Gottesdienst zum Israel-Palästina Konflikt in Hildrizhausen „Denen zuhören, die leiden“

Der Krieg im Gazastreifen treibt viele Menschen um. In der Nikomedeskirche in Hildrizhausen wird das Thema am Sonntag im Gottesdienst behandelt. Foto: EIBNER/DROFITSCH

Pfarrer Andreas Roß aus Hildrizhausen leitet am Sonntag, 9. Juni, einen Gottesdienst zum Israel-Palästina Konflikt. Zu Gast ist ein Referent des ejw-Weltdienstes, Yasin Adigüzel, der Kontakte in die Region hat.

Böblingen: Melissa Schaich (mel)

„Man kann sich bei diesem Thema eigentlich nur in die Nesseln setzen“, sagt Pfarrer Andreas Roß, als er am Donnerstag an einem Tisch im Pfarramt in Hildrizhausen sitzt. Gemeinsam mit Yasin Adigüzel, Referent beim ejw-Weltdienst, plant er an diesem Sonntag einen Gottesdienst in der Nikomedeskirche, in dem es um den Israel-Palästina-Konflikt geht.

 

In der vehement geführten Diskussion entstehe der Eindruck, man könne nur auf einer Seite stehen, sagt der Pfarrer. Doch aus seinen Gesprächen mit Gemeindemitgliedern weiß er: „Eigentlich denkt niemand über die Situation in schwarz und weiß.“ Viele Menschen im Ort treibe der Krieg um. „Dieser augenscheinlich unlösbare Konflikt ist eine Nagelprobe für den Glauben“, sagt er. Das Thema sei komplex, trotzdem müsse man Wege finden, um damit umzugehen, sagt er. Der Gottesdienst am Sonntag soll einer dieser Wege sein.

Andreas Roß weiß, dass viele Gemeindemitglieder der Krieg in Gaza bewegt

„Dieses Thema ist politisch und davor schrecke ich auch nicht zurück“, sagt Andreas Roß. Trotzdem solle es im Gottesdienst nicht darum gehen, sich politisch zu positionieren. Vielmehr komme sein Ansatz aus der Seelsorge: Er will darüber sprechen, was seine Gemeindemitglieder bewegt. Als Christ sehe er die Opfer auf beiden Seiten. „Eine israelische Mutter trauert genauso um ihr Kind wie eine palästinensische Mutter“, sagt der Pfarrer.

Trotzdem hat er bei seiner Suche nach einem Gesprächspartner bewusst einen Kontrapunkt zur Haltung der Evangelischen Landeskirche gewählt. Diese steht seit dem Angriff der Hamas am 7. Oktober fest hinter Israel. Hier würde sich Andreas Roß eine andere Herangehensweise wünschen. Er fühle mit den Opfern auf beiden Seiten, stelle sich gegen jegliche Form von Antisemitismus, wolle aber gleichzeitig auch anderen Menschen in dem Konflikt Gehör verschaffen. Höre denen zu, die leiden – das sei der Ansatz, der hinter dem Gottesdienst stehe, erklärt er.

Yasin Adigüzel: „Ich will Mitgefühl und Menschlichkeit in die Debatte tragen“

Aus diesem Grund hat Andreas Roß mit Yasin Adigüzel Kontakt aufgenommen. Im Januar hat der 40-Jährige eine Stelle als Referent beim ejw-Weltdienst angetreten. Das Evangelische Jugendwerk betreibt bereits seit 1983 eine Partnerschaft mit dem East Jerusalem YMCA. Zehn Tage im Jahr hätte er im Rahmen seiner Arbeitsstelle eigentlich in Palästina verbringen sollen, doch seit dem 7. Oktober ist alles anders.

Er selbst hat Evangelische Theologie und Islamwissenschaften studiert und hat viele private Verbindungen in die Region, die er in seinem Leben zweimal bereist hat. Im Gottesdienst wolle er die Gelegenheit nutzen, von Menschen zu erzählen, die sich ohne eigenes Verschulden in den Fängen eines Krieges wiedergefunden hätten. „Ich will versuchen, Mitgefühl und Menschlichkeit in die Debatte zu tragen“, sagt er. Auch er stellt klar: Zwar wird er von Alltag und Lebenswirklichkeit von Palästinensern erzählen, doch auch er will sich nicht auf eine Seite schlagen: „Ich bin für die Friedensuchenden und gegen Hass“, sagt er.

Die Spendengelder, die im Gottesdienst gesammelt werden, gehen an das YMCA-Berufsschulzentrum am Stadtrand von Jericho im Westjordanland. Nach dem Hamas-Anschlag hatte die Schule 45 Arbeiter aus dem Gazastreifen aufgenommen, die zuvor in Israel gearbeitet hatten und nach dem Anschlag ins Westjordanland flüchten mussten. Mittlerweile konnten die Arbeiter an anderer Stelle untergebracht werden, erzählt Yasin Adigüzel – doch keinem der Arbeiter sei es bisher gelungen, in den Gazastreifen zu seiner Familie zurückzukehren. Die Schüler sind mittlerweile auch am Wochenende in der Schule, weil die Lage zu gefährlich sei, als dass sie regelmäßig nach Hause gehen könnten. Für die Schule bedeute dies, dass sie mehr Geld benötigten, um die Jugendlichen zu versorgen.

Zwar stand das Westjordanland in den letzten Monaten nicht im gleichen Fokus wie der Gazastreifen, doch auch dort bestimmt der Krieg den Alltag. Kürzlich forderte UN-Menschenrechtskommissar Volker Türk Israel zur Rechenschaft für die hohe Zahl getöteter Palästinenser auf. Mehr als 500 Palästinenser sind 2023 durch israelische Einsatzkräfte und Siedler dort umgebracht worden. 2024 seien durch Polizei und Armee der israelischen Besatzung bereits fast 200 Menschen gestorben.

Auch Yasin Adigüzel weiß aus eigener Erfahrung: Auch im Westjordanland treiben die Menschen existenzielle Sorgen um. Die Wirtschaft liegt am Boden. Wie die Zukunft aussieht, weiß niemand. Im Gottesdienst selbst wird Adigüzel einige Fragen von Andreas Roß beantworten, nach dem offiziellen Teil steht er für Fragen zur Verfügung.

Gottesdienst in Hildrizhausen

Thema
Im Gottesdienst in der Nikomedeskirche in Hildrizhausen werden am Sonntag, 9. Juni, um 10 Uhr Pfarrer Andreas Roß und Yasin Adigüzel, Referent beim ejw-Weltdienst, über den Nahost-Konflikt sprechen. Der Gottesdienst kann auch über Livestream oder online auf www.evangelische-kirche-hildrizhausen.de angeschaut werden.

Spenden
Die Spendengelder, die im Gottesdienst gesammelt werden, gehen an das Berufsausbildungszentrum am Stadtrand von Jericho im Westjordanland. Dort werden unter anderem Mechatroniker, Elektroniker und Finanzbuchhalterinnern ausgebildet.

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