Graffitis in der Stuttgarter Innenstadt Das Geheimnis der 376

Von Martin Haar 

Fälle von Graffitis gehen laut Kriminalstatistik zurück, sind aber für die Hausbesitzer sehr ärgerlich, wie ein Fall am Hans-im-Glück-Brunnen zeigt.

Unliebsame Überraschung: beschmierte Fensterscheibe Foto: Haar
Unliebsame Überraschung: beschmierte Fensterscheibe Foto: Haar

Stuttgart - Ein Morgen kann voller Überraschungen sein. So dürfte es auch Rolf Hacker, Hausbesitzer an der Geistraße, empfunden haben, als er am Montag auf das Fenster im Erdgeschoss seines Hauses blickte. In der Nacht hatten Unbekannte seine Scheibe mit der Ziffer 376 beschmiert. Neben dem Ärger über die Sachbeschädigung blieben viele Fragen: Was bedeutet die Ziffer? War macht so etwas? Und: Warum macht jemand so etwas?

Der erste Blick ins Internet hilft einem in diesem Fall nicht weiter. Da gibt es den Hinweis auf die Paragrafen 376 und die Jahreszahl. Es war wohl ein wichtiges Datum in Zeiten der Völkerwanderung. Aber ein Gesetz oder ein Datum mit dem Graffito in Verbindung zu bringen, ist eher schwer. Und unplausibel. Die Auflösung kommt schließlich von zwei Teenagern, die vor dem Fenster ein Selfie machen. Nach dem Schnappschuss erklären sie: „376 ist das Erkennungszeichen für den Hallschlag. Wenn man noch die 70 vor die 376 setzt, ist es die Postleitzahl für den Hallschlag.“ Beide Jugendliche müssen es wissen: „Wir sind selbst aus dem Hallschlag.“

Jugendarbeiter kennen das Phänomen

Jutta Jung, die bei der Caritas für mobile Jugendarbeit zuständig ist, kennt das Phänomen, das im ganzen Stadtbild anzutreffen ist. „Jugendgruppen identifizieren sich über die Postleitzahl oder einem Kürzel mit ihrem Bezirk. Es ist wie ein Daumenabdruck.“ In Zuffenhausen sei dies die 436, im Osten das Akronym RIO für „Raitelsberg im Osten“. Über die Motivation, diese Signatur an Hauswände oder Scheiben zu sprühen, sagt sie: „Ich glaube nicht, dass da ein aggressiver Gedanke ­dahinter steckt. Es ist wohl eher Gedankenlosigkeit.“

So sieht es auch Hans-Peter Ritter, der in Bad Cannstatt mobile Jugendarbeit betreibt: „Man kennt das ja von früher, als Jugend-Gangs etwa in den USA mit unterschiedlichen Namen ihr Revier abgesteckt haben, aber in diesem Fall ist es schwer vorstellbar, dass es sich um Rivalitäten handelt. Wenn es so wäre, hätte ich eine leise Ahnung davon.“

Die Profis der mobilen Jugendarbeit wissen zwar, dass es immer wieder zu Konflikten kommt, doch die werden in der Regel im Europaviertel am Milaneo und der Stadtbibliothek ausgetragen. Dass nun mitten in der Stadt das Identifikationsmerkmal des Hallschlags auftaucht, ist für Katrin Marohn (Mobile Jugendarbeit im Osten) ein eher Ausdruck der Verhältnisse: „Jugendliche sind heute eben generell mobiler als früher.“

Polizei schnappt einen Sprayer

Auch Gregor Belgardt, im Referat Sicherheit, Ordnung und Sport der Stadt als Graffiti-Experte bekannt, sieht in der 376 am Hans-im-Glück-Brunnen einen Einzelfall. Grundsätzlich nehme das Delikt der Sachbeschädigung durch Graffitis in der Stadt in der Kriminalstatistik ab. Waren es laut Belgardt 2017 noch 312 Fälle, verzeichnete die Polizei im Jahr 2018 nur noch 280 Fälle. Keine Frage: Für einen Hausbesitzer ist jeder einzelne Fall teuer und unangenehm. „Daher ist es wichtig, dass alle – Polizei, die Stadt, die Sozialpädagogen und Lehrer – in ständigem Austausch sind“, sagt er, „und wenn man Stuttgart in diesem Bereich mit anderen Städten vergleicht, stehen wir gut da.“

Hausbesitzer Rolf Hacker hat inzwischen Strafanzeige gestellt und von der Polizei die Auskunft bekommen, dass es sich offenbar um zwei Täter handelt. „Einen davon haben sie geschnappt“, sagt er und ergänzt: „Für ihn wird es nun teuer. Denn auch die Sandsteinwand, die nur schwer zu reinigen ist, hat er beschmiert.“

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