Göppingen Trippelschrittchen auf der Filstalbahn

Die Pendler auf der Strecke zwischen Geislingen und Plochingen ärgern sich täglich über Verspätungen und Zugausfälle. Foto: dpa
Die Pendler auf der Strecke zwischen Geislingen und Plochingen ärgern sich täglich über Verspätungen und Zugausfälle. Foto: dpa

Das Land hat das Chaos auf der Bahnstrecke satt und fordert bei einer Veranstaltung mit Pendlern im Landratsamt Änderungen in der Chefetage der zuständigen Bahntochter DB Regio. Die Bürger sind allerdings nicht nur mit der Bahn unzufrieden.

Regionales: Karen Schnebeck (ks)
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Göppingen - So tiefe Einblicke in die Hintergründe des seit Monaten andauernden Chaos auf der Filstalbahn zwischen Geislingen und Plochingen (Kreis Esslingen) hat die Bahn noch nie gewährt: Am Montagabend gestand der Leiter der für die Filstalbahn zuständigen DB Regio, David Weltzien, dass sich die Bahn seit Monaten mit Personalproblemen und veralteten Zügen herumschlägt. Demnach haben sich viele Mitarbeiter wegbeworben, weil die ihre Zukunft in der Region Stuttgart ungewiss ist, da die Bahn in den kommenden Jahren viele Strecken an andere Betreiber abgeben muss. Die Bahn versuche gemeinsam mit dem Land alles mögliche, um etwa zusätzliche Lokführer zu gewinnen. So bekomme, wer nach Baden-Württemberg wechsle, eine Prämie von 3000 Euro.

Auch mit den Zügen auf der Filstalbahn habe die Bahn Probleme. Zum einen habe man zu wenige, so Weltzien, zum anderen gebe es in der Werkstatt in Ulm einen Reparaturstau, unter anderem, weil man die Mitarbeiter erst für die Arbeit an anderen Zugmodellen, die jetzt eingesetzt werden, habe schulen müssen.

DB-Regio-Chef in Bedrängnis

Weltzien stand Pendlern und Politikern aus dem Kreis Göppingen bei einem Bahnforum Rede und Antwort, zu dem die Landtagsabgeordneten Alexander Maier (Grüne) und Nicole Razavi (CDU) eingeladen hatten. Vor einigen Wochen hatte der Konzernbevollmächtigte der Bahn, Sven Hantel, bei einem Bahnforum der SPD noch behauptet, man habe keine nennenswerten Personalprobleme und das Zugmaterial sei in Ordnung.

Die ständigen Verspätungen und Zugausfälle bringen den DB-Regio-Chef für Baden-Württemberg Weltzien nun offenbar höchstpersönlich unter Druck. Bei der Veranstaltung im Göppinger Landratsamt sagte der Vertreter des Stuttgarter Verkehrsministeriums, der Ministerialdirektor Uwe Lahl: „Ich glaube, dass wir auch ein Managementproblem bei der Deutschen Bahn haben, das gelöst werden muss.“ Das Land werde sich dafür einsetzen, dass Weltzien ein zweiter Chef für die DB-Regio an die Seite gestellt werde, denn dieser sei offenbar nicht mehr in der Lage, den Berg an Aufgaben, der sich angesammelt habe, alleine zu bewältigen. Im Gespräch mit dieser Zeitung kündigte Lahl nach der Veranstaltung außerdem an, der Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) werde in dieser Sache Druck auf die Bahn machen.

Verkehrsministerium droht DB Region von Vergaben auszuschließen

Außerdem, so Lahl, werde das Land sofern sich die Situation in den kommenden Wochen nicht grundlegend bessere, die DB Regio nicht mehr an Vergaben beteiligen. Man wolle diesen Schritt zwar nicht, aber „wir machen das, wenn wir dazu gezwungen werden.“ Falls es so weit komme, wäre es das erste Mal, dass die DB Regio von Vergaben ausgeschlossen würde. Natürlich, so Lahl, würde die Bahn einen solchen Schritt kaum akzeptieren. „Wir würden uns deshalb also vor Gericht wiedersehen.“

Zur Situation auf der Filstalbahn sagte Lahl, diese sei „chaotisch, völlig inakzeptabel und muss sich ändern“. Damit sprach er den rund 100 Zuhörern im großen Sitzungssaal des Landratsamts, darunter viele Pendler, zwar aus der Seele. Neu war diese Analyse für die Göppinger freilich nicht. Viele begrüßten zwar, dass das Land den Druck auf die Bahn nun verstärkt. Doch so mancher Zuhörer, der sich in der Debatte zu Wort meldete, machte klar, dass das Land aus Sicht der Pendler genauso viel zu den Schwierigkeiten beigetragen hat. Dieses habe den Fahrplan, der sich längst als zu eng gestrickt erwiesen habe, schließlich bei der Bahn bestellt.

Zusätzlicher Zug nach den Sommerferien

In den kommenden Wochen wird sich voraussichtlich wenig für die Pendler verbessern. Lahl und Weltzien berichteten aber, dass nach der Sommerpause ein zusätzlicher Zug für die Filstalbahn in Stuttgart bereitstehe, damit sich Verspätungen künftig nicht mehr aufschaukelten. Die meisten Züge könnten dann auf die sogenannte kurze Wende am Bahnhof verzichten. Sie starteten dadurch künftig pünktlich, Verspätungen, die sich während der Fahrt ergäben, könnten damit freilich nicht aufgefangen werden. Außerdem sei es leider nicht vor Dezember möglich, bei allen Fahrten auf die kurze Wende zu verzichten. Denn die ganz großen Verbesserungen seien erst mit der Fahrplanänderung im Dezember möglich.

Die Pendler konnten nicht verstehen, dass sie noch bis September auf Verbesserungen warten müssen. „Wir stehen da jeden Tag und warten“, schimpfte einer. Noch größer wurde die Empörung als ein Mitarbeiter von Weltzien auf das mehrfache Nachfragen der Pendler, welche Züge denn weiterhin die kurze Wende fahren müssten, zugab, dass es sich dabei ausgerechnet um die Züge handle, die laut Fahrplan um 16.31 Uhr und 17.31 Uhr in Stuttgart starten – die Züge also, die von den meisten Pendlern für die Heimfahrt genutzt werden.

Bisher sind keine finanziellen Entschädigungen für Pendler geplant

„Dann bringt uns das also gar nichts“, empörte sich einer der Pendler, ein anderer sprach von einem „Skandal“. Weltzien erklärte, dass man das leider nicht ändern könne, weil man sonst dem Fernverkehr ins Gehege komme. Lahl kündigte nach der Veranstaltung an, sein Ministerium werde in dieser Sache Druck auf die DB Fernverkehr machen. „Die wollen schließlich auch immer wieder etwas von uns.“

Ob die Pendler eine finanzielle Entschädigung für all die Verspätungen und Zugausfälle bekommen, ist weiter unklar. Lahl kündigte an, das Land werde noch etwas abwarten, ob die Bahn die Probleme in den kommenden Wochen in den Griff bekomme. Wie bereits berichtet, fordern die Pendler mit Jahreskarten eine Entschädigung, wie sie unter anderem die Nutzer der Remsbahn erhalten haben. Zur Debatte steht zurzeit, dass das Land einen Teil der Strafzahlungen, die die Bahn für Verspätungen leisten muss, an die Pendler abgibt. Außerdem wollen die Pendler einen Teil ihrer Kosten für ihre Jahreskarten erstattet bekommen. Die Bahn lehnt eine solche Zahlung aus eigenen Mitteln weiterhin ab.




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