Google-Tourismus Mit Google verreisen

Von Gabriele Kiunke 

Google wurde von der EU kürzlich mit einer Millionenstrafe belegt, weil es eigene Angebote bei Suchanfragen bevorzugt. Auch im Reisebereich breitet sich der Datenriese immer mehr aus.

Die Screenshots zeigen, wie Google Suchergebnisse für Reiseziele und Hotels anzeigt. Foto: artinspiring/Adobe Stock, Montage: StZN
Die Screenshots zeigen, wie Google Suchergebnisse für Reiseziele und Hotels anzeigt. Foto: artinspiring/Adobe Stock, Montage: StZN

Stuttgart - Google, Platzhirsch unter den Such­maschinen, hat in der Vergangenheit einiges unternommen, um auch im Bereich Reise seine Monopolstellung auszubauen. Ob Vorbereitung, Buchung oder Aufenthalt – überall versucht der Konzern, den im Internet surfenden Urlauber mit seinen Fangarmen zu erwischen. Seine Methoden werden dabei immer raffinierter. Sie zielen darauf, den Nutzer auf eigene Plattformen zu lotsen, so wie auch beim Online-Shopping, wofür der Konzern jüngst von der EU-Kommission abgestraft wurde. Begründung: Google missbrauche seine marktbeherrschende Stellung, indem es seine Preisvergleich-Dienste in der Suche oben platziere und so Vergleichsdienst abstufe. Die EU verhängte die Rekordstrafe von 2,4 Milliarden Euro und setzte eine Frist bis Ende Oktober, um die Benachteiligung von Konkurrenten zu korrigieren.

Dasselbe Problem sieht Michael Buller auch in der Touristik. Der Vorsitzende des Verbands Internet-Reisevertrieb hofft, dass mit dem EU-Urteil nun ein Präzedenzfall geschaffen ist, der Google zwingt, auch im Reisebereich „faire Wettbewerbsbedingungen für alle Marktteilnehmer“ zu schaffen. Schließlich geht es dabei um wirtschaftliche Interessen. Die Online-Buchung ist der zweitwichtigste Buchungsweg nach dem Reisebüro. 38 Prozent aller Reisen, die länger als fünf Tage dauern, werden übers Internet gebucht, vor gut zehn Jahren waren es erst 14 Prozent. Möglichst weit oben gelistet zu werden, bedeutet also bares Geld, etwa wenn es um eine Hotel- oder Flugbuchung geht.

Google zeigt Echtzeitpreise zu Flügen und Hotels

Neu ist, wie die Suchmaschine versucht, sich den Nutzer schon vor der Buchung zu krallen. Also in der Phase, in der man sich vom potenziellen Reiseziel nur einen ersten Eindruck verschaffen will. Die Google-Lösung dafür heißt „Destination Explore“ und sieht konkret so aus: Gibt man ins Suchfeld ein beliebiges Land ein wie beispielsweise Marokko, verbunden mit den Begriffen „Reiseziel“ oder „where to go in“, erscheint ganz oben ein Band mit verschiedenen Städten samt Foto, etwa Marrakesch, Fes, Casablanca.

Ein weiterer Klick auf eine beliebige Stadt, etwa Marrakesch, offeriert dann eine Seite mit Kartenausschnitt, Top-Sehenswürdigkeiten sowie Vorschläge für die Gestaltung eines Tages. Tolle Sache, aber von Google bewusst gesteuert: Ganz oben finden sich auch Echtzeitpreise zu Flügen und Hotels. Der Nutzer soll sich also nicht nur umfassend informieren, sondern über die Google-eigenen Plattformen wie Google Flights (Flugbuchung) und Goo­gle Hotel Price Ads (Buchung von Hotels) Nägel mit Köpfen machen. „Google hat somit den direkten Zugriff auf die User, die sich noch in der Inspirationsphase befinden, und leitet sie direkt in die Buchungsphase über“, kritisiert Tobias Warnecke vom Hotelverband Deutschland.

Google verdient dabei mehrfach: Wer einen Flug oder ein Hotel sucht, bekommt über den Ergebnissen Werbeanzeigen von Airlines oder Buchungsportalen angezeigt, rechts listet Google Links zur direkten Buchung auf – oftmals taucht dort dasselbe Buchungsportal aus, das schon oben die Anzeige geschaltet hat. Google verdient also nicht nur an der Anzeige, sondern auch bei jedem Klick auf einen Link. „Die eigentlichen Suchergebnisse treten dabei in Hintergrund“, bemängelt Warnecke.

Die Hotelauswahl bleibt ein Geheimnis von Google

Soll heißen: Die Website des gesuchten Hotels rutscht immer weiter nach unten. Große Hotels mit dem entsprechenden Werbebudgets verfügen über das finanzielle Polster, sich die besten Trefferplätze zu sichern, „doch kleinere Hotels fliegen da oft raus“. Sie wären darauf angewiesen, über Suchergebnisse gefunden zu werden, was für sie zu­nehmend schwieriger wird, „wenn diese immer mehr über Bezahlmechanismen funktionieren“.

Zudem ist undurchsichtig, nach welchen Kriterien Google seine Treffer ausspuckt. Das betrifft vor allem allgemeine Suchanfragen nach Hotels in einer bestimmten Stadt. Wenn man beispielsweise „Hotels in Travemünde“ eingibt, listet Google das sogenannte „Local Universal 3-Pack“ auf – dabei handelt es sich um drei lokale Hotels, die samt Kartenausschnitt und Preisangabe angezeigt werden. „Nach welchen Kriterien Google die drei Hotels auswählt, ist völlig unklar“, sagt Warnecke. In Travemünde gibt es über 60 Hotels. Werden von Google die drei Häuser mit den aktuell günstigsten Angeboten für eine Nacht angeboten? Oder sind es drei Hotels mit mehr als drei Sternen? Das bleibt ein Geheimnis der Datenkrake.

Vorteil der Auswahl ist natürlich, dass die Masse an Möglichkeiten auf ein erträgliches Maß kanalisiert wird und der Kunde ein scheinbar auf ihn zugeschnittenes Angebot erhält. Doch woher weiß Google, welches die besten Angebote für mich sind? Aufgrund meiner bisherigen Buchungen? Auch dafür gibt es bereits das passende Produkt: die im letzten Jahr entwickelte App „Google Trips“, die noch mehr persönliche Informationen liefert, etwa wann welcher Flug geht oder wann welches Hotel gebucht ist.

Die Funktion einer neutralen Suchmaschine tritt in Hintergrund

Die Funktion einer neutralen Such­maschine tritt so immer mehr in den Hintergrund. In Zukunft will Google verstärkt als Reiseanbieter auftreten. In den USA lassen sich über den Konzern bereits Flüge buchen. Um eine neutrale Suche künftig zu gewährleisten, braucht es wohl noch mehr Druck von der Politik.

Lesen Sie hier, wie Google auch Einfluss auf das Wahlverhalten nimmt:

http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.manipulation-wie-veraendert-google-die-sicht-auf-die-welt.d112708c-0bc7-418d-bcec-8ddc8c99056f.html