Goldraubprozess Schweigen ist Gold

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Drei Angeklagte haben gestanden, zwei bleiben stumm, und die Anwälte streiten: das Urteil im Mammutprozess zum Goldraubprozess rückt näher.

Rapper und Räuber: schon als Musiker stand Xatar auf Goldschmuck. Wegen Geldsorgen habe er sich zu dem Überfall entschlossen, sagt er. Foto: planetlyrics
Rapper und Räuber: schon als Musiker stand Xatar auf Goldschmuck. Wegen Geldsorgen habe er sich zu dem Überfall entschlossen, sagt er. Foto: planetlyrics

Stuttgart - Wenn Jörg Geiger konzentriert zuhört, nimmt er seine Brille ab und drückt den Brillenbügel gegen die Unterlippe. Oder er rückt das Gestell nur tiefer auf die Nase und blickt scharf über die Gläser hinweg. Als Vorsitzender Richter im Goldraubprozess muss Jörg Geiger häufig konzentriert zuhören, es ist eine seiner Stärken. Der Richter ist der Ruhepol in einem lauten Verfahren. Wenn die zehn Anwälte streiten und sich anschreien - Jörg Geiger erträgt es mit großer Gleichmut. Wenn ein Verteidiger quälend langsam einen Beweisantrag vorliest - ebenfalls. Jetzt aber, nach fast 60 Verhandlungstagen, hat er genug gehört, denn es ist alles gesagt. Von einem "zügigen Abschluss des Verfahrens" sprach Geiger am Donnerstag. Er will die Beweisaufnahme schließen. Neue Töne. Der Mammutprozess nähert sich dem Ende.

Der Goldraub war spektakulär, der Prozess ist es ebenfalls. Vor der 19. Großen Strafkammer des Stuttgarter Landgerichts wird seit mehr als einem Jahr eine Geschichte mit vielen Kapiteln erzählt. Es geht um Räuber und Rapper, steinreiche Goldhändler, Hintermänner und Justizopfer, um Freundschaft und Folter.

Mehrere Hundert Stunden wurde bereits verhandelt

Am 15. Oktober 2009 hat eine Gruppe von vermutlich fünf Männern auf der Autobahn bei Ludwigsburg einen Goldtransporter ausgeraubt. Die als Polizisten verkleideten Täter gaben sich als Steuerfahnder aus, fesselten die zwei Fahrer und setzten sie in einem Wald aus. Die Beute: 120 Kilo Edelmetall im Wert von 1,7 Millionen Euro, es gehörte einem Goldhändler aus Nürnberg. Hinweise aus der Bevölkerung, abgehörte Telefonate und DNA-Spuren erhärteten den Verdacht gegen mehrere vorbestrafte Männer aus dem Raum Bonn, wo ein halbes Jahr nach dem Raub zwei der Angeklagten festgenommen wurden. Drei weitere flüchteten, wurden später im Irak geschnappt. Am 27. Oktober 2010 hat der Prozess begonnen, mehrere Hundert Stunden wurde seither verhandelt.

Durch die schmalen Fenster fällt nur wenig Tageslicht in den Gerichtssaal. Die Angeklagten werden in Handschellen zu ihren Plätzen geführt, zuletzt Xatar. Glatze, akkurat rasierter Kinn- und Oberlippenbart, feiner dunkler Anzug über dem kräftigen Körper. Und der Fleck auf der Stirn. Es ist ein Gebetsfleck, wie ihn viele Muslime bekommen, weil sie sich beim Ritualgebet zu Boden werfen. Xatar sei in der Haft zu einem tiefgläubigen Mann geworden, sagt sein Anwalt. Früher, vor dem Goldraub, als GiwarH. alias Xatar noch Gangstarapper war, gab es den Fleck nicht. Mit knallharten Texten machte der Musiker aus Bonn auf sich aufmerksam: "Es wird nicht mehr gelacht, ihr habt Xatar sauer gemacht. Ich pack links mein Schlagring und rechts meine Axt. Ich hör nicht auf, bis ich höre, wie dein Schädelknochen platzt." Für Schlagzeilen sorgte der heute 29-Jährige auch neben der Bühne, weil er bei einer Playboy-Party in Los Angeles ein Bunny gehauen haben soll. Ende 2009 wurde der Rapper dann wirklich zum Gangster.

Xatar hat gestanden. Im Mai bot die Kammer allen Angeklagten einen Deal an: Wer gesteht, werde zu maximal acht Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Xatar schlug ein und schilderte, wie er den Coup vorbereitete, durchzog und danach "wochenlang Paranoia" hatte, entdeckt zu werden. "Das war wirklich nicht schön. Das können Sie mir glauben, Herr Richter."

Auch Kawa H., 27 Jahre alt, und Max. G., 25 Jahre, haben ausgesagt. Xatars Vater war Komponist, Kawa H. ist der Enkel eines Kurdenführers im Iran, Max G. hat Wirtschaftsinformatik studiert. Die drei sind intelligent und gebildet. Wegen Geldsorgen habe er sich zu dem Goldraub entschlossen, sagte Xatar. Kawa H. erklärte, er sei zwar nicht direkt an der Tat beteiligt gewesen, habe aber den Kontakt zum Hintermann, zu Donald S., hergestellt. Auch der hat einen ungewöhnlichen Lebenslauf. Donald S. saß acht Jahre wegen eines Banküberfalls im Knast, den er, wie sich später herausstellte, nicht begangen hat. Danach erzählte er seine Geschichte in TV-Talkshows. Irgendwann, so vermutet die Staatsanwaltschaft, muss ihm die Idee gekommen sein, tatsächlich ein krummes Ding zu drehen. Der 54-Jährige soll die Räuber mit den entscheidenden Hinweisen über den anstehenden Goldtransport versorgt haben, Xatar, Kawa H. und der Besitzer des Goldes haben ihn schwer belastet. Auf der Anklagebank sitzt er nur deswegen nicht, weil er stark übergewichtig und krank ist: dauerhaft nicht verhandlungsfähig.

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