er nach seiner Schulzeit in Gießen Angewandte Theaterwissenschaft studierte.

Dort stieß er auch auf Helgard Haug und Stefan Kaegi, die anderen Mitglieder des Autoren- und Regiekollektivs, das seit dem Jahr 2000 unter dem Label Rimini Protokoll firmiert. Die Autoren schreiben nicht im stillen Kämmerlein. Sie entwickeln ihre Stücke draußen, im Kontakt mit den Menschen. „Wir arbeiten rechercheorientiert und führen Interviews“, erläutert Daniel Wetzel das Vorgehen.

Noch sind nicht alle Aufführungen ausgebucht. Daniel Wetzel sieht das gelassen. „In Göppingen sprechen sich die Sachen eher rum, da ist es ganz gut, dass zwischen den einzelnen Aufführungen Lücken sind“, sagt er. Aber: „Ich habe keine Zweifel, dass es voll sein wird.“

Ein kultureller Exportschlager

Rimini Protokoll hat zahlreiche Preise eingeheimst, unter anderem den Europäischen Theaterpreis (2008), den Silbernen Löwen der 41. Theaterbiennale Venedig für das Gesamtwerk (2011) und den Deutschen Hörspielpreis der ARD (2014). Das Künstlerkollektiv gilt als kultureller Exportschlager Deutschlands.

Daniel Wetzel von Rimini Protokoll ist am Samstag, 22. September, um 18 Uhr in der Kunsthalle in Göppingen zu Gast. Der Hausherr Werner Meyer spricht mit ihm über „Spielende Maschinen, flottierende Daten, fragendes Theater“.

Das Café der Kunsthalle ist bis Sonntag, 14. Oktober, ein temporärer Medienraum, in dem Texte, Videos und Hörstücke Einblick in die Arbeit von Rimini Protokoll geben.

„Hausbesuch Europa“ wird am 27. September, 2., 3., 6., 7. , 9. und 10. Oktober aufgeführt. Aufführungsorte sind Privatwohnungen in Göppingen. Tickets gibt es nur im Vorverkauf im ­i-Punkt des Rathauses. Telefonische Bestellungen sind möglich unter der Telefonnummer 01 57 / 8 67 52 09 45.




Veranstaltungen

Unsere Empfehlung für Sie