Gottesdienst in Corona-Zeiten Gemeinschaftsgefühl auf Abstand

Von Eileen Breuer 

Während Restaurants und Theater für Gäste vor Ort geschlossen haben müssen, dürfen Gläubige Gottesdienste feiern – wie in der Laurentiuskirche in Stuttgart-Rohr. Doch warum kommen sie dort überhaupt trotz Teil-Lockdown zusammen?

Der Gang zum Gottesdienst in der Kirche ist vielen Gläubigen auch in Corona-Zeiten sehr wichtig. Foto: Sandra Hintermayr
Der Gang zum Gottesdienst in der Kirche ist vielen Gläubigen auch in Corona-Zeiten sehr wichtig. Foto: Sandra Hintermayr

Rohr - Marianne Link tritt durch die Tür in die Laurentiuskirche in Stuttgart-Rohr. Das Kirchengebäude darf sie nur mit Maske betreten. So sieht es das Hygienekonzept vor. Damit sich die Gottesdienstbesucher nicht zu nahe kommen, weisen Pfeile auf dem Fußboden eine Einbahnstraße aus. Bevor sie zum Gesangbuch greift, drückt Marianne Link auf den Spender und reibt sich die Hände mit Desinfektionsmittel ein: „Das ist wichtig“, sagt sie.

Während man in Restaurants nicht mehr Platz nehmen darf, der Trainingsbetrieb vieler Vereine eingestellt wurde und es Theatern untersagt ist, ihre Säle zu füllen, sind kirchliche Veranstaltungen vom Teil-Lockdown nur teilweise betroffen. Kirchengemeinden dürfen weiterhin gemeinsam Gottesdienste feiern, insofern sie die Hygieneanforderungen einhalten und ein Hygienekonzept vorliegt. So sieht es die Corona-Verordnung des Landes Baden-Württemberg vor. „Dass wir Gottesdienste feiern können, sehe ich als Anerkennung der Regierung dafür, dass wir als Kirche sorgfältig und konsequent auf die Schutzmaßnahmen achten“, sagt der Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde Rohr-Dürrlewang Thomas Rumpf.

In Villingen-Schwenningen jedoch keimte die Angst vor einem Superspreading-Gottesdienst erst kürzlich auf. Ein Corona-Ausbruch in einer Freikirche sorgte für Aufsehen. Von den 150 Besuchern zweier Gottesdienste hatten sich zahlreiche angesteckt. Falsch angegebene Kontaktdaten erschwerten den Mitarbeitern des dortigen Gesundheitsamtes die Arbeit.

Mal von zu Hause rauskommen

„Ich fühle mich so weit sicher. In der S-Bahn sitzt man viel näher zusammen als im Gottesdienst“, sagt Johannes Burkhardt. Der Kirchengemeinderat besuchte am vergangenen Sonntag ebenfalls den Gottesdienst in der Laurentiuskirche. „Seit März bin ich im Homeoffice, da stumpft man ab. Für mich ist es etwas anderes, mal von zu Hause rauszukommen. Der Gottesdienst ist für mich ein Rest von Normalität.“

Knapp 40 Personen nahmen am Sonntag in dem Gotteshaus Platz. Unter ihnen eben auch Marianne Link. Sie kommt regelmäßig und schöpft vor allem während der Pandemie Kraft aus ihrem Glauben: „Hier kann man sich bewusst der Hoffnung widmen und den Blick dafür stärken, dass es mehr als das um uns herum gibt“, sagt sie. Die Kirche sei für sie ein Ort der Kraft.

Auch Siegfried und Helga Krumrey verzichten trotz Pandemie nicht auf den sonntäglichen Gang in den Gottesdienst. „Uns ist die Gemeinschaft wichtig. Wir sind nicht als einzelne Christen auf der Welt, sondern als Gemeinschaft“, sagt Helga Krumrey.

Evangelische Landeskirche nennt Regeln

Angst, sich im Gottesdienst anzustecken, haben weder Burkhardt und Link noch das Ehepaar Krumrey. Dazu trage vor allem bei, dass sich jeder an die Hygienemaßnahmen halte.

Die Evangelische Landeskirche in Württemberg schreibt den Kirchengemeinden vor Ort vor, welche Maßnahmen sie zu ergreifen haben, damit sich das Coronavirus nicht weiter verbreitet. Eine davon ist, dass die Gottesdienstbesucher zwei Meter Abstand zueinander halten sollen. Weil in Stuttgart außerdem die Sieben-Tage-Inzidenz von 35 Fällen je 100 000 Einwohnern überschritten wurde, dürfen hier ausschließlich Personen eines Haushaltes näher beieinandersitzen. Noch eine Folge des Infektionsgeschehens in Stuttgart: Es muss stets eine Maske getragen werden. Und weil landesweit die Pandemiestufe 3 ausgerufen worden ist, gilt es außerdem, Infektionsketten nachvollziehen zu können.

Gemeinsam kann nicht gesungen werden

In Rohr wird das sichergestellt, indem die Stühle, auf denen die Gottesdienstbesucher Platz nehmen dürfen, mit einer Nummer gekennzeichnet werden und Zettel für Kontaktdaten ausliegen. Und noch etwas läuft durch die Pandemie anders ab als sonst. Während normalerweise jeder bei den Liedern mitsingt, gilt, seitdem die Marke von 50 pro 100 000 Einwohnern überschritten wurde: nur mitlesen ist erlaubt. Die Lieder tragen stattdessen zwei Sängerinnen vor. „Natürlich vermissen ich und andere das gemeinsame Singen. Aber wenn man den Text mal nur hört, nimmt man ihn auf eine besondere Art wahr“, sagt der Pfarrer Rumpf.

Doch nicht jeder fühlt sich derzeit im Gottesdienst wohl. Die Stuhlreihen sind laut ihm nur halb so voll wie noch vor Corona. Die öffentliche Veranstaltung zum Volkstrauertag musste außerdem ausfallen. Stattdessen gedachte man auf dem Rohrer Friedhof im kleinen Kreis den Opfern der Weltkriege.

„Wir sind froh, dass wir überhaupt noch Gottesdienste feiern können. Es ist klar, dass man die Einschränkungen dann hinnimmt“, sagt Pfarrer Rumpf. Am Ende des Gottesdienstes wird deshalb nicht nur die Kollekte ins Kästchen geworfen, sondern dieses Mal auch der grüne Zettel, auf dem die Besucher ihre Kontaktdaten hinterlassen müssen – Gottesdienst in Corona-Zeiten eben.




Unsere Empfehlung für Sie