Graf Zeppelin und der 1870er-Krieg Der erste Schuss

Französische Soldaten greifen an, Zeppelin und seine Männer erwidern das Feuer, der badische Offizier Winsloe kommt zu Tode. Foto: Zeppelin-Archiv

Mit dem Scharmützel auf dem Schirlenhof begann vor 150 Jahren der deutsch-französische Krieg. Mittendrin: Der Hauptmann Ferdinand von Zeppelin.

Durlach - Am 24. Juli 1870, einem Sonntag, fällt im Elsass der erste Schuss des Deutsch-Französischen Krieges. Tags darauf gibt es die beiden ersten Todesopfer zu beklagen – ausgelöst durch einen Erkundungsritt des württembergischen Offiziers Ferdinand Graf Zeppelin.

 

Ausgerechnet Zeppelin! Ausgerechnet gegen Kaiser Napoleon III, mit dem Zeppelin seit seiner frühen Kindheit bestens bekannt ist. Denn die Familie des in Konstanz geborenen und im nahen Schloss Girsberg aufgewachsenen Grafen pflegte freundschaftlichste Kontakte mit den Bewohnern des Schlösschens Arenenberg im Thurgau. Dorthin hatte sich Hortense Beauharnais zurückgezogen, die Stieftochter Napoleon Bonapartes und Mutter von Louis Napoleon, der von hier aus seine Putschversuche gegen die französische Regierung steuerte.

Sogar zur Hochzeitsfeier von Ferdinands Eltern sind die Beauharnais erschienen. Dass Louis Napoleon 1848 überraschend Präsident von Frankreich werden würde und vier Jahre später als Kaiser Napoleon III. den Thron besteigen sollte, konnte da niemand ahnen. Und schon gar nicht, dass der 30 Jahre jüngere Zeppelin eines Tages gegen den Kaiser der Franzosen in den Krieg ziehen würde.

Aber Napoleon III. verkalkuliert sich gewaltig. Denn völlig unerwartet stellen sich die süddeutschen Staaten Baden, Bayern, Hessen-Darmstadt und Württemberg unmittelbar nach der Kriegserklärung des französischen Regenten an Preußen am 19. Juli 1870 auf die Seite des Norddeutschen Bundes, um gemeinsam gegen den „Erbfeind“ aus dem Westen loszumarschieren.

Der Spähtrupp überreitet die Grenzposten

So wird der württembergische Kavalleriehauptmann Ferdinand von Zeppelin bei der Generalmobilmachung unter preußisches Kommando ins badische Durlach abkommandiert, wo er als guter Reiter die Order erhält, einen Aufklärungsritt hinter die feindlichen Linien zu unternehmen.

Das Drama nimmt seinen Lauf. Um sieben Uhr am Morgen reitet die Patrouille aus vier Offizieren und sieben Dragonern vom linksrheinischen Hagenbach aus ab und hält in Richtung Süden auf Lauterbourg zu, da man von dort mit einem Angriff der Franzosen rechnet.

Zunächst läuft alles nach Plan. Unvermittelt taucht der deutsche Spähtrupp vor der verdutzten Brückenwache an dem Grenzfluss Lauter auf und überreitet einfach den Posten. Im gestreckten Galopp jagen sie nach Lauterbourg hinein, wo sich ein Großteil der Menschen gerade beim Gottesdienst befindet. In einer Blitzaktion zerstören Zeppelin und seine Männer den Telegrafen der kleinen Stadt. Keiner der Einwohner, auch nicht die beiden örtlichen Gendarmen, setzen sich zur Wehr.

In scharfem Tempo geht es Richtung Hagenauer Forst, wo sie bereits erste Kavalleriebewegungen der Franzosen ausmachen können. Fatalerweise hat sich Zeppelins Pferd verletzt und blutet so stark, dass die Fortsetzung der Patrouille gefährdet scheint. Man braucht unbedingt ein neues Pferd. Die Späher beschließen einen weiteren Überraschungsangriff. In der Nähe des Ortes Croettwiller überfallen sie einen Gendarmen zu Pferde. Doch schon nach wenigen Kilometern erweist sich der erbeutete Gaul als so miserabel, dass sich Zeppelin gezwungen sieht, ihn gegen das Packpferd einzutauschen.

Die Franzosen greifen an

Bei Anbruch der Dunkelheit verstecken sie sich im Wald, um dann bei Tagesanbruch in Richtung Woerth zu reiten. Die französischen Truppenbewegungen haben deutlich zugenommen, was für die Männer anstrengende, stundenlange Umwege durch das Unterholz bedeutet. Nach einigen Stunden in der Sommerhitze benötigen die Pferde eine Rast. Ein Gehöft in der Nähe bietet sich dafür an. Der Schirlenhof.

Die Hof-Bewohner verhalten sich den gegnerischen Soldaten gegenüber kooperativ. Futter und Wasser für die Pferde werden herbei geschafft, während man im Wirtshaus ein Mittagessen für die Soldaten bereitstellt. Doch dann ertönt plötzlich ein Alarmschrei des Wachtpostens: „Raus!“ Französische Reiterabteilungen preschen auf den Hof. Der erste Schuss fällt. Weitere folgen.

Ferdinand von Zeppelin und seine Männer erwidern das Feuer und versuchen, ihre Pferde zu erreichen. Zur Scheune sind es nur zehn Schritt. Aber sie müssen über den Hof. Einer wagt es, aus der Tür zu schlüpfen – mit fatalen Folgen: Von einer Kugel tödlich getroffen, sackt der Leutnant zusammen. William Herbert Winsloe, ein badischer Offizier britischer Abstammung, ist das erste Todesopfer in diesem Krieg.

Bei der Hintertür entdeckt Zeppelin eine Bauersfrau, die ein französisches Kavalleriepferd am Zügel hält. Innerhalb von Sekunden überstürzten sich jetzt auch auf der Rückseite die Ereignisse. Gerade haben die Ersten den Ausgang erreicht, da tauchen schon die Franzosen auf. Mit einem kühnen Satz stürzt sich Zeppelin ins Freie, schwingt sich in den Sattel des Pferdes und galoppiert davon, verfolgt von den Schusssalven der Franzosen. Sein Vorsprung ist groß genug, um den Wald zu erreichen und sich dort bis zum nächsten Morgen zu verstecken.

Der 14-jährige Lotse

Bei der Flucht vom Schirlenhof hat er seine Karten zurück lassen müssen. Ausgerechnet in einer Situation, wo er jede Straße und jede Siedlung meiden muss, kann er nur noch darauf setzen, dass ihn sein Gespür über die Grenze bringt. Das Gelände wird immer unwegsamer. Schließlich gelangt er in die Nähe des Dorfes Hirschthal, offensichtlich bereits deutsches Territorium. Aber die Lage in diesen ersten Kriegstagen ist verworren.

Auf einem Feld entdeckt er Bauern. Als er näher kommt, lassen sie die Hacken fallen und suchen das Weite. Zeppelin schnappt sich einen jungen Burschen. Jakob Jacky heißt der 14-Jährige, der sich, nachdem er langsam Zutrauen gewinnt, als zuverlässiger Lotse erweist und den Offizier auf Schleichwegen bis in die Nähe von Nothweiler dirigiert. Von hier aus ist es für Zeppelin nun kein Problem mehr, alleine zurückzufinden. Er lässt den Jungen frei, nicht ohne sich für seine Dienste herzlich zu bedanken und ihm eine Goldmünze zu schenken.

Dank der Wegweisung des Jungen aus Hirschthal schafft es Zeppelin, am 26. Juli 1870 seine Einheit wieder zu erreichen. Als einziger aus der Patrouille. Einer ist tot, die anderen sind in französischer Gefangenschaft. Auch auf Seite der Franzosen hat ein Unteroffizier sein Leben lassen müssen. Diesen beiden ersten Opfern werden bald viele weitere folgen.

Die Kunde vom kühnen Husarenritt des jungen württembergischen Offiziers verbreitet sich in Windeseile im ganzen Land. Mit großen Schlagzeilen berichten die Zeitungen tagelang über Graf von Zeppelins Heldentat hinter den feindlichen Linien. Von nun an ist der Name Ferdinand Graf von Zeppelin in aller Munde. Der 32-jährige Hauptmann der Kavallerie avanciert zum ersten Helden des Krieges von 1870.

Befremden über Zeppelins tolldreiste Eigenmächtigkeiten

Die Realität sieht freilich ganz anders aus. Beim Generalstab stößt Zeppelins Erkundungsritt auf schroffe Ablehnung. Selbst General von Moltke lässt sein Befremden über die tolldreisten Eigenmächtigkeiten des jungen Hauptmanns ausrichten. Seine militärische Karriere kommt damit zum abrupten Stillstand. Alle, die am Schirlenhofritt teilgenommen haben, werden für ihre Tapferkeit mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet. Alle – bis auf Ferdinand von Zeppelin.

Keine sechs Wochen nach seinem Ritt kommt es zu jener Schlacht, die den Kriegsverlauf entscheidend beeinflusst. Am 1. und 2. September 1870 prallen bei Sedan die beiden Armeen aufeinander. Die Schlacht endet nicht nur mit eine Kapitulation der französischen Truppen, sondern auch mit der Gefangennahme von Kaiser Napoleon III.

Bei der folgenden Belagerung von Paris setzen sich die Bürger mit dem Mut der Verzweiflung zur Wehr. Die deutschen Belagerer vermeinen, ihren Augen nicht trauen zu können, als am 7. Oktober erstmals zwei mit Gas gefüllte Ballone kurz hintereinander über der eingekesselten Stadt aufsteigen. An den Ballons sind große Körbe befestigt, in denen sich Menschen befinden. Bald verschwinden die Ballone am Horizont. Ferdinand von Zeppelin ist einer dieser Beobachter. Was er da sieht, ist die Fortentwicklung der Spähballons, die er als junger württembergischer Militärbeobachter im amerikanischen Sezessionskrieg bestaunt hat.

Mehr als 60 Mal steigen die Ballone während der Belagerung von Paris in den Himmel. Mehr als 200 Menschen gelingt so die Flucht durch die Lüfte. Und in Graf von Zeppelin blitzt der Gedanke auf, die Technik eines Tages weiter zu verfolgen. Die Möglichkeiten, die diese Ballons für eine moderne Kriegsführung eröffnen, scheint ihm längst nicht ausgereizt. Doch von 1870 bis zum Start des ersten „Zeppelin“ am 2. Juli 1900 in der Manzeller Bucht am Bodensee ist es noch ein langer und holpriger Weg.

Zeppelin trifft Jacky

Zeppelin hat den Einsatz seiner Kriegsluftschiffe noch erlebt: 51 Mal werfen sie im Ersten Weltkrieg über England, vor allem über London, ihre todbringende Fracht ab, bevor sie von der Flugzeugtechnik abgelöst werden, und die riesigen Luftzigarren endlich friedlichen Zwecken dienen dürfen.

Zur Internationalen Luftfahrtausstellung 1909 in Frankfurt lädt Zeppelin einen Mann als Ehrengast ein, den sonst keiner kennt: Jakob Jacky. Schon Jahre zuvor haben die beiden, die auf so schicksalhafte Weise zusammengetroffen waren, brieflichen Kontakt miteinander aufgenommen, nachdem Jacky in der Zeitung vom weltberühmten Grafen Zeppelin gelesen hatte, von dem er richtig vermutete, es handele sich um den tollkühnen deutschen Kavallerieoffizier von einst.

Dass er sogar in die Gondel des Luftschiffs „LZ 5“ habe steigen können und sich auch noch neben dem Grafen von Zeppelin habe fotografieren lassen dürfen, das sei „das schönste Geschenk meines Lebens“ gewesen, erzählt Jacky danach wieder und wieder. Zeppelin hat ihm das Foto rahmen lassen und zugesandt – mit der Aufschrift „meinem einstigen kleinen Führer von 1870.“

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