Sein bärtiges Gesicht ist von der Arbeit in der Landwirtschaft wettergegerbt. „Ich bin ein Kämpfer“, sagt Georg Gallus. Foto: Andreas Reiner
Am 19. März 2023 schießt ein Unbekannter auf den Göppinger FDP-Kreisrat Georg Gallus. Wie hat der 67-Jährige dieses traumatische Ereignis bis heute verarbeitet?
Wolfgang Berger
13.12.2024 - 13:49 Uhr
Blutend schleppt sich Georg Gallus die Treppe hoch, gestützt von seinem Sohn. Es ist vier Uhr morgens, und es ist ernst. Gallus fürchtet, dass er den Tag nicht überleben wird. „Ich habe mich von meinen Kindern verabschiedet, für mich war klar, es ist vorbei“, erinnert er sich an den Mordanschlag auf ihn am 19. März vergangenen Jahres in seinem eigenen Haus in Hattenhofen, einer kleinen Gemeinde im Albvorland.
Zunächst sichert die Polizei den außerhalb des Ortes am Rand eines Wäldchens gelegenen Hof des Landwirts, denn der Schütze könnte noch auf dem Gelände sein und aus dem Hinterhalt weitere Personen ins Visier nehmen. Endlich kann der durch mehrere Schüsse Schwerverletzte notärztlich versorgt werden. Die Zeit bis dahin kommt Gallus wie eine Ewigkeit vor. „In dem Moment habe ich mein ganzes Leben an mir vorbeiziehen sehen.“ Im Krankenhaus in Göppingen retten die Ärzte in einer Not-OP das Leben des heute 67-Jährigen, der für die FDP im Kreistag sitzt.
Gallus wird von zwei Kugeln getroffen
Gallus‘ Wohnung auf dem Uhlandhof liegt ebenerdig. Am Abend vor der Tat geht er wie gewohnt zu Bett. Gegen zwei Uhr wacht er allerdings auf. Er schaltet den Nachrichtenkanal Phoenix ein. Während der Fernseher läuft, schläft Gallus auf dem Sofa wieder ein. Plötzlich kracht ein Schuss, ein Projektil durchschlägt das große Panoramafenster. Die erste Kugel trifft Georg Gallus im Bereich des Unterschenkels, eine zweite tritt in den Oberschenkel ein.
Durch das Fenster erkennt Gallus schemenhaft eine Gestalt, instinktiv ergreift er den Tisch vor dem Sofa und hält das Möbel wie einen Schild vor sich. Das Adrenalin verhindert, dass er Schmerzen empfindet. Etwa drei Meter entfernt lauert der Attentäter auf seine nächste Gelegenheit. Fieberhaft überlegt Gallus, was er tun soll. Flüchten? Ein paar Schritte nach hinten, um die Ecke und er wäre aus der Schusslinie. Gallus gibt seine Deckung auf und versucht, sich in Sicherheit zu bringen. In dem Moment feuert der Täter erneut, zwei weitere Projektile treffen die Rückenpartie, eine der Kugeln verfehlt die Wirbelsäule nur knapp. Doch Gallus entkommt dem Unbekannten, sein Sohn eilt herunter und leistet Erste Hilfe.
Die Einschusslöcher in der Wohnzimmerscheibe. Foto: Andreas Reiner
Angeschossen ist er die ganze Zeit über bei Bewusstsein, noch kurz vor der Not-OP löchern Polizeibeamte ihn mit Fragen zum Tathergang. Über vier Wochen wird Gallus medizinisch behandelt, im Krankenhaus steht er unter Polizeischutz. Die Kripo bildet eine Sonderkommission. „Jeden Tag bin ich in der Klinik befragt worden, vier, fünf Stunden lang, das war Stress“, sagt Gallus. Die Ermittler prüfen Spuren, durchleuchten das berufliche und das persönliche Umfeld des Opfers nach einem möglichen Motiv. Doch trotz aller Akribie wird der Täter nicht gefasst, schließlich stellt die Soko ihre Ermittlungen ein.
Die Polizei rät zu diversen Vorsichtsmaßnahmen
Gut anderthalb Jahre nach dem heimtückischen Angriff ist das Sofa entsorgt. Doch noch immer erinnern die Einschusslöcher in der Scheibe an die dramatischen Minuten, die Georg Gallus‘ bis dahin normales Dasein auf den Kopf gestellt haben. „Hier in dieser Wohnung kann ich nicht mehr leben, das ist klar.“ Der vierfache Vater wechselt auf Anraten der Polizei weiter seine Aufenthaltsorte, ist mal hier und mal dort. Er hält sich an Vorsichtsmaßnahmen, im Restaurant wählt er den Platz so, dass er niemanden im Rücken hat.
Georg Gallus sitzt an einem schweren Holztisch, das bärtige Gesicht von der Arbeit in der Landwirtschaft wettergegerbt, die kräftigen Hände eines Schaffers. „Körperlich habe ich es gut weggesteckt.“ Seelisch aber hat der gezielte Mordversuch tiefe Spuren hinterlassen. „Ich habe wahnsinnige Schlafstörungen, schlafe drei bis fünf Stunden pro Nacht nicht. Mein Biorhythmus ist total durcheinander“, schildert Gallus die psychosomatischen Folgen. Wenn er auf dem weitläufigen Gelände seines abgelegenen Aussiedlerhofes unterwegs ist, beschleicht ihn ein komisches Gefühl. Was ist hinter der nächsten Hecke?
Seine Arbeit lenkt ihn ab und hilft bei aufkeimender Paranoia. Georg Gallus wächst in den 1960er-Jahren auf dem elterlichen Hof auf, der sich damals noch in der Ortsmitte von Hattenhofen neben der katholischen Kirche befindet, und hilft von klein auf mit. „Meine Eltern wollten, dass ich nach der Realschule Bauer werde. Ich wollte aber aufs Gymnasium. Das habe ich dann auch durchgesetzt, aber unter der Bedingung, dass ich vor Unterrichtsbeginn in den Stall gehe.“
Schon als Kind kommt er mit der Politik in Kontakt
Jeden Morgen um 5.30 Uhr weckt ihn die Oma. „Georg, du musst in den Stall.“ Tagtäglich eine Stunde – misten und 20 Kühe füttern, eine schwere Arbeit. Dann unter die Dusche, die Oma richtet so lange das Frühstück. Georg schnappt sich den Schulranzen und rennt zur Haltestelle. Um 6.55 Uhr fährt der Bus nach Göppingen ab. „Dann kam ich mittags heim und musste weiterarbeiten. Ich hab das hingekriegt, darauf bin ich stolz.“
Sein Vater, Georg Gallus senior, sitzt zu der Zeit bereits für die FDP im Bundestag. Das Interesse für Politik ist da bei Georg Gallus junior längst geweckt. Am 23. November 1963 stehen Vater und Sohn auf einem Misthaufen und laden Mist auf einen Wagen. „Auf einmal kommt ein großer Mercedes vorgefahren mit Chauffeur.“ Ein Mann mit Bart und Krawatte steigt aus, Carl-Hermann Gaiser, Unternehmer aus Göppingen und FDP-Kreisvorsitzender. Er erzählt von dem Anschlag auf John F. Kennedy am Tag zuvor.
Der Junge ist beeindruckt und fragt danach seinen Vater zu Kennedy und Amerika aus. „Ab da war ich angefixt für politische Themen.“ Sein Vater macht in Bonn Karriere, 1976 wird er parlamentarischer Staatssekretär im Landwirtschaftsministerium. 16 Jahre lang wird der vor drei Jahren gestorbene Politiker dieses Amt bekleiden. Dienstreisen nach Dänemark oder in die Niederlande – wann immer es sich einrichten lässt, begleitet ihn der Sohn, der auf diese Weise früh Politikluft schnuppert. Der Besuch der Grünen Woche ist jedes Mal, wie Gallus sagt, „ein Highlight“. Bei den Olympischen Spielen 1972 in München sitzt der Jugendliche beim Wasserball neben König Konstantin II. von Griechenland.
Ein Agrarwirt, der neue Weg beschreitet
Noch im selben Jahr tritt der junge Gallus in die FDP ein. Der Sohn tritt zum Teil in die Fußstapfen des Vaters, übernimmt den Familienbetrieb, siedelt 1980 mit dem Hof aus der Ortsmitte aus. Er ist im Turnverein, im Schützenverein und in weiteren vier Vereinen, und er mischt in der Kommunalpolitik mit, wird Gemeinderat in Hattenhofen.
Parallel zum Bau des Uhlandhofs studiert er in Hohenheim. Das Agraringenieur-Diplom in der Tasche gibt Selbstbewusstsein und erlaubt es ihm, „auf Augenhöhe fachlich diskutieren zu können“. Nach zwei Amtsperioden scheidet Gallus aus dem Gemeinderat aus, weil der Hof ihn komplett vereinnahmt, wie er sagt. Dank seiner Neugierde probiert er gerne Neues aus. Sein Betrieb, den mittlerweile sein Sohn Johannes weitgehend führt, unterscheidet sich von einem traditionellen Bauernhof. Kein Vieh, dafür eine Weihnachtsbaumplantage. Im Internet präsentiert sich der Uhlandhof zudem als Bezugsquelle von Holzhackschnitzeln aus regionalem Anbau. Eine umgebaute Lagerhalle dient als Eventlocation für Geburtstage, Hochzeiten oder Firmenfeste. Ein rustikales Ambiente für 120 Personen.
Eine Holztreppe führt zu einer Empore, Georg Gallus‘ „liberaler Stube“. Die Wände sind voller Fotos und Zeichnungen: Hans-Dietrich Genscher, Walter Scheel und weitere Parteipromis begegnen einem. Ein Album persönlicher und politischer Erinnerungen. „Fast seit ich denken kann, bin ich FDP-Mitglied“, sagt Gallus. Umso größer ist seine Angst vor einem Scheitern der Partei und deren freiem Fall. „Dann ist die FDP kaputt.“
Das will er verhindern. Am 23. November kandidiert der Göppinger Kreisrat erstmals bei der Landesdelegiertenversammlung für die Bundestagswahl-Spitzenkandidatur. So fordert er die designierte Spitzenkandidatin Judith Skudelny heraus, an deren Arbeit er kein gutes Haar lässt. „Wir Südwestliberalen sind seit Jahren in Berlin kaltgestellt“, sagt er und macht dafür vor allem Skudelny, die Generalsekretärin der FDP Baden-Württemberg, verantwortlich.
„Aktenzeichen XY“ rollt den ungelösten Fall noch einmal auf
Dass der Rebell bei der Abstimmung für die Landesliste in Karlsruhe gegen Skudelny den Kürzeren zieht, ficht ihn nicht an. „Ich bin ein Kämpfer“, sagt Gallus.
Mehr als einmal in seinem Leben ist Georg Gallus mit seiner kantigen Art angeeckt. Doch wen hat er mit seiner „frechen Gosch“ je so sehr erbost, dass er oder sie ihm an jenem 19. März 2023 ans Leder wollte? Er weiß es nicht, glaubt aber, dass der Anschlag auf ihn gesellschaftspolitisch motiviert war.
Anfang November rollt „Aktenzeichen XY“ den ungelösten Fall noch einmal auf. Der erhoffte Durchbruch bleibt erst einmal aus, nach wie vor läuft der Täter frei herum. Die Polizei hat Gallus angeboten, einfach in der Anonymität zu verschwinden. Eine neue Identität, kein Kontakt mehr zur Familie, kein öffentliches Auftreten. Für Georg Gallus keine Option. „Das Schlimmste, was dir passieren kann, ist, dass jemand versucht, dir die Freiheit zu nehmen.“
Auf dem Uhlandhof steht ein Stück aus der Berliner Mauer, das Georg Gallus aus der Hauptstadt hat kommen lassen. Das Mauerteil ist für ihn auch ein Symbol für seine persönliche Freiheit, auf die er nach dem Mordanschlag erst recht nicht verzichten will.