Golferin aus Nürtingen Der rasante Aufstieg von Helen Briem – eine Golferin überholt sich selbst

Helen Briem nach ihrem ersten Turniersieg auf der LET-Profitour. Foto: Mark Runnacles/Mark Runnacles

Ihre Ziele für 2024 waren alles andere als bescheiden – doch Helen Briem hat sich sogar noch übertroffen und Sport-Geschichte geschrieben. Wie geht es für die junge Golferin aus Nürtingen nun weiter?

Sport: Dirk Preiß (dip)

Golf ist zwar längst zu einem Ganzjahressport geworden – durch Indoor-Anlagen und entsprechende Reisen. Doch wenn es hierzulande in den Spätherbst geht, neigt sich doch auch die Saison jener dem Ende entgegen, die diesen Sport auf Top-Wettkampfniveau betreiben. Es beginnt also auch die Zeit, Bilanz zu ziehen und entsprechende Pläne für die Zukunft zu schmieden.

 

Helen Briem zieht es in dieser Woche noch nach Saudi-Arabien, Ende November steht dann noch ein Turnier im spanischen Malaga auf dem Programm – danach ist das Wettkampfjahr vorüber. Nur: Das mit dem Bilanzziehen und Pläneschmieden hat die Nürtingerin in diesem Jahr schon hinter sich. Und zwar nicht nur einmal.

„Wir“, sagt Jochen Briem, „überholen uns im Grunde alle zwei Wochen selbst.“ Der Unternehmer aus dem Nürtinger Stadtteil Zizishausen managt das Golf-Leben seiner Tochter, begleitet sie meist auf die Turniere – und konnte in diesem Jahr miterleben, wie Helens Weg weiter nach oben führt. Nicht Schritt für Schritt – meist nahm sie, im sportlichen Sinne, zwei oder drei Stufen auf einmal.

Die Erwartungen für 2024 jedenfalls hat sie nicht erfüllt – sondern bei Weitem übertroffen. Was die Planungen immer wieder veränderte.

Dass der Weg der mit 1,90 Metern groß gewachsenen Sportlerin nicht in mittleren Gefilden der Ergebnislisten enden wird, war schon lange klar. Zu groß sind Talent und Ehrgeiz der 19-Jährigen. Das, was im Jahr 2024 geschah, fegte Vater und Tochter Briem also zwar nicht vor Erstaunen aus den Schuhen, das überraschende Ausmaß der Erfolge war dennoch so nicht vorherzusehen.

„Das Ziel für dieses Jahr war eigentlich nur die Tour-Karte für das kommende Jahr“, sagt Helen Briem – und wundert sich dann doch ein bisschen: „Aber jetzt stehe ich mit einigen Siegen da.“ Aber der Reihe nach.

In das laufende Jahr startete Helen Briem noch als starke Amateurin – und Abiturientin. Ein paar Monate später hatte sie nicht nur ihren Schulabschluss in der Tasche, sondern stand auch auf Platz eins der Amateur-Weltrangliste WAGR. Das hatte vor ihr noch keine andere deutsche Golfspielerin geschafft. Doch das blieb nicht die einzige Rekordmarke.

Studium in Deutschland statt College in den USA

Nach dem Gewinn der Team-EM mit der deutschen Mannschaft stand der Wechsel ins Profilager an – samt einer Entscheidung für den künftigen Weg der Golferin, die in jungen Jahren auch eine sehr gute Skirennläuferin und Schwimmerin gewesen ist. Ein logischer Schritt wäre jener auf ein College in den USA gewesen, wo Sport und Studium mithilfe eines Stipendiums perfekt zu verbinden gewesen wären. Helen Briem aber entschied sich anders.

Statt wie viele andere Golftalente nach Amerika zu gehen, setzt sie weiter auf das familiäre und dadurch sehr flexible System, das kurze Wege zu den wichtigsten Trainingsstätten und dem Olympiastützpunkt Stuttgart bietet. Ein System, mit dem sie bisher so gut gefahren ist. In Sigmaringen hat sie zudem ein Studium der Pharmatechnik begonnen. Bislang gab es keinen Grund, diese Entscheidungen zu bereuen. Ganz im Gegenteil.

Helen Briem begann, auf der LET-Access-Tour um die Berechtigung zu spielen, im kommenden Jahr fester Bestandteil der Ladies European Tour (LET) zu sein. Und schaffte im Juni dann, was noch keiner Golferin vor ihr gelungen war: Sie gewann drei Turniere in Folge. „Ich wusste, dass es möglich ist, ein solches Turnier zu gewinnen“, sagt sie, „aber dreimal hintereinander? Das ist schon etwas sehr Besonderes.“ Die TourKarte für 2025 hatte sie dadurch viel früher in der Tasche als gedacht. Was neue Türen öffnete.

Erstes komplettes Profijahr in 2025

Nachdem sie Anfang September noch ein Turnier auf der Access-Tour gewonnen hatte, startete sie wenig später bei den La Sella Open in Spanien – und gewann dort ihr erstes Turnier auf der richtigen LET, auf der in Aline Krauter (ein Sieg in 2023) und Patricia Isabel Schmidt (ein Sieg auf der Access-Tour in diesem Jahr) zwei weitere Golferinnen aus der Region Stuttgart abschlagen. „Im Grunde haben wir die Ziele für das kommende Jahr bereits abgehakt“, sagt Helen Briem – was den Ehrgeiz aber in keinster Weise schmälert.

„Ich will im neuen Jahr genauso weitermachen“, sagt die Sportlerin vom Stuttgarter Golfclub Solitude, die sich vorgenommen hat, in den anstehenden Wintermonaten an technischen Details auf dem Golfplatz ebenso zu arbeiten wie im athletischen Bereich. Sie ergänzt: „Ich will wieder gewinnen und auch größere Turniere spielen.“ Dank ihrer beeindruckenden Leistungen sind auch Einladungen zu Events der nächst höheren LPGA-Tour nicht ausgeschlossen.

Genau dort will sich Helen Briem auf lange Sicht etablieren, und die zielstrebige Golferin hat auch schon eine Vorstellung, wohin sie die kommenden rund vier Jahre führen sollen: zu den Olympischen Spielen nach Los Angeles 2028.

Nun sind es zwar eigentlich die großen Major-Turniere, die in der Golfwelt das meiste Prestige versprechen. Für Helen Briem aber hat auch Olympia besondere Bedeutung – nicht erst, seit die Deutsche Esther Henseleit in diesem Jahr in Paris Silber gewonnen hat. Als TV-Zuschauerin, erzählt sie, sei sie eben mit den olympischen Sportarten aufgewachsen, vor allem der Wintersport in allen Facetten fasziniert sie sehr. „Für die Wintersportler ist Olympia das Größte“, sagt sie, „deshalb sind die Spiele eben auch für mich ein großes Ziel.“

Zur Abwechslung mal eines, dass Helen Briem nicht schon früher als gedacht erreichen kann.

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