Hoch oben auf dem ungekrönten Haupt Böblingens lädt ein kleiner Park zum Verweilen ein. Dort, wo bis zum 7. Oktober 1943 noch das Schloss thronte, säumen Apfeldorne den Grundriss des einstigen Prunkbaus, der dem Ort seinen Namen verlieh. Wer sich unter ihrem Schatten niederlässt, blickt bis zum Holzgerlinger First oder kann den nördlichen Schwarzwald in der Ferne ausmachen. Doch mit der Beschaulichkeit in einem Teil dieses Parks ist es in wenigen Tagen vorbei: Ein Teil der Bäume muss gefällt werden.
Der Grund sind Grabungen hin zum ehemaligen Schlosskeller, der sich noch immer im Untergrund befindet. Die Arbeiten sind eine Auflage des Landesamts für Denkmalschutz, damit dereinst überhaupt eine Baufreigabe für das 36-Millionen-Euro-Projekt erteilt werden kann: Auf der Fläche soll die Musik- und Kunstschule Platz finden. Die geplante Bebauung stößt auch auf Kritik, manche halten den Entwurf für zu üppig.
„Seit November laufen intensive Untersuchungen, um herauszufinden, wo überhaupt großflächiger ausgegraben werden muss“, sagte die Baubürgermeisterin Christine Kraayvanger jüngst im Böblinger Gemeinderat unter dem letzten Tagesordnungspunkt „Verschiedenes“.
Damit die Fachleute im Frühjahr graben können, müssen jetzt die Bäume weg. „Der Grund ist, dass in der Vegetationsperiode von März bis September keine Bäume gefällt werden dürfen“, so Kraayvanger. Also kommen die Kettensägen noch im Februar zum Einsatz. Damit sei der Weg frei ins Erdreich, um herauszufinden, „wie die Lage und der Zustand der historischen Mauern ist und welche Strukturen erhalten werden müssen“, sagte sie und bedauerte, dass „wertvolle Bäume und Hecken“ verloren gingen.
Stadt sucht Ausgleichsstandorte
Die Stadt sei bereits dabei, sechs Ausgleichsstandorte für neue Baumpflanzungen auf dem Schlossberg zu suchen. Das aber gestaltet sich gar nicht so einfach: Die Flächen müssen groß genug sein und gut zu bewässern, dürfen aber beispielsweise nicht einer Feuerwehraufstellfläche im Wege sein. „Wir denken an klimaangepassten Arten wie erneut Apfeldorn, Züngelbaum oder Linden“, sagte die Baubürgermeisterin. Außerdem könnten Einflüsse der landschaftsgärtnerischen Mode des späten 18. Jahrhunderts einfließen, als zum Beispiel der Tulpenbaum, der Blauglockenbaum und der Seidenbaum en vogue waren.
Trotz dieser Bemühungen um Ersatz löste der Kahlschlag im Gemeinderat wenig Begeisterung aus. Hans-Dieter Schühle von der CDU klagte über „leichte Bauchschmerzen“ bei dieser Maßnahme, man sei ja noch immer in der Phase der Vorplanung. Auch Dorothea Bauer von den Grünen fragte nach, ob denn neben den Ausgrabungen das Schlossberg-Plateau auch weiterhin für Personen mit einer eingeschränkten Mobilität gut erreichbar sei? Schließlich befände sich im benachbarten Fruchtkasten die Lebenshilfe, die darauf angewiesen sei. SPD-Rat Manuel Böhler von gleichnamigen Hotel am Fuße des Schlossbergs regte an, die Bäume mit Spezialbaggern zu verpflanzen, wie es andernorts schon erfolgreich praktiziert worden sei. Das Stimmungsbild im Ratsrund ging eindeutig in die Richtung eines möglichst schonenden Rückschnitts der Bäume. Für die Bürger für Böblingen sagte Wolfgang Kopp, „wir wissen noch gar nicht, ob die Neubebauung von der Bürgerschaft mitgetragen wird“, und bat um einen sehr sorgfältigen Umgang mit der Bepflanzung.
Die Baubürgermeisterin nahm die Sorgen auf, entgegnete aber, sie gehe von einstimmigen Beschlüssen im Gemeinderat aus, die eine grundsätzliche Weiterverfolgung des Bauprojekts besagten. Eine Bürgerbeteiligung stelle die Bebauung nicht grundsätzlich infrage. Sie solle lediglich dabei helfen herauszufinden, wie die Musik- und Kunstschule an diesem Ort optimal umgesetzt werden könne, sagte Christine Kraayvanger.
Kann man die Bäume verpflanzen?
Neubebauung des Böblinger Schlossbergs
Beschluss
Der Gemeinderat hat im Oktober 2021 einstimmig beschlossen, einen über 20 Jahre alten Entwurf der Berliner Architekten Barkow Leibinger wieder weiter zu verfolgen.
Nutzung
Die Architektur sieht eine Neubebauung des Schlossbergs in der Kubatur des 1943 zerstörten Schlosses vor und soll zunächst die Paul-Lechler-Schule als Interimsquartier und danach die Musik- und Kunstschule beherbergen.
Architektur
Dieser Entwurf war nach der Jahrtausendwende als Sieger für eine Neubebauung gekürt worden. Sie sollte eine Galerie und ein Bürgertreff beherbergen.
Proteste
Nach massiven Protesten aus der Bürgerschaft wurde das Projekt danach auf Eis gelegt, auch aufgrund der hohen Kosten.
Grabungen
Unter dem bestehenden Park auf dem Schlossberg befindet sich noch der ehemalige Schlosskeller, dessen Zustand und Schutzwürdigkeit das Landesamt für Denkmalschutz untersucht haben will.