„Für mich stand damals fest: Ich werde mich intensiv mit dem historischen Klang früherer Epochen auseinandersetzen“, erinnert sich Gottfried Gienger. Um sich der Tonwelt des Barock zu nähern, kaufte er eine Violone, den Vorläufer des heute gebräuchlichen Kontrabasses. Bei seiner Suche nach dem ausgefallenen Instrument hatte er großes Glück: Zufällig konnte er eine kostbare Venezianer Violone-Kopie aus der Blütezeit des italienischen Instrumentenbaus um 1730 erwerben.
Ein guter Handwerker
Doch Gottfried Gienger ist nicht nur ein hervorragender Musiker – auch seine handwerklichen Fähigkeiten sind beachtlich. Dieses Geschick half ihm nicht nur bei der Umgestaltung eines VW-Busses in ein Campingmobil. Beim Umbau diverser Instrumente hat er seine manuellen Fähigkeiten ebenso genutzt. Als Gienger einst die Bünde auf seiner Gitarre verändern wollte, half ihm der Zufall: In der Garage fand sich eine umfangreiche Werkzeugsammlung seines Vaters. „Damit gingen die Arbeiten wesentlich leichter von der Hand“. Und auch beim Perfektionieren der verschiebbaren Bünde auf dem Griffbrett der Violone leisteten diese Werkzeuge gute Dienste.
Gienger ist nicht nur am Kontrabass und als Spezialist an der Violone ein viel beschäftigter Musiker. Seit Jahren sorgt er beim Instrumentalensemble des Folklorechors Plochingen auf Zupfinstrumenten und in der Perkussion für den guten Ton. „Für die spezielle Musik des Folklorechors habe ich einige ungewöhnliche Instrumente angefertigt“, sagt Gienger. Stolz sei er auf das von ihm gebaute Berimbao, ein einsaitiges brasilianisches Instrument, dem mit einem Geigenbogen exotische Töne entlockt werden. Der im Jahr 1948 geborene Musiker ist ein Plochinger Urgestein. Im musikalischen Elternhaus wurden seine Talente gefördert, die ihn von der Blockflöte zum Klavier führten. Doch damit nicht genug: Vom Vater des berühmten Jazzbassisten Eberhard Weber erhielt er Kontrabass-Unterricht, und in der Jungschar des CVJM entdeckte er seine große Liebe zur Gitarre.
Anfänge als Gitarrenlehrer
„1967 nahm ich am Plochinger Wettbewerb ‚Chance 67‘ teil“, blickt Gottfried Gienger zu den Anfängen zurück. Er gewann den ersten Preis, und die Überraschung war groß: Tags darauf verpflichtete ihn Karl-Hermann Mäder als Gitarrenlehrer an die damalige Jugendmusikschule Plochingen. Das war der Start in eine langjährige pädagogische Karriere. Freilich hat damals noch niemand geahnt, dass Gienger viele Jahre später die Leitung dieser zur Musikschule Plochingen und Umgebung weiterentwickelten Institution übernehmen würde.
Davor standen zunächst noch einige Jahre des Lernens. Er studierte zunächst an der Pädagogischen Hochschule Esslingen und wechselte dann in die Gitarrenklasse von Professor Mario Sicca an die Musikhochschule in Stuttgart. Nach dem Musiklehrer-Diplom intensivierte Gienger seine Unterrichtstätigkeiten an den Musikschulen in Denkendorf und Plochingen. In der pädagogischen Arbeit fand der Künstler seine große Leidenschaft.
Das Jahr 1989 brachte dem Musiker einen Karrieresprung: Er wurde zum stellvertretenden Leiter der Musikschule Plochingen berufen. Fünf Jahre später übernahm er die Leitung der Schule von Karl-Hermann Mäder. Da Gienger ein Musiker, Pädagoge und Organisator aus Leidenschaft ist, war diese Stelle für ihn wie maßgeschneidert.
Engagement für Flüchtlinge
Als er nach Jahren erfolgreicher Arbeit 2014 in den Ruhestand ging, wurden die Aufgaben nicht weniger. „Damals war der Beginn der Flüchtlingskrise.“ Der Bürgermeister habe ihn gebeten, den Vorsitz im Plochinger „Bündnis für Flüchtlinge“ zu übernehmen. Eine Aufgabe, die ihn von Anfang an gereizt hat. Dieses umfangreiche und fordernde Ehrenamt sei zeitweise sogar zum Fulltime-Job geworden, sagt der engagierte Bürger, der sich mit der Stadt Plochingen und mit ihren Menschen immer verbunden gefühlt hat.
Doch Gottfried Gienger, der sich auch in der evangelischen Kirche engagiert, leistete die Hilfestellung für Geflüchtete gerne. Und da er sich auch im Ruhestand mit großem Engagement der Musik widmet, kann er über Langeweile nicht klagen. Trotz Corona hofft er auf bessere Zeiten: „Ich blicke optimistisch in die Zukunft. Vielleicht belebt die aktuelle Krise das kulturelle Leben durch neue, kreative Ideen.“
Die Instrumente
Violone
Das historische Streichinstrument gehört zur Familie der Gamben. In der Alten Musik – insbesondere im Barock – sorgte dieses Bassinstrument für das Fundament. Violonen werden in verschiedenen Stimmungen gebaut und können zwischen vier und sieben Saiten haben. Charakteristisch sind die auf dem Griffbrett angebrachten, verschiebbaren Bünde.
Kontrabass
In der Romantik löste der Kontrabass die Violone ab. Das größte und tiefste Instrument der Streichergruppe hat F-förmige Schalllöcher und kann mit vier oder fünf Saiten bezogen sein. Den Klang des Kontrabasses zeichnet – ob mit einem Bogen gestrichen oder gezupft – eine besondere Charakteristik aus. Das Bassinstrument deckt ein breites Klangspektrum ab.
Gitarre
Die Ursprünge der Gitarre reichen viele tausend Jahre zurück. Eine Urform ist das Oud, das um 700 nach Christus aus Arabien nach Spanien kam. Daraus entwickelte sich die Gitarre, die es in vielen Formen gibt: Neben der Konzertgitarre gibt es die Westerngitarre und viele weitere Varianten. In neuerer Zeit hat die E-Gitarre die Pop- und Rockmusik geprägt.