Golden State Killer Auf der Spur des Serienmörders

Von Von Michael Setzer 

Nach mehr als 40 Jahren wurde der „Golden State Killer“ überführt. Es ist auch die tragische Geschichte der Autorin Michelle McNamara und ihres Ehemanns, dem US-Schauspielers und Komiker Patton Oswalt.

Nach über 40 Jahren überführt und vor Gericht: der „Golden State Killer“, Joseph James DeAngelo, ein ehemaliger Polizist aus Kalifornien. Foto: picture alliance/dpa/Rich Pedroncelli 4 Bilder
Nach über 40 Jahren überführt und vor Gericht: der „Golden State Killer“, Joseph James DeAngelo, ein ehemaliger Polizist aus Kalifornien. Foto: picture alliance/dpa/Rich Pedroncelli

Stuttgart - Die Abkürzung EARONS klang zynisch, das war allerdings der Bürokratie geschuldet – und eigentlich war alles viel schlimmer: „East Area Rapist“ (EAR), „Original Night Stalker“ (ONS) und „Visalia Ransacker“. So hießen drei voneinander völlig unabhängige Fallakten, allesamt ungelöst und verteilt auf mehrere kalifornische Polizeidienststellen – Ehe die Ermittler 2001 feststellten, dass diese zwischen 1974 und 1986 verübten Taten zweifelsfrei einem Täter zuzuordnen sind. Die Akten wurden zusammengelegt zu EARONS, doch auch die neuen Erkenntnisse führten die Ermittler nicht weiter.

Seit diesem Zeitpunkt umfasste EARONS 12 Morde, mehr als 50 Vergewaltigungen, brutale Einbrüche, Entführungen und sadistische Scheußlichkeiten. Die Rede war von einem der schlimmsten Serienmörder der Geschichte Kaliforniens. Dennoch: Es blieb weiterhin ein so genannter „Cold Case“, ein Fall, der nicht aufgeklärt werden konnte und deshalb nicht mehr mit voller Ermittlerstärke von der Polizei verfolgt wurde, ehe neue Erkenntnisse auftauchen. Jahre später erst kam Michelle McNamara ins Spiel.

Ein Name für das Abscheuliche

Der True-Crime-Autorin Michelle McNamara ist es zu verdanken, dass der Mann, dem sie selbst den griffigen Namen „Golden State Killer“ gibt, nach über 40 Jahren gefasst und jetzt verurteilt werden kann. Gut fünf Jahre widmet die Kalifornierin diesem Fall, nahezu besessen davon, den Täter selbst zu finden.

Zuerst berichtet sie in ihrem Blog „True Crime Diary“, dann regelmäßig in Zeitungsartikeln vom „Golden State Killer“. Ihre Erkenntnisse teilt sie mit den zuständigen Behörden, die der Autorin wiederum Einblicke in die alten Akten gewähren. Sie verschafft dem Fall neue Aufmerksamkeit – nicht nur in der Öffentlichkeit, sondern auch in den zuständigen Polizeibehörden. McNamara macht den „Golden State Killer“ zur Marke. Und McNamara arbeitet an einem Buch, das ihre nahezu obsessive Arbeit an dem Fall dokumentiert.

Ein tragischer Tod

Doch die Veröffentlichung von „I’ll be gone in the dark“ (Deutscher Titel: „Ich ging in die Dunkelheit“) und auch die Festnahme und Verurteilung des Täters darf Michelle McNamara nicht mehr miterleben. Die Autorin stirbt im April 2016 im Alter von 46 Jahren an den Folgen einer Arzneimittelwechselwirkung, einer versehentlichen Überdosis. Zurück bleiben ihre Tochter und ihr Ehemann Patton Oswalt.

Patton Oswalt wiederum ist in den USA ein bekannter Schauspieler und beliebter Comedian, er spielt unter anderem den Spence Olchin in der Sitcom „King Of Queens“. In einer Mischung aus Trauerbewältigung und Achtung vor der Arbeit seiner Frau, ruft der Witwer und nun alleinerziehende Vater die bislang am Projekt seiner Frau beteiligten Verleger, Faktenprüfer und Journalisten zusammen, fragt, wie er helfen könne, dieses Projekt posthum fertigzustellen. Er verschafft dem Fall und den Recherchen seiner verstorbenen Frau erneut weitere Aufmerksamkeit in den USA.

Besessen vom Killer

McNamaras Besessenheit vom „Golden State Killer“ geht bisweilen so weit, dass sie, Oswalt und die Tochter mehrmals vorsorglich aus dem gemeinsamen Haus ausquartiert, um den Fall zu Hause mittels Polizeiberichten und Tatortfotos bis ins kleinste Detail zu rekonstruieren. Und diese Polizeiakten sind nichts für schwache Gemüter:

Der maskierte „Golden State Killer“ entführte unter anderem Paare, fesselte den Ehemann und stellte Geschirr auf ihm ab, bevor er im Nebenzimmer dessen Frau vergewaltigte. Er drohte, beide zu töten, sollte das Geschirr herunterfallen. Ein anderer Mann verkündete im kalifornischen Fernsehen, er würde diesen Killer fertigmachen, komme er ihm und seiner Frau zu nahe. Beide wurden seine nächsten Opfer.

Der „Golden State Killer“ wird gefasst

Im Februar 2018, fast zwei Jahre nach dem Tod McNamaras, erscheint ihr Buch „I‘ll be gone in the Dark“ und während Patton Oswalt noch in Talkshows über seine Frau, ihr Herzensprojekt, das Buch und den „Golden State Killer“ erzählt, wird Joseph James DeAngelo im April 2018 tatsächlich im nordkalifornischen Sacramento festgenommen.

Modernste DNA- und Ahnenforschungs-Datenbanken führen die Polizei erst zu entfernten Verwandten des Täters, dann schließlich bis zu seiner Haustüre in Sacramento. DeAngelo, damals 72 Jahre alt, ist ein Ex-Polizist, 1979 wegen Ladendiebstahls aus dem Dienst entlassen.

Wohl auch um der Todesstrafe zu entgehen, gesteht der heute 74-Jährige nun 13 Morde und über 160 Verbrechen wie Entführung, Einbruch, Raub und Vergewaltigung, teils bereits verjährt. Er soll zu lebenslanger Haft verurteilt werden.

Genau darum ging es Michelle McNamara, als sie sich auch ein bisschen zu tief in Fall des „Golden State Killers“ stürzte. Dass er endlich gefasst wird. Die kalifornischen Behörden lassen verlauten, McNamaras Erkenntnisse hätten nicht zur Ergreifung des Täters geführt. Der US-Pay-TV-Sender HBO sicherte sich die Rechte an McNamaras Buch für eine Doku-Serie.




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