Gorbatschows Erbe Antipode Putins

Besuch in Stuttgart: Michail Gorbatschow (Zweiter von links) wird von Baden-Württembergs Ministerpräsident Lothar Späth (rechts) 1989 im Neuen Schloss empfangen. Foto: imago stock&people/imago stock&people

Waldimir Putin tritt das Vermächtnis von Michail Gorbatschow mit Füßen. Er macht vieles zunichte, was dieser erst ermöglicht hatte. In Russland herrschte unter Gorbatschows Herrschaft mehr Freiheit als je zuvor – wenn auch nur für einen historischen Moment, meint StZ-Autor Armin Käfer.

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Armin Käfer (kä)

Schicksalsgläubige Menschen könnten versucht sein, Michail Gorbatschows Tod als symbolhaftes Ereignis zu deuten. Sein Hinscheiden fällt in eine Zeit, in der Moskau vieles zunichtemacht, was er einst ermöglicht hatte. Sein Nachnachfolger als Kremlchef, Wladimir Putin, tritt Gorbatschows Vermächtnis mit Füßen, er versündigt sich gegen dessen Denken.

 

Gorbatschow ist eine historische Gestalt voller Widersprüche, von dem auch sein eigenes Handeln nicht völlig frei war. Er hat den Weg bereitet zu einem Ende des Kalten Krieges, den Mauerfall ermöglicht und die Wiederherstellung der deutschen Einheit – wurde aber Opfer eigener Versäumnisse und Fehler. Gorbatschow erinnert an einen tragischen Helden. Während die Welt ihn als Friedensbringer und Reformer feiert, hat er in der eigenen Heimat Rückhalt und Ansehen verloren. Westlich von Russland wurde sein Name zu einer Fortschritt verheißenden Parole („Gorbi!“), er selbst zeitweise wie ein Popstar verehrt. Zuhause wird er von vielen geschmäht, verachtet, wenn nicht gar gehasst. Der Friedensnobelpreis, 1990 im Verlauf der deutschen Wiedervereinigung verliehen, markiert den größtmöglichen Kontrast zu Putins aktueller Politik. Sie macht zunichte, wofür er einst stand.

Eine epochale Gestalt

Gorbatschow hat Geschichte geschrieben. Er geht als epochale Gestalt in die Annalen ein, half ein Zeitalter globaler Konfrontation zu beenden, das atomare Wettrüsten, ein Regime der Unfreiheit. Er betrieb die Demokratisierung der mächtigsten Diktatur seiner Zeit. Russland ist dank ihm freier geworden, als es zuvor je war – wenn auch nur für einen historischen Augenblick.

Unwillentlich leistete er der Implosion eines Imperiums Vorschub, dem Leute wie Putin noch immer nachtrauern. Dieser versucht im Detail zu revidieren, was unter Gorbatschow stattgefunden hat: die innere und äußere Entkolonialisierung der Sowjetunion. Dafür wird deren letztes Staatsoberhaupt bis heute von manchen Landsleuten als Totengräber großrussischer Träume geschmäht, die für Russlands Nachbarn immer Alpträume waren.

Papst und Luther in einem

Gorbatschow war ein Revolutionär, der sich von schlichten Notwendigkeiten und praktischen Fragen, nicht von ideologischem Furor leiten ließ. Er war ein Erneuerer ohne Blaupause. Manches was er erreicht hat, entsprach nicht unbedingt seinen ursprünglichen Absichten. Der britische Politologe Archie Brown nannte ihn „Papst und Luther in einem“. Er hat einen radikalen Wandel ermöglicht, der für viele Menschen mehr Freiheit, Selbstbestimmung und Demokratie bedeutete – und es ist zu großen Teilen ihm zu verdanken, dass dieser Umsturz ohne eine Eskalation von Gewalt verlief. Insofern ist Gorbatschow nicht nur ein Antipode Putins, sondern auch ein Antipode der Sowjetheroen Lenin und Stalin, die ihre Macht mit Gewalt zementiert haben, zudem ein Antipode der Herrschaften in Peking, die ihren kapitalistischen Kommunismus notfalls mit Panzern verteidigen. Gorbatschow hat die Welt verändert – in vielerlei Hinsicht zum Besseren. Das ist das Beste, was über einen Staatsmann zu sagen ist.

Für Putin war Gorbatschow ein Romantiker – was aus seinem Mund keineswegs wie ein Kompliment klingt. Dessen Versuch eines Ausgleichs mit dem Westen wird im Kreml als „Flitterwochen“ verspottet, obwohl Putin diesem Flirt anfangs nicht völlig abgeneigt war. Inzwischen herrscht jedoch ein anderer Geist, der in mancherlei Hinsicht an die Zeit vor Gorbatschow erinnert. Für eine neuerliche Wende bräuchte es einen Mann von seinem Format, seiner Fortune. Doch ein solcher ist leider nicht in Sicht.

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