Marion Schäfer liebt ihren Beruf als Goldschmiedin. Warum sie auch nach 20 Jahren Selbstständigkeit noch mit Leidenschaft dabei ist.

„The Power of Gold!“ steht da in gelben Großbuchstaben. Die schwarze Einkaufstüte mit dem Werbespruch hat Marion Schäfer von einem Städtetrip aus London mitgebracht. Der smarten Papiertragetasche hat die Stuttgarter Goldschmiedemeisterin nach der Rückkehr einen Sonderplatz in ihrem Atelier beschieden.

 

Marion Schäfers Goldschmiedeatelier liegt im Erdgeschoss an der Olgastraße 35. „Visionen in Schmuck“ steht über ihrem Schaufenster. Eheringe, Halsketten, Armbänder sowie eine kleine Auswahl an Ohrschmuck werden hinter dicken Glaswänden präsentiert. Jedes Stück ein Unikat. Drinnen berät Marion Schäfer gerade eine Kundin. Die beiden Goldschmiedegesellinnen Julia Korn und Zhibek Suiunbaeva sitzen an ihren Werkbänken, wo sie feilen, hämmern, walzen oder auch löten.

„Wir arbeiten zu 95 Prozent in Platin und Gold“, sagt die Pfälzerin, die schon lange in Stuttgart lebt. Und der Anspruch, den sie bei der Arbeit an sich und ihre Mitarbeiterinnen legt, ist hoch: „Wir leben in einer Zeit, wo alles uniformer wird“, sagt sie. Umso wichtiger sei es heutzutage, diese alte Handwerkskunst mit großer Ambition auszuüben: „Ich will den Menschen die Möglichkeit geben, etwas Individuelles zu tragen“, erklärt sie. Wer bereit sei, dieses Handwerk von der Pike auf zu lernen, begabt sei und mit Menschen umgehen könne, für den sei dies „eine absolut sichere Nummer“, bricht Schäfer eine Lanze für den Berufsstand.

„Ich stand kurz vor dem Burn-out“

Dass man sich damit auch selbst eine goldene Nase verdient, wäre allerdings zu viel versprochen. So groß sind die Gehälter angestellter Goldschmiede nämlich nicht. Wer es zu etwas bringen will, braucht nicht nur Fleiß und Talent, sondern auch Gründergeist. Dieser Sprung ins kalte Wasser liegt bei Marion Schäfer nun schon 20 Jahre zurück. Damals wurde sie mit Ende 30 arbeitslos. Ihr damaliger Arbeitgeber – Juwelier Kurtz – musste 2004 Insolvenz anmelden. Und plötzlich ging sie stempeln. Davor hatte sie bei Kurtz die Unikatherstellung aufgebaut. Ihre Kundendatei durfte sie nach dem Aus des traditionsreichen Stuttgarter Juweliers mitnehmen. Das war der Schlüssel für den Einstieg in die Selbstständigkeit.

Die ersten Jahre im eigenen Atelier waren knochenhart. Sie verzichtete auf ihre geliebten sportlichen Touren mit dem Rennrad, auf Freizeit und Urlaub. „Ich stand kurz vor dem Burn-out.“ Inzwischen lasse sie es lockerer angehen. Aber es sei immer noch sehr kräftezehrend, einen Betrieb zu führen. Und trotzdem sei die Entscheidung, sich 2005 selbstständig zu machen, richtig gewesen. „Selbst wenn ich im Lotto gewinnen würde, würde ich meinen Laden weitermachen“, ist sie überzeugt.

Macht und Mythos rund ums Gold

Die Macht und der Mythos des Goldes haben schon so manchen in die Tiefe gezogen. Auch in der Sagenwelt. In dem Heldenepos rund um den Nibelungenschatz reißt Habgier die Akteure ins Verderben. Oder im „Herr der Ringe“ – der Romantrilogie von J.R.R. Tolkien – geht von diesem Objekt der Begierde ebenfalls eine zerstörerische Kraft aus: „Ein Ring, sie zu knechten, sie alle zu finden, ins Dunkel zu treiben und ewig zu binden“, steht auf dem Reif. Solch dunkle Symbolik rund um das glänzende Edelmetall geht Marion Schäfer gänzlich ab. Als „Herrin der Ringe“ empfindet sie es als Freude, denjenigen ihrer Kunden, die sich tatsächlich binden wollen, diesen einzigartigen Moment in ihrem Leben auch mit einem schönen Schmuck zu vergolden und das Ganze in die passende Form zu gießen: „Eine unserer Hauptaufgaben ist die Fertigung von Trau- und Verlobungsringen. Das ist praktisch unsere DNA.“ Die Beratung sei in diesem Bereich sehr wichtig.

Kein Wunsch ist zu wild: Pferdehaar in der Brosche

Das Gleiche gelte auch für diejenigen Stücke, die vererbt oder verschenkt wurden und deren Trägerinnen oder Träger nun eine Änderung oder Reparatur anstreben. Die Bandbreite dieser Aufträge sei groß: Vom Saphir-Geschmeide, das „Liz-Taylor-Niveau“ hatte und einen sechsstelligen Betrag wert war, bis zu kleineren Schmuckstücken von der Oma oder Uroma reicht die Palette. „Und da darf wirklich gar nichts schiefgehen. Diese Schmuckstücke haben eine ganz eigene Biografie“, erklärt Schäfer.

Diskretion beim Umgang mit der Kundschaft ist natürlich auch Teil des Geschäftes. Mancher Schmuckwunsch ist ungewöhnlich: „Zu mir kam einmal eine junge Frau, deren Pferd war gestorben. Sie fragte, ob ich ihr ein Medaillon als Erinnerungsstück machen könne. Sie brachte Pferdehaar mit, das ich dann für die Brosche verwendet und ins Stück eingearbeitet habe.“