Göppingen Sorge um Zukunft des Boehringer-Areals

Von  

SPD und Grüne befürchten, dass die Stadt den Plan, auch Kultur und Gastronomie in dem Gewerbegebiet anzusiedeln, der Gewinnmaximierung opfern könnte. Entsteht am Rand der Innenstadt nun eine gesichtslose Ansammlung von Gewerbe?

Das Boehringer-Areal säumt zusammen mit dem gegenüberliegenden Firmensitz von Märklin den westlichen Stadteingang. Foto: StZ
Das Boehringer-Areal säumt zusammen mit dem gegenüberliegenden Firmensitz von Märklin den westlichen Stadteingang. Foto: StZ

Göppingen - Die Begeisterung war groß und die Ideen vielfältig, als die Stadt das Boehringer-Areal gegenüber vom Stammsitz der Firma Märklin im März 2016 übernommen hat. Die Stadträte träumten von einem neuen, offenen Gewerbegebiet. Es sollte jungen Firmen Raum zur Entwicklung bieten und mit Gastronomie und Kulturangeboten auch eine Bereicherung für die Bürger werden. Der Gemeinderat beschloss deshalb, dass die städtische Businesspark-Gesellschaft (BPG) das Gelände zwar wirtschaftlich entwickeln sollte, der Gemeinderat aber für das Gesamtkonzept zuständig bleiben würde. Nun befürchten SPD und Grüne, dass es bald nicht mehr viel zu konzeptionieren gibt. Alles ein Missverständnis, versichert hingegen die BPG.

In einer Ausschusssitzung des Gemeinderats berichtete der BPG-Chef Martin Maier jüngst, dass mittlerweile rund 30 000 der 37 000 Quadratmeter Fläche auf dem Areal vermietet seien – und schreckte damit SPD und Grüne auf. Denn während Quadratmeter um Quadratmeter an Firmen vermietet wird, warten sie immer noch auf Vorschläge für ein Gesamtkonzept für das Areal. Im Herbst hatte der Gemeinderat die Projekt-Entwicklungsfirma Blue Estate damit beauftragt.

Grüne sehen Schorndorf und Schwäbisch Gmünd als Vorbilder

„Wir befürchten, dass die ganze Entwicklung am Gemeinderat vorbeigeht, und wir am Ende vor vollendete Tatsachen gestellt werden“, sagt der SPD-Chef Armin Roos. Schon jetzt gebe es kaum noch freie Flächen, über die der Gemeinderat bei der Entwicklung des Konzepts nachdenken könne. In die gleiche Kerbe schlägt der Grünen-Chef Christoph Weber. Seine Fraktion wisse zwar zu schätzen, dass Maier ein erfolgreicher Geschäftsmann sei, sagt er. „Aber beim Boehringer-Areal soll es eben auch um andere Aspekte gehen.“ Städte wie Schorndorf und Schwäbisch Gmünd hätten ja bereits vorgemacht, wie fruchtbar eine Mischung von Kultur- und Wirtschaftsleben auf alten Industriebrachen sei. „Aber in Göppingen geht es immer nur um die Gewinnmaximierung.“

Im Gespräch mit unserer Zeitung bestätigt Maier, dass 80 Prozent der Flächen vermietet seien. Allerdings, so versichert er, sei das keine Gefahr für das Gesamtkonzept – im Gegenteil. „Das Zauberwort heißt Zwischenvermietung“, erläutert er. Weil es zu teuer sei, die Flächen leer stehen zu lassen, habe man sie für einen beschränkten Zeitraum vermietet. Der Gemeinderat habe dadurch Zeit, das Konzept zu entwickeln, und die BPG dann auch genug Geld, das Konzept umzusetzen. Selbst die Alte Gießerei, die als Zentrum der kulturellen und gastronomischen Entwicklung auf dem Areal betrachtet wird, sei zurzeit vermietet.

Reihe von Konflikten rund um das Boehringer-Areal

Dass die Grünen und die SPD so misstrauisch reagieren, hängt vermutlich mit einer Reihe von Konflikten zusammen, die in den letzten Monaten beim Thema Boehringer-Areal entbrannt sind. So gab es in den vergangenen Wochen einen postalischen Schlagabtausch zwischen Christopher Goelz, dem Vorsitzenden des Technikforums, und dem Oberbürgermeister Guido Till. Der Verein wünscht sich schon lange angemessene Räume, um seine Sammlung historischer Maschinen auszustellen, und hatte Vorschläge für ein Technikmuseum und eine Handwerkergasse in der Alten Gießerei entwickelt. Doch obwohl der Gemeinderat beschlossen hatte, auch dieses Thema bei dem Konzept für das Areal zu bedenken, gab es bisher wenig Rücksprache mit dem Verein.

Goelz fühlt sich von der Stadt nicht Ernst genommen und wirft dem Oberbürgermeister in einem offenen Brief vor, dass der Verein in Absprache mit der Stadt und dem Gemeinderat für 10 000 Euro ein Konzept samt Visualisierung für ein Industriekulturzentrum entwickelt habe, und dieses dann nicht im Gemeinderat habe vorstellen dürfen. Till argumentiert in einem Antwortschreiben, dass er die Alte Gießerei gerne als Ersatz für die Werfthalle im Stauferpark nutzen würde, die an die Firma Kleemann verkauft wurde. Ob das möglich sei, werde zurzeit untersucht. Und er merkt an, dass der Verein das Geld ja freiwillig investiert habe. Goelz wiederum weist in einem weiteren Schreiben darauf hin, dass der Verein das Geld investiert habe, weil es einen bewilligten SPD-Antrag gegeben habe, das Konzept eines Industriekulturzentrums auszuarbeiten. Außerdem warnt Goelz davor, diese „einmalige Chance“ zugunsten einer „drittklassigen Messehalle“ aufzugeben, die man überall in der Stadt bauen könne.

CDU- und FWG-Fraktion sehen das Thema entspannt

Die SPD unterstützt die Vorschläge des Technikforums, die Grünen sind Weber zufolge zwar noch nicht sicher, ob die Stadt ein Technikmuseum braucht, wünschen sich aber ebenfalls mehr Zusammenarbeit mit lokalen Akteuren. „Herr Maier ist ein guter Geschäftsmann, aber kein Kulturmensch“, sagt Weber. „Deshalb sollte er mit den lokalen Experten zusammenarbeiten.“ Allerdings befürchtet Weber, dass daraus nichts wird. Denn auch die Ideen der Ersten Bürgermeisterin Almut Cobet, die unter anderem öffentlich über ein Programmkino, Proberäume für lokale Bands und andere kulturelle Nutzungen der Alten Gießerei nachgedacht hatte, seien von Till bisher nicht aufgegriffen worden.

Die CDU und die FWG-Fraktion sehen das Thema Boehringer-Areal eher entspannt. Der CDU-Chef Felix Gerber betont, dass der Gemeinderat der „Herr des Verfahrens“ sei und bleibe und damit alle Entscheidungen über die Entwicklung am Ende dort gefällt würden.




Veranstaltungen