Götz Werner ist tot Menschenfreund und kluger Geschäftsmann
dm-Gründer Götz Werner ist 78-jährig gestorben. Sein Einfluss geht weit über den Aufbau von Europas größter Drogeriekette hinaus. Bis zu seinem Tod wollte er etwas Besonderes erreichen.
dm-Gründer Götz Werner ist 78-jährig gestorben. Sein Einfluss geht weit über den Aufbau von Europas größter Drogeriekette hinaus. Bis zu seinem Tod wollte er etwas Besonderes erreichen.
Stuttgart - Nein, ein normaler Geschäftsmann war Götz Werner wirklich nicht. Er hat mit der Gründung der ersten dm-Filiale 1973 in Karlsruhe nicht nur Schritt für Schritt Europas größte Drogeriemarktkette geschaffen, die heute 66 000 Beschäftigte zählt. Er hat es auf eine Weise getan, die von seiner Liebe zur Anthroposophie und zu den Menschen geprägt wurde.
Die Beschäftigten sah er als „freiheitsliebende Entwicklungswesen“, deren Potenzial man nutzen sollte. Als Unternehmer wie Bürger folgte er seiner Maxime der „permanenten, konstruktiven Unzufriedenheit mit den bestehenden Verhältnissen“, wie er sagte, und war auch deshalb bereit, sich und das Unternehmen immer wieder zu verändern. Am Dienstagvormittag ist Werner 78-jährig gestorben.
Seine Kräfte hätten in den zurückliegenden Monaten kontinuierlich nachgelassen, teilte seine Familie mit. Götz Werner sei friedlich gestorben, man sei „in tiefer und stiller Trauer“. Werner wohnte mit seiner Frau Beatrice in Stuttgart. Er hinterlässt sieben Kinder und mehrere Enkel.
Werner wurde am 5. Februar 1944 in Heidelberg geboren, der Vater war Drogist. Dass der Sohn sich auch stark mit sozialen Dingen beschäftigte und auch unternehmerisch anders tickte, beendete die Karriere Götz Werners im väterlichen Geschäft abrupt. Dass er einmal ein Pionier unter den Drogeriegründern werden würde, war nicht vorhersehbar, wie Werner selbst in seiner Biografie schrieb: „In der Schule sitzengeblieben, nach elf Schuljahren abgegangen. Deutscher Jugendmeister im Rudern, Drogist gelernt, Prokurist geworden. Verstoßener Sohn. Realträumer. Gründer wider Willen.“
Nach der Gründung seines ersten Selbstbedienung-Drogeriemarkts (dm) mit Ende 20 ging es für Werner geschäftlich stetig bergauf. Wie die anderen Pioniere Schlecker und Rossmann setzte er auf ein stark reduziertes Sortiment und niedrige Preise. Darüber hinaus setzte Werner aber auch früh auf Allianzen, Bio und eine viel größere Kundenorientierung als beispielsweise Schlecker. Seine Art der Mitarbeiterführung wurde schon bald legendär. Das Unternehmen sei ein sozialer Organismus mit „Lernlingen“ statt Lehrlingen. Der Goethe-Fan bot Mitarbeitern Theater-Workshops an.
Der geschäftliche Erfolg gab dem unkonventionellen Ansatz recht: Allein in Deutschland ist das Unternehmen auf 43 000 Mitarbeiter gewachsen. Der gesamte Jahresumsatz betrug zuletzt mehr als 12 Milliarden Euro.
2008 zog sich Werner aus der Konzernspitze zurück und wechselte in den Aufsichtsrat. Sein Sohn Christoph Werner, der 2019 die Geschäftsführung übernahm, sagte vor wenigen Tagen im Gespräch mit unserer Zeitung: „Meinen Vater hat immer ausgezeichnet, dass er veränderungsfähig war.“ Wenn er seinen Vater als Kind bei Besuchen in den Filialen begleitete, habe er bewundert, „mit welcher Leichtigkeit“ dieser kommuniziert habe, „mit einem Lächeln auf den Lippen. Er hat nie den Zampano markiert, sondern sich mit den Leuten unterhalten und sich für sie ernsthaft interessiert“.
In den vergangenen Jahren war Götz Werner vor allem als unermüdlicher Vorkämpfer für das bedingungslose Grundeinkommen unterwegs. Das „Einkommen für alle“ – so der Titel seines Buches – hatte für ihn etwas mit der Würde des Menschen zu tun.
Auch deshalb begründete er in einem Interview mit unserer Zeitung, warum er 2010 seine Unternehmensanteile in eine gemeinnützige Stiftung gab: „Wenn ich später vor dem Jüngsten Gericht stehe, wird nicht gefragt: Warum hast du so viel gehabt? Sondern es wird gefragt: Was hast du damit gemacht? Die Amerikaner sagen deshalb: Reich werden darfst du, aber du darfst nicht reich sterben. Du musst etwas Vernünftiges daraus machen.“
Die Landesregierung würdigte die Verdienste Werners. „Wir trauern um einen großen Baden-Württemberger. Als Unternehmer war Götz Werner ein Vordenker, ein Gestalter, ein Visionär“, sagte der stellvertretende Ministerpräsident Thomas Strobl (CDU). „Unternehmerischen Wert zu schaffen bedeutete für ihn auch und vor allem, für eine freie, gerechte und durch Zusammenhalt geprägte Gesellschaft einzutreten. Das hat er mit Nachdruck getan.“
Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Interview mit Götz Werner aus dem Jahr 2010