Im Grafikkabinett in Backnang sind seit Freitagabend Western-Comics zu sehen, ganz alte und ziemlich neue. Die Ausstellung, die vorher rund 9000 Besucher in das Cartoon-Museum in Basel gelockt hat, wird bis Ende Januar in Backnang gezeigt.

Rems-Murr/ Ludwigsburg: Martin Tschepe (art)

Backnang - Willkommen im Wilden Westen. Auf einigen der in Backnang ausgestellten Cartoons wird der Westen der Vereinigten Staaten romantisch verklärt, auf anderen eher nüchtern-realistisch betrachtet. Manche Zeichner haben die Indianer durch die rassistische Brille gesehen und dann zu Papier gebracht, andere die beinharten Cowboys ordentlich verhohnepipelt. Die bekannteste aller Figuren, die zurzeit auf Stippvisite in der Stadt ist, dürfte Lucky Luke sein.

 

Die Ausstellung „Going West – Der Blick des Comics Richtung Westen“ ist seit Freitagabend im Grafikkabinett in Backnang zu sehen. Die Schau, die Alexander Bauer zusammengestellt hat, war bis vor ein paar Tagen noch im Cartoon-Museum in Basel gezeigt und von rekordverdächtigen rund 9000 Gästen besucht worden.

Die Zeichner der ersten Comicserien waren Millionäre

Der Rundgang durch die Schau beginnt nicht etwa mit einem Werk eines alten Comic-Meisters, sondern mit einem Film aus dem Jahr 1903 – mit „Der große Eisenbahnraub“. Das Medium Film sei damals längst nicht so populär gewesen wie die täglich in Millionenauflage gedruckten Comics in den amerikanischen Tageszeitungen, sagt der Kurator Bauer. Filme liefen damals meist nur vor ein paar Dutzend Zuschauern auf Jahrmärkten.

Die Zeichner der ersten Comicserien seien Millionäre und höchst anerkannt gewesen. Mächtige US-Zeitungsverleger wie Randolph Hurst und Joseph Pulitzer haben sich vor gut 100 Jahren mit immer neuen Comicstrips zu überbieten versucht. Einige dieser Comics sind auf Hursts ganz persönlichen Wunsch entstanden. Der Verleger, der als Kind während eines Deutschlandbesuchs begeistert in einem Max-und-Moritz-Buch geblättert hatte, beauftragte seinen Zeichner, den aus Deutschland stammenden Rudolph Dirks, etwas Ähnliches zu entwerfen. So entstanden die Figuren Hans und Fritz, die auf einigen der in Backnang ausgestellten Cartoons im Wilden Westen herumturnen.

Realistischer Blick aus Europa

Den realistischeren Blick in Richtung Westen hatten meistens die Zeichner aus Europa, zum Beispiel der belgische Comicautor Hergé. In seinem „Tim und Struppi in Amerika“ von 1931 werden freundliche Indianer Opfer skrupelloser Ölbarone. Während der Hochzeit des Westerns im Film, in den 1950er- und 1960er-Jahren, starteten in belgischen und französischen Magazinen Comic-Westernserien, die mitunter noch heute erscheinen, etwa die Parodie „Lucky Luke“. Unter dem Einfluss der Italowestern veränderten sich auch die Comics, sie wurden härter und brutaler.

Der Westerncomic „Lincoln“ der Brüder Oliver und Jérome Jouvray sei „der vielleicht überraschendste und einfallsreichste der vergangenen Jahre“, sagt Alexander Bauer. Der Comicfigur ist von Gott die Unsterblichkeit verliehen worden, was Lincoln erlaubt von Band zu Band eine lange Reise durch die Zeit zu machen. Im neuesten Buch von 2013 wird der Cowboy als US-Rekrut in den Ersten Weltkrieg nach Europa geschickt. Der einstige Pionier der Neuen Welt muss zurück in die Alte Welt. Eine Fortsetzung folgt ganz bestimmt.