Grand Egyptian Museum eröffnet Tutanchamuns kompletter Schatz zu sehen
Immer wieder wurde die Eröffnung des spektakulären Museums an den Pyramiden verschoben. Jetzt ist es soweit – und das Stuttgart Atelier Brückner ist mittendrin.
Immer wieder wurde die Eröffnung des spektakulären Museums an den Pyramiden verschoben. Jetzt ist es soweit – und das Stuttgart Atelier Brückner ist mittendrin.
So richtig mag man der Ankündigung nicht trauen, schließlich wurde die Eröffnung schon so oft verschoben. Doch jetzt soll tatsächlich wahr werden, worauf die Weltöffentlichkeit seit Jahren wartet: Am 1. November, pünktlich um 19.30 Uhr, soll das Grand Egyptian Museum (GEM) in Gizeh offiziell eröffnet werden. Ein Teil des gigantischen Neubaus ist schon in Betrieb, nun aber hat man Staatsoberhäupter, Königinnen und Könige eingeladen, um auch das Herzstück des GEM einzuweihen: die Tutanchamun-Galerie.
Höchste Zeit, denn eigentlich stehen die meisten der 5600 Objekte aus dem Grabschatz von Tutanchamun schon seit mehr als einem Jahr in den Vitrinen. In den vergangenen Wochen ist zum Abschluss auch die berühmte Totenmaske vom Alten Ägyptischen Museum am Tahrir-Platz umgezogen in den Neubau in Gizeh. Deshalb geht auch Shirin Brückner fest davon aus, dass es tatsächlich wahr wird – „ich bin mir sicher.“ Sie ist die Chefin des Stuttgarter Ateliers Brückner, das die Ausstellung zu Tutanchamun gestaltet hat.
Das Büro hat schon viele Museen eingerichtet, doch als man den Zuschlag für das Grand Egyptian Museum bei den Pyramiden von Gizeh bekam, war das etwas Besonderes – und das nicht nur, weil das üppig bestückte Grab des altägyptischen Pharaos Tutanchamun fast vollständig erhalten war, als der Ägyptologe Howard Carter es vor hundert Jahren entdeckte. Ungewöhnlich war für die Stuttgarter auch, dass in Ägypten höchste Eile angesagt war. Deshalb bekamen die Gestalter nur sechs Monate Zeit, um ihr komplettes Konzept auszuarbeiten. Für eine Mammutaufgabe wie diese hat man bei anderen Projekten in der Regel mehrere Jahre zur Verfügung. Also stellte Shirin Brückner in Hochgeschwindigkeit ein zwanzigköpfiges Team zusammen und flog fortan einmal im Monat eine Delegation nach Kairo.
Letztlich war die Eile völlig unnötig, denn Verspätungen und Verschiebungen gehörten von der ersten Stunde an und bis zum letzten Tag zu dem ambitionierten Neubau. Bereits 1993 wurde eine Machbarkeitsstudie durchgeführt und 2002 schließlich ein Architekturwettbewerb ausgeschrieben. Doch kaum hatte man mit den Bauarbeiten neben den Gizeh-Pyramiden begonnen, kam der Arabische Frühling – und man stellte die Arbeit für mehrere Jahre ein. 2014, als Ägypten sich wieder stabilisiert hatte, wurde weitergebaut, aber es folgten immer weitere Unterbrechungen – wegen der Wirtschaftskrise, wegen Corona und zuletzt wegen der Situation im Nahen Osten.
Im Rückblick werden die paar Jahre Verspätung schnell vergessen sein, und das GEM wird bald seinen Platz erobern als eines der wichtigsten und sicher bestens besuchten Museen der Welt. Der Neubau mit seiner fast einen Kilometer langen Frontfassade aus transparentem Alabaster ist imposant, und die Fülle an Ausstellungsobjekten ist gigantisch – es sind mehr als 100 000 Artefakte aus der pharaonischen, griechischen und römischen Antike.
Zum ersten Mal kann nun auch der Grabschatz von Tutanchamun komplett besichtigt werden; im Alten Ägyptischen Museum in Kairo waren immer nur Teile ausgestellt. Viele der Objekte wurden in den vergangenen Jahren auch für den Umzug in das neue Museum aufwendig restauriert.
Die Schätze aus dem Grab Tutanchamuns – die Statuen und Holzdosen, die mit Edelsteinen verzierten Amulette und Waffen, Instrumente und Gefäße – haben die Stuttgarter Gestalter „in eine Erzählung gebracht“, wie es Shirin Brückner bezeichnet. Ein Rundgang in der Galerie erzählt von Tutanchamun, seinem Leben und Wirken, ein zweiter, gegenläufiger Strang beleuchtet, wie Carter das Grab entdeckte.
Offiziell ist die Tätigkeit beim Grand Egyptian Museum für das Atelier Brückner schon seit einem Dreivierteljahr mit förmlichem Zertifikat abgeschlossen – „gut abgeschlossen“, wie Shirin Brückner sagt. Sie ist sich sicher, dass die ägyptischen Konservatoren alles so an den vorgesehenen Stellen in den passenden Vitrinen und auf den eigens konzipierten Halterungen und Ständern eingerichtet haben, wie es in den akribischen Planungen beschlossen wurde.
Gesehen hat aber auch sie die fertige Tutanchamun-Galerie noch nicht. Nur das Beleuchtungsteam des Stuttgarter Büros war zuletzt vor Ort – Fotos durfte es keine machen.
So bleibt das Projekt für das Stuttgarter Büro bis zum Schluss ein besonderes. Das Team darf – wie alle anderen Beteiligten – am dritten Tag der Eröffnungsfeierlichkeiten die Tutanchamun-Galerie besichtigen. Für Shirin Brückner wird das der erste Besuch nach ihrer letzten Reise vor mehr als einem Jahr sein. Damals konnte sie immerhin die Kinderausstellung besuchen, die ebenfalls von dem Stuttgarter Büro gestaltet wurde. Auch die „Grand Staircase“ in der Eingangshalle hat sie schon gesehen. Auf der großen Treppe führen die riesige Statue von Ramses II. und viele weitere Persönlichkeiten des Alten Ägyptens durch vier Epochen – bevor ein weiterer Höhepunkt dieses ambitionierten Museums auf sein Publikum wartet: der Blick durch ein riesiges Fenster direkt auf die Cheops-Pyramide.
Superlative
Der neue Museumskomplex ersteckt sich über eine Fläche von mehr als fünfzig Hektar und liegt etwa zwei Kilometer von der Nekropole von Gizeh entfernt in unmittelbarer Nähe zu den großen Pyramiden.
Informationen
Unter grandegyptianmuseum.org gibt es einige Informationen zum GEM, eine offizielle Homepage hat das Museum bisher nicht. adr