Grand Prix in Le Castellet Frankreich – die talentfreie Formel-1-Zone

Von Jürgen Kemmner 

Auf eine Ikone wie Alain Prost müssen die Franzosen womöglich noch lange warten. Der letzte Formel-1-Sieg eines Franzosen liegt 23 Jahr zurück. Auch unsere Bildergalerie erinnert an große französische Piloten.

Der Franzose Pierre Gasly ist nur ein kleiner Hoffnungsträger. Foto: Getty 16 Bilder
Der Franzose Pierre Gasly ist nur ein kleiner Hoffnungsträger. Foto: Getty

Le Castellet - Der Mann fällt auf, auch wenn er nur 1,65 Meter Körpergröße zur Verfügung hat, um Aufmerksamkeit zu erregen. Wenn Alain Prost im Fahrerlager von Le Castellet auftaucht, richten sich häufig Köpfe nach ihm aus, und wenn er angesprochen wird, bleibt er geduldig stehen für einen Plausch à la française. Das macht der 64 Jahre alte Franzose nicht, weil er als Botschafter und Berater von Formel-1-Team Renault per Vertrag verpflichtet wäre, möglichst Sympathiepunkte einzusammeln. Prost kann nicht anders. „Hier in Le Castellet zu sein, ist natürlich etwas Besonderes“, sagt er, „Frankreich hat seit 2018 endlich wieder einen Heim-Grand-Prix. Und ich liebe es, in Bewegung zu sein – einfach nichts tun, das kann ich nicht.“

Warum ist Monsieur Prost so begehrt wie kein anderer Franzose im Dunstkreis des Circuits Paul Ricard, von dem man von ausgewählten Punkten aus das Mittelmeer sehen kann? Weil der Mann, den die Rennsport-Welt unter dem ehrwürdigen Beinamen „Professor“ kennt, den gesamten Stolz der Grande Nation im Motorsport verkörpert. Und dieses Renommé hat längst gehörig Patina angesetzt, weil niemand zu finden ist, der es aufpolieren könnte. Viermal war Prost Formel-1-Champion (1985, 1986, 1989, 1993), er siegte in Le Castellet 1990, bevor die Formel 1 in Frankreich ins provinzielle Magny Cours umgezogen ist. Prosts Zwist mit Teamkollege Ayrton Senna zählt zur den Formel-1-Höhepunkten, und dass er 1991 bei Ferrari rausgeworfen wurde, weil es das Auto öffentlich als „Lastkraftwagen“ bezeichnet hatte, nützte seinem Ansehen letztlich mehr als dass es seinen Ruf beschädigte.

Talente waren durchaus da

Prost stieg 1993 als Pilot aus dem Business aus, es dämmerte in Motorsport-Frankreich nur kurz, dann ging die Sonne völlig unter – seit dem 19. Mai 1996, seit Olivier Panis den Grand Prix von Monaco etwas überraschend gewann, wurde die Trikolore nicht ein einziges Mal mehr in der Formel 1 als Flagge des Siegers gehisst. „Das ist natürlich viel zu lange“, sagte Panis vor geraumer Zeit bereits, „ich hätte nichts dagegen, wenn ich in dieser Liste endlich abgelöst würde.“ Panis wird sich gedulden müssen, denn aktuell starten lediglich zwei Landsleute im F-1-Zirkus, und weder Romain Grosjean im Haas noch Pierre Gasly im Red Bull zählen zu den Namen, die Experten nennen, wenn sie auf die Favoriten des Großen Preises von Frankreich an diesem Sonntag (15.10 Uhr/RTL) angesprochen werden. Und das Team des französischen Herstellers Renault kämpft derzeit eher mit internen Problemen als mit der Konkurrenz auf der Piste. „Nicht jeder hat eine Karriere wie Alain Prost, aber wir hatten durchaus einige Talente“, meinte Olivier Panis im Rückblick.

Mag sein. Doch wie vor Michael Schumachers Ära die Förderung von jungen Rennfahrern in Deutschland stiefmütterlich und nach dem Zufallsprinzip behandelt worden war, so stellte sie sich nach Prosts Abschied lange in Frankreich dar. Schon in den 1960ern hatte es die Auszeichnung „Winfield volant“ gegeben, der Gewinner erhielt eine großzügige Förderung und durfte nicht nur träumen, sondern wirklich hoffen, bald in der Formel 1 aufzutauchen. In den 1970ern förderte der Mineralöl-Konzern „elf“ junge Burschen, indem eine Rennfahrerschule in Zusammenarbeit mit Winfield gegründet wurde; zudem arbeitete der Konzern mit den Formel-1-Rennställen Tyrrell und Matra zusammen. Die konsequente Förderung trug reiche Früchte. Prost ging daraus hervor, ebenso die Grand-Prix-Sieger Panis, Jacques Laffite, Patrick Tambay, Didier Pironi und Jean Alesi. Als elf vom Konzern TotalFina 2000 geschluckt wurde, war Schluss.

Ein Brasilianer ist schneller

Pierre Gasly und Romain Grosjean lernten in der Red-Bull-Rennfahrerschule die Lektionen eines Piloten, Charles Leclerc, zwar Monegasse, aber dennoch gerne von der Grande Nation vereinnahmt, fuhr zwar in Jugendzeiten in der Formel Renault, doch bald sicherte sich Ferrari die Dienste des Talentes, das nun Kollege von Sebastian Vettel bei der Scuderia ist – und zum Champion aufgebaut wird.

Die Förderung von Teenagern mit frankophilem Benzin im Blut nimmt wieder Fahrt auf, besonders Hersteller Renault tritt dabei seit dem Wiedereinstieg als Werkteam 2016 aufs Gas. In der Abteilung Renault Sports Racing, zu der das Formel-1-Team zählt, befindet sich auch die Sports Academy, in der mehr als ein Dutzend Talente aus verschiedenen Nationen am Teamsitz in Enstone ausgebildet werden – mit allem Drum und Dran. „Dazu zählt neben Simulator-Training auch die Teilnahme an Testfahrten“, sagt F-1-Teamchef Cyril Abiteboul, „dabei nehmen sie natürlich an den Gesprächen mit den Ingenieuren teil.“ Darüber hinaus gab es 46 Jahre nach dem ersten Winfield-Förderprogramm, das Patrick Tambay erhalten hatte, im vergangenen Jahr wieder ein „Winfield volant“. Die Ausscheidungsrennen wurden in Le Castellet absolviert – doch am Ende freute sich kein Franzose über einen Saisonförderung in der Formel 4, sondern in Caio Collet ein 15 Jahre alter Brasilianer. Auf einen wie Alain Prost muss die Grande Nation noch warten. Auch wenn es weh tut.