Zhangjiakou - Auf der Innenseite seines rechten Oberarms trägt Martin Nörl ein Tattoo. Es ist ein kleines Kunstwerk aus den fünf olympischen Ringen, der Zahl Acht und den drei Buchstaben „SBX“, die für seine Disziplin stehen. Vor vier Jahren ließ sich der Snowboard-Crosser die Tätowierung stechen, nach seinem achten Platz bei den Winterspielen in Pyeongchang. Er war sich damals nicht sicher, ob es nicht zugleich einen Abschied markieren würde. Im Verband ging nicht viel vorwärts, Nörl dachte übers Aufhören nach. Und machte dann doch weiter, mit einem klaren Ziel: 2022 in Peking besser zu sein. Die Chancen? Stehen alles andere als schlecht.
Rennverläufe sind nicht planbar
Klar, in Cross-Rennen kann viel passieren, egal ob auf Skiern oder dem Snowboard. Vier Besessene rasen zu Tal, nur zwei kommen weiter. Eine Unaufmerksamkeit, ein Fehler, gar ein Sturz – schon ist man raus. Und doch gibt es eine Konstante, zumindest was die letzten drei Rennen angeht. Denn der Sieger hieß jeweils: Martin Nörl. Erst landete er einen doppelten Coup im russischen Krasnojarsk, dann gewann er auch die Olympia-Generalprobe in Cortina d’Ampezzo und trägt seither das Gelbe Trikot des Weltcup-Führenden. „Natürlich bin ich jetzt selbstbewusster. Ich weiß, dass ich voll dabei bin. Aber der Druck ist nun höher, auch von mir selbst“, sagt Nörl (28), normalerweise kein Mann großer Worte. Um auf die Frage, ob er in der Form seines Lebens sei, hinterherzuschieben: „Ich bin sehr schnell im Moment. Ich hoffe, dass dies noch ein Weilchen anhält.“ Die Konkurrenz denkt anders.
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Martin Nörl hat den Rest des Feldes zuletzt ziemlich beeindruckt. Schließlich gibt es eine solche Siegesserie nicht oft im Weltcup, er selbst war zuvor überhaupt nur einmal erfolgreich gewesen. Der Respekt, meint Korbinian Harder, sei auch an der Strecke in Zhangjiakou deutlich zu spüren. „Wenn er im Training oben losfährt, gehen bei den Coaches an der Strecke die Kameras an“, erklärt der Coach aus dem deutschen Team, „die anderen Nationen wissen natürlich, wo sie genauer hinschauen müssen.“ Beim Favoriten.
Eine Medaille soll her
Einen Platz auf dem Treppchen peilt Martin Nörl an, und seine Lieblingsfarbe, das hat er neulich verraten, ist Gold. Zugleich weiß er, dass nichts selbstverständlich ist. Und er kennt auch seine Schwächen. Am Start ist er nicht so explosiv wie andere, meist geht es für ihn darum, sich nach vorne zu kämpfen, nicht eine der ersten zwei Positionen zu verteidigen. Dafür braucht der Sportsoldat und Vater von zwei Töchtern genügend Platz. Bei den Rennen in Russland hatte er diesen Raum zur freien Entfaltung, nun ist er zumindest optimistisch. „Die Strecke hier in Zhangjiakou ist nicht schlecht für mich. Sie ist kein zweites Krasnojarsk, aber breit genug, um gut überholen zu können“, sagt er vor dem olympischen Wettbewerb an diesem Donnerstag (Qualifikation 4.15 Uhr, Achtelfinale 7 Uhr/MEZ), „doch ich brauche im Rennen eine Lücke. Wenn die nicht da ist, kann es auch sehr schnell vorbei sein.“ Das gilt für alle Starter – von denen allerdings keiner zuletzt einen so guten Lauf hatte wie Martin Nörl.
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Nun ist wichtig, in der Spur zu bleiben. Um nach den Spielen erneut den Tätowierer aufsuchen zu können? Der Snowboarder winkt ab. „Mein großes Ziel war immer, bei Olympischen Spielen dabei zu sein“, sagt er, „das erste Mal bleibt etwas ganz Besonderes.“ Erst recht, weil die Umstände in China, um es vorsichtig auszudrücken, speziell sind. „Ich hätte die Spiele woandershin vergeben“, sagte er vor dem Abflug, „in ein Land, in dem auf Menschenrechte mehr Wert gelegt wird.“
Weil diese Entscheidung vor Jahren andere getroffen haben, konzentriert sich Nörl nun auf den Sport. Auf die Lücke, die sich auftun muss. Und auf den Kampf um eine Medaille, mit der er sich das nächste olympische Ziel erfüllen würde. Auch ohne Tattoo.