Die Plochinger Stadtverwaltung soll ein neues Nutzungskonzept für das Grafsche Haus erstellen. Doch die öffentliche Nutzung stößt in einem historischen Altbau schnell an Grenzen.
Das Grafsche Haus, im Jahr 1604 erbaut, ist eines der schönsten Fachwerkhäuser in Plochingen. 1976 hat die Stadt das zentral am Marktplatz gelegene ehemalige Schultheißen- und Bauernhaus erworben. Bis 2003 war der Kreisjugendring hier Mieter, aber bereits um die Jahrtausendwende nahm der Gedanke eines Vereinshauses konkrete Formen an. Die Idee sei damals gewesen, eine aktuelle Nutzung und eine Art Heimatmuseum zu verbinden, berichtet Martin Laukmichel, der Finanzvorstand des Arbeitskreises Plochinger Vereine (AKPV): „Das hat uns Vereine angetrieben mitzumachen.“
Insbesondere der Musikverein engagierte sich, auch mit Eigenleistungen in großem Umfang. Doch kaum eingezogen, seien schon die ersten Einschränkungen gekommen, erinnert sich Laukmichel. So sei anders, als vereinbart, die Nutzung des Dachgeschosses aus Brandschutzgründen nicht erlaubt worden: „Das war sehr unglücklich.“ Ebenso wenig wurde das Heimatmuseum umgesetzt. Bis heute lagern die Ausstellungsobjekte in mehreren Räumen unterm Dach, teilweise in Vitrinen arrangiert und an die Wände gehängt. Archäologische Funde aus römischen Zeiten sind dabei, Objekte des Schwäbischen Albvereins, Dinge aus der ehemaligen Waldhorn-Brauerei oder der Dettinger-Villa, dem alten Krankenhaus und von der Bahn – durchaus spannende Exponate, die viele Menschen interessieren dürften. Nur bekommt sie bisher niemand zu Gesicht, weil die Ausstellung nicht fertig ist.
Anfangs wurde das Haus rege genutzt
Trotzdem sei in den Anfangsjahren das Haus rege genutzt worden, auch für Sitzungen von Vereinen und Gruppen, berichtet Laukmichel. In dem großen Gewölbekeller, der sich unter dem Grafschen Haus und dem Nachbarhaus erstreckt, wurde noch jahrelang gefeiert. Legendär war von 1978 an das regelmäßige „Plochinger Katerfrühstück“ am Aschermittwoch. Doch dann konnte der Keller nach einem Wasserschaden 2008 nicht mehr genutzt werden; die Sanierung war dem Gemeinderat zu teuer.
Ebenfalls 2008 konnte der Musikverein in den Kulturpark Dettinger umziehen. Trotzdem wurde es im Graf’schen Haus enger, denn 2010 begann die AWO mit ihrem Mittagstisch: zunächst einmal, dann dreimal wöchentlich gab sie 70 bis 90 Essen aus. „Das war beengt“, sagt Renate Sinn, die das Angebot leitete, man habe die Teilnehmerzahl dann begrenzen müssen. Lebensmittel und anderes wurde gelagert und nahm Platz weg. Als der Mittagstisch 2016 ins evangelische Gemeindehaus umzog, war schon klar, dass die Stadt einige Zimmer im Grafschen Haus als Büros während der anstehenden Rathaussanierung brauchen würde, und auch in der Coronazeit wurden Räume von der Verwaltung genutzt.
Heute kann man sicher nicht von einem lebendigen Vereinshaus reden. Die Geschäftsstelle des Arbeitskreises Plochinger Vereine ist hier angesiedelt, wird längerfristig aber wohl zum Kulturamt ziehen, dem der AKPV auch organisatorisch zugeordnet ist. Die Gemeinderatsfraktionen treffen sich hin und wieder in den historischen Mauern, verschiedene Vereine, auch der AKPV selbst – wenn sie denn Platz finden.
Denn der sei knapp, sagt Meyra Kaleburun, die Leiterin der AKPV-Geschäftsstelle, zumal auch die Musikschule und die Volkshochschule im Gebäude aktiv sind. Außerdem belegen zwei große Weihnachtskrippen jeweils ein Zimmer. Von der Idee offener, multipel genutzter Räume sei kaum was übrig, stellt Martin Laukmichel fest. Und dann gibt es noch all die Themen, die eine öffentliche Nutzung in historischen Gebäuden zur Herausforderung machen: Brandschutz, zweiter Fluchtweg, Barrierefreiheit, Sanitäranlagen …
Die Stadt nimmt einen neuen Anlauf
Trotzdem will die Stadt einen neuen Anlauf nehmen, denn sie konnte vor Kurzem das Haus Am Markt 9 kaufen, jenes Nachbargebäude, mit dem sich das Grafsche Haus den Keller teilt. Das birgt neues Potenzial, findet auch Laukmichel, für den feststeht, dass man Orte der Begegnung braucht. Und dieses Haus habe Atmosphäre: „Man spürt, wenn man hier feiert, dass vieles passiert ist.“ Der Gemeinderat hat kürzlich die Verwaltung beauftragt, ein Konzept zu entwickeln, zusammen mit Vereinen und anderen potenziellen Nutzern. Vielleicht werde doch noch etwas aus dem Heimatmuseum, sinniert Laukmichel, der glaubt, dass das Interesse daran groß wäre.
Er ist allerdings auch skeptisch. Er stellt sich weiterhin ein offenes Konzept vor, wie die Vereine es vor 20 Jahren in einer Hausordnung festgeschrieben haben, fürchtet aber, dass das kaum umsetzbar ist. Und die Absicht der Stadt, in der bestehenden Wohnung in dem neu erworbenen Gebäude übergangsweise Geflüchtete einzuquartieren, sieht er ebenfalls kritisch: „Dann ist das Haus ja wieder weg“, sagt er. Eine gemeinschaftliche Nutzung sei damit „wahrscheinlich erledigt“.
Mitten in der Stadt
Der Erbauer
Im Auftrag des Schultheiß Hieronimus Buntz baute der bekannte und begabte Zimmermann Hans Peltin im Jahr 1604 ein doppeltes Wohnhaus, in dem der Bürgermeister auch seine Amtsstube hatte. Der Name Grafsches Haus bezieht sich auf den Bauern Carl Erhardt Graf, dem das Gebäude im 19. Jahrhundert gehörte. Mitte der 1970er-Jahre hat die Gemeinde das Gebäude erworben, jüngst konnte sie auch das Nachbarhaus Am Markt 9 kaufen.
Zimmermannskunst
Charakteristisch für die Zeit und die Arbeit Hans Peltins ist das reich verzierte, fränkische Schmuckfachwerk mit teilweise floralen Flachreliefschnitzereien. Der Bauherr ist auf einem der Balken verewigt, an anderer Stelle wächst ein Lebensbaum aus einer Henkelamphore. Die Tür zur heutigen Marktstraße hin ist von einem Rundbogen aus Sandstein, der mit zwei Muscheln abschließt, eingefasst. Ursprünglich war daneben eine zweite solche Tür; sie ist heute teilweise zugemauert und durch ein Fenster ersetzt.