Benjamin Thompson, der sich nach seiner Erhebung in den Grafenstand, Graf von Rumford nennen sollte, wurde am 26. März 1753 in Woburn, Massachusetts, als Sohn eines Farmers geboren. Der Vater starb früh, der Vormund steckte den Knaben mit 13 Jahren zu einem Importkaufmann in die Lehre. Der Junge war auffallend wissbegierig, führte chemische Experimente durch und nahm Unterricht bei einem Pfarrer in Mathematik und bei einem Landarzt in Medizin.
Mit 18 Jahren besuchte er am Harvard-College Vorlesungen in Naturphilosophie, bevor er den Beruf eines wandernden Landschullehrers ergriff. So kam er 1772 auf der Suche nach einer Anstellung in das Städtchen Concord. Der Ort, heute Hauptstadt des US-Staates New Hampshire, hatte bis 1765 den Namen Rumford getragen. Hier beginnt der Aufstieg von Benjamin Thompson.
Aus dem kleinen Lehrer wird ein wohlhabender Landlord
Der 19-Jährige lernte im Hause des Pfarrers Timothy Walker dessen 33-jährige Tochter Sarah kennen, Witwe eines Obristen und reichste Frau von New Hampshire. Aus dem kleinen Landschullehrer wurde nach der Heirat ein wohlhabender Landlord, dem fortan die Häuser der englischen Kolonialaristokratie offen standen.
Thompson trat in die britische Kolonialarmee ein und arbeitete im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg (1775–1783) als britischer Geheimagent. Als seine Tarnung aufflog, floh der Jüngling mit den aristokratischen Neigungen 1777, seine Frau und sein dreijähriges Töchterchen Sally zurücklassend, nach England. Dort brachte es der überzeugte Royalist zum Unterstaatssekretär im Kolonialministerium, bevor er im bayerischen Kurfürsten Carl Theodor einen neuen Arbeitgeber fand.
Als Adjutant und Kammerherr des Wittelsbachers stieg Rumford zu einem der mächtigsten Männer im Staat auf. Dass er schon bald eine abgelegte, aber immer noch einflussreiche Mätresse des Kurfürsten, die Gräfin Baumgarten, zur Geliebten nahm, spricht für seinen Karriereinstinkt.
Rumford bildet Soldaten zu Bauern aus
Bei seinen Inspektionsreisen erkannte Rumford, dass in dem ländlich geprägten Land einiges im Argen lag. Die Themen, die er anging, sind noch heute aktuell: Armut, Arbeitslosigkeit, Bildung, Ernährung und Gesundheit. Rumford begann seine Reform bei den Soldaten und reorganisierte das bayerische Heer. Es ging ihm weniger um die Erhöhung der Schlagkraft als um die Stellung der Soldaten als sich selbst versorgende Mitglieder der Gesellschaft.
Getreu seinem Motto, „die Wohlfahrt des Kriegers mit dem Wohle der Gesellschaft zu vereinigen“, zog der pragmatische Amerikaner das Militär zu öffentlichen Arbeiten heran. Rumford ließ Militärgärten einrichten, in denen die Soldaten zu Farmern ausgebildet werden sollen. So brachte er auch sein ernährungstheoretisches Lieblingskind, die Kartoffel, auf die Küchenzettel des Kurfürstentums. Jeder Soldat erhielt kostenlose Saatkartoffeln, die er zum eigenen Gewinn anbauen konnte.
Lesen Sie auch: „Die kleine Kartoffelkunde“
Daneben ließ er zur Eindämmung des Bettelwesens in der Münchner Vorstadt Au das militärische Arbeitshaus errichten. Hier wurden im Auftrag der Bayerischen Regimenter die von Rumford selbst entworfenen Soldatenuniformen hergestellt. Zur Versorgung der mehr als 1000 Arbeiter entwarf er einen neuen Küchenherd mit niedrigerem Energieverbrauch. Daneben erfasste er den Energiegehalt von Lebensmitteln. In der Küche des Arbeitshauses, die ganz im Sinne ihres Erfinders wirtschaftlich und zweckmäßig eingerichtet worden war, wurde die Rumfordsche Suppe zubereitet. Der Graf hatte sie als billige, aber nahrhafte Armenkost erdacht. Sie bestand aus in sauer gewordenem Bier gekochten Kartoffeln, Erbsen und Graupen.
Ein Ort der Zerstreuung für die Münchner
Bei all seinem philanthropischen Wirken war Rumford stets eine kühl kalkulierende mathematische Art eigen. Sein Engagement für die Armen rührte aus der Einsicht her, dass die alte Ordnung nur würde überleben können, wenn man die Situation der unteren Schichten verbesserte. Dieser Sichtweise entsprang auch seine Idee, zur Zerstreuung des Volks einen Garten anzulegen, der für jeden zugänglich sein sollte. 1789/90 entstand im Osten Münchens, auf vormals kurfürstlichem Grund, ein offener Landschaftspark mit einem See, verschwiegenen Spazierwegen, rauschenden Bächen, künstlichen Grotten, griechischem Tempel und chinesischem Turm. Die offizielle Bezeichnung lautete „Carl-Theodor-Park“, er hieß aber bald nur noch der „Englische Garten“, und diesen Namen trägt er noch heute.
Lesen Sie auch: „Gartenstile vom Mittelalter bis heute: So schön sind Europas Gärten“
Am 9. Mai 1792 vom bayerischen Kurfürsten in den Adelsstand erhoben, trieb der umtriebige Graf von Rumford in München nicht nur neue soziale Ideen, sondern auch seine wissenschaftlichen Forschungen voran. Es waren vor allem physikalisch-thermodynamische Experimente, mit denen er sich einen Namen machte. Er maß die Geschwindigkeit von Gewehrkugeln, kreierte spezielle Öllampen, um bei minimalem Energieaufwand maximale Helligkeit zu erzielen, und entwickelte wärmeisolierende Militärkleidung. Für Furore sorgte eine weitere Erfindung Rumfords, der Kaminfeuerherd mit günstiger Luftzirkulation: Die Kamine qualmten weniger und strahlten mehr Wärme ab.
Weltbürger und Karrierist statt amerikanischer Patriot
Mit dem Tod seines Gönners Carl Theodor 1799 sah Rumford in München kein Weiterkommen mehr. Er hielt Ausschau nach neuen nützlichen Freundschaften und fand sie in der französischen Gelehrtenwelt. Dabei machte er Bekanntschaft mit Anne Lavoisier, der Witwe des großen Chemikers. 1803 siedelte er nach Paris über und heiratete im Jahr darauf Lavoisier.
Die Ehe hielt nur fünf Jahre. Rumford bezog 1809 eine Villa in Auteuil, wo er bis zu seinem Tod am 21. August 1814 zurückgezogen lebte. Dass er als Selfmademan besonders seinen Landsleuten imponierte, ist verständlich. Dass Rumford aber, wie mitunter behauptet, ein amerikanischer Patriot gewesen sei, ist falsch. Der Farmersohn aus Massachusetts war ein Weltbürger, für den das Vaterland dort lag, wo er glaubte, Karriere machen zu können.