Gourmetcity München Mehr als Weißwurst: Münchens kulinarischer Höhenflug
München hat alles, von dem ganz Deutschland träumt: vor allem sehr gute Restaurants. Und jede Menge Tradition. Eine Spurensuche zwischen Taxi-Semmel und Kaviar.
München hat alles, von dem ganz Deutschland träumt: vor allem sehr gute Restaurants. Und jede Menge Tradition. Eine Spurensuche zwischen Taxi-Semmel und Kaviar.
Jeden Montag sitzen sie im Hofbräuhaus. Karl, 94 Jahre alt, ist seit 16 Uhr hier, so wie fast immer in den letzten 54 Jahren sitzt er mit seinen Kumpels am Wolpertingerstammtisch. Nur während dieser Covidpandemie, da hatte das Hofbräuhaus geschlossen, und sie mussten auf ihr lieb gewonnenes Ritual verzichten. Stammgäste, von denen der bekannte Biertempel um die 4000 hat, besitzen einen Ausweis, eine Mitgliedschaft sozusagen und genießen besondere Privilegien: Selbst wenn das Hofbräuhaus proppenvoll ist, dürfen sie rein. Glückliche 616 haben ihr eigenes Fach im Bierkrugtresor, wo der eigene Krug mit einem Zahlencode gesichert ist.
München ist so vieles: Da ist das Hofbräuhaus und die Bar Schumanns, Dallmayr und Käfer – und eben viele vom Michelin ausgezeichnete Restaurants. Nicht umsonst pilgern Feinschmecker seit einiger Zeit wieder vermehrt an die Isar. Seit 2025 gibt es gar zwei an der Zahl, die die Höchstbewertung von drei Sternen haben. München, so hat man das Gefühl, will immer die Beste aller deutschen Städte sein. Nicht nur im Fußball, sondern auch in der Kulinarik.
Als der Koch Tohru Nakamura im Sommer 2025 den ersehnten dritten Stern vom Guide Michelin verliehen bekam, war das Staunen groß. So viele Sterne leuchten über München: insgesamt sind es 23. Davon eben zwei Drei-Sterne-Restaurants. Auch wenn Berlin mit 27 immer noch vorne ist, ist die Strahlkraft der Stadt an der Isar groß. Immens groß. Vollendet veredelte Spitzenküche gibt es hier, um einen Werbeslogan des traditionsreichen Hauses Dallmayr zu verfremden.
Natürlich ist hier nicht nur der Himmel ein wenig blauer als anderswo, sondern auch das Leben deutlich teurer. Wer Mieten vergleicht oder Kinder zum Studieren herschickt, weiß das. Und doch liegt über dieser Stadt eine eigenartige Gelassenheit. Wer durch die Innenstadt schlendert, vorbei an stuckverzierten Fassaden, an Cafés, in denen die Zeit langsamer vergeht, spürt sie sofort – vorausgesetzt, das nötige Kleingeld ist vorhanden.
Die Maximilianstraße ist dabei mehr als nur prächtige Einkaufsmeile. Prada, Dior, Hermès – sie alle sind hier vertreten. Es ist eine Bühne des Wohlstands, geschniegelt und herausgeputzt. Und wenn der kleine Hunger kommt, spaziert man nonchalant ins Wirtshaus Zum Franziskaner hinein, geht hindurch bis in die Küche, um dort direkt am Pass eine „Taxi-Semmel“ zu ordern: Leberkäse, am besten im Laugenweck mit süßem Senf. Macht 3,90 Euro! Bezahlt wird ausschließlich mit Karte! Aus Hygienegründen.
Und auch wenige Schritte weiter geht es mal wieder ums Essen: am Viktualienmarkt. Bei Eisenreich eine Leberkässemmel, bei Friedel ein Fleischpflanzerl. Und gleich ums Eck im Café Frischhut die berühmten Schmalznudeln, frisch aus dem Fett gezogen, außen knusprig, innen weich.
Das hört sich bodenständig an – und ist es auch. Vor allem aber kann München einen auf dicke Hose machen: auch kulinarisch. Kein Wunder! So wurde hier in Schwabing ja die deutsche Haute Cuisine erfunden.
Kein Restaurant in Deutschland hat einen größeren Legendenstatus: In München-Schwabing wurde die deutsche Hochküche erschaffen. Der Bauunternehmer Fritz Eichbauer und seine Frau waren viel auf Gourmetreisen, und haben in ihrer Heimatstadt dergleichen vermisst. Also baute er nach einem Entwurf des Architekten Justus Dahinden ein eigenes Restaurant. Allein das ist schon eine Einzigartigkeit: Ein Gebäude, das den alleinigen Zweck hat, ein Lokal zu sein. Durch die Drehtür gleitet man hinein in eine andere Welt – halb Zeitkapsel, halb Kulisse. Das Tantris ist weniger ein Restaurant als eine Kathedrale des Geschmacks, bevölkert von Münchens schönen Geistern und großen Namen.
Das Magazin „AD“ hat es einmal „das Restaurant, in dem Gott wohnt“ genannt. Die Münchner bezeichneten es spöttisch als „Schwabinger Feuerwache“ oder „schönste Autobahnkapelle Deutschlands“. Kaum ein Restaurant ist so bekannt wie das Tantris. Der Patron - Mitte 2025 im Alter von 97 Jahren verstorben - wollte im kulinarischen Brachland Deutschland so gut essen wie in Frankreich. So viel sei gespoilert: Er hatte mit dem 1971 eröffneten Tantris sein Ziel erreicht.
Zurück in die Jetzt-Zeit, in der München gerade kulinarisch seinen zweiten Frühling erlebt, weil eben in der Vergangenheit so viel Gutes nachkam beziehungsweise vom guten Ruf der Stadt angezogen wurde. Manche sagen, dieser Hauch von internationaler Kulinarikexzellenz kam mit Max Natmessnig (aus der Roten Wand in Lech) an die Isar, auch wenn er im Hause Dallmayr nur ein kurzes Gastspiel hatte.
Was die Münchner Gourmettempel auszeichnet, ist, dass sie so unterschiedlich sind: Jan Hartwig kocht sich immer näher an die DNA des deutschen Geschmacks, Tohru Nakamura bringt seine japanischen wie deutschen Wurzeln auf einen Fine-Dining-Level, während im Tantris die französische Hochküche zelebriert wird, setzt Komu-Küchenchef Christoph Kunz auf klare Tellersprache. Im Atelier im Bayerischen Hof (noch so ein legendäres Haus) ist nun im April der neue Küchenchef Kevin Romes angetreten, um die zwei Sterne zu verteidigen. Auch was mit dem recht neuen The Cloud by Käfer in der BMW-Welt mit Küchenchef Jens Madsen bei der diesjährigen Sterneverleihung passiert, bleibt spannend.
Und, warum die Stadt, sorry, hier darf das Wortspiel sein, in aller Munde ist. Die Szene wird weiblicher. Und selbstbewusster. Rosina Ostler im Alois bei Dallmayr gilt als eines der größten Talente des Landes. Saucenkönigin Sigi Schelling steht für klassische Eleganz mit eigener Handschrift. Und Nathalie Leblond zeigt im Les Deux, wie mühelos sich Bistro und Sterneküche verbinden lassen. „Die Gäste genießen bewusst, gehen in viele Restaurants. Die Vielfalt ist groß – von Spitzenküche bis Gasthaus“, sagt Sigi Schelling. Ihr Werneckhof ist nicht nur an den starken Wochenendtagen gut ausreserviert.
„Seit Jahren ist die Münchner Gourmet-Szene agil und hat sich zu einer der spannendsten und hochwertigsten in Deutschland etabliert – die Dichte der besternten Restaurants spricht Bände“, sagt Annette Sandner, Foodexepertin aus München. Sie kennt sich aus und fügt an: „Besonders interessant ist für mich aber auch der immer wertige Mittelbau mit kreativen Konzepten, hohem Anspruch, sehr persönlichem Gastgebertum und außergewöhnlich guter Küche. Diese Restaurants florieren und stehen in der Beliebtheit ihren „Fine Dining“ Kollegen in nichts nach.“
Sandner meint damit Lokale wie etwa Mokum, das Kulinariat oder Das Obers. Letzteres wurde ausbaldowert vom Tausendsassa Jürgen Wolfsgruber, eigentlich Österreicher, der das Sternerestaurant Sparkling Bistro, aber eben auch Gasthäuser wie das Tschecherl und jüngst auch das Fogosch betreibt.
Und vermutlich ist es genau diese Mischung, die München so besonders macht: diese Gleichzeitigkeit von Biergarten und Fine Dining, von Leberkässemmel und Kaviar, von Gasthaus und Perlenohrringen. Der Englische Garten mit seinen weitläufigen Wiesen und Biergärten. Dazu Bars wie das Schumanns oder das Fleurs du Mal darüber.
München ist auch ein Sehnsuchtsort. Für Jan Hartwig, geboren und aufgewachsen in Niedersachsen, war früh klar, dass er hierhergehört. Mit seinem eigenen Restaurant erfüllte er sich den Traum – und wurde kurz darauf nach seiner Zeit im Atelier wieder mit drei Sternen ausgezeichnet. Eine dieser Geschichten, die es wohl nur hier so geben kann. Früher hieß der Slogan „München. Weltstadt mit Herz“. Heute: „Einfach München“. Vielleicht müsste man hinzufügen: eine Stadt, die schmeckt.
Alois by Dallmayr: Dienerstraße 14-15, 80331 München, www.dallmayr.com
Atelier im Bayerischen Hof: Promenadeplatz 2-6, 80333 München, www.bayerischerhof.de
The Cloud by Käfer: Am Olympiapark 1, 80809 München; www.thecloud.restaurant
Café Frischhut (Schmalznudel - Café): Prälat-Zistl-Straße 8, 80331 München
Das Kulinariat: Schwanthalerstrasse 143, 80339 München, www.daskulinariat.de
Das Obers: Gerner Str. 48, 80638 München, www.dasobers.de
Fogosch: Amalienstrasse 81, 80799 München, www.dasfogosch.de
Hofbräuhaus: Platzl 9, 80331 München, www.hofbrauhaus.de
Jan: Luisenstraße 27, 80333 München, www.jan-hartwig.com
Komu: Hackenstraße 4, 80331 München; www.komu-restaurant.de
Les Deux: Maffeistraße 3a, 80333 München, www.lesdeux.muc
Mokum: Alter Messeplatz 6, 80339 München, www.mokum-munich.de
Schumanns: Odeonsplatz 6-7, 80539 München, www.schumanns.de
Werneckhof von Sigi Schelling: Werneckstraße 11, 80802 München, www.werneckhof.de
Sparkling Bistro: Amalienpassage, Amalienstraße 89, 80799 München, www.sparklingbistro.de
Tantris: Johann-Fichte-Straße 7, 80805 München,www.tantris.de
Tohru (Restaurant Tohru in der Schreiberei): Burgstraße 5, 80331 München, www.schreiberei-muc.de/tohru
Das Tschecherl: Amalienstrasse 89, Amalienpassage / Adalberthof 80799 München, www.dastschecherl.de
Wirtshaus Zum Franziskaner: Residenzstraße 9, 80333 München, www.zumfranziskaner.de
Hinweis: Die Recherchereisen für diesen Beitrag wurden zum Teil unterstützt von Veranstaltern, Hotels, Restaurants und/oder Tourismus-Agenturen. Dies hat keinen Einfluss auf den Inhalt unserer Berichterstattung.