Grande Dame des Stuttgarter Puppenspiels Der letzte Weg von Anni Weigand soll bunt werden

Von Uwe Bogen 

Sie war die Grande Dame des Stuttgarter Puppenspiels. Ihre Lebensfreude hat viele mitgerissen. Mit 100 Jahren ist Anni Weigand, Gründerin des Theaters La Plapper Papp, gestorben. Sie wünschte sich, farbenfroh bestattet zu werden.

Kurz vor ihrem 100. Geburtstag ist dieses Foto entstanden:  Anni Weigand,   die Grande Dame des Stuttgarter Puppenspiels, ist am Sonntag gestorben. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth 11 Bilder
Kurz vor ihrem 100. Geburtstag ist dieses Foto entstanden: Anni Weigand, die Grande Dame des Stuttgarter Puppenspiels, ist am Sonntag gestorben. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Stuttgart - Ihr großes Ziel hat sie erreicht: Den 100. Geburtstag konnte Anni Weigand noch feiern. Ihr einstiges Spielerteam überraschte Anfang des Jahres die Grande Dame des Stuttgarter Puppentheaters im großen Saal des Pflegeheims Martha-Maria mit einer Best-of-Show. Die Wegbegleiter führten Höhepunkte aus der Schaffenskraft einer quirligen Intendantin vor, die mit überschäumender Lebensfreude noch bis vor vier Jahren Regie geführt und Vorstellungen betreut hat. Am Sonntag ist die Gründerin des Theaters La Plapper Papp nach einem längeren Krankenhausaufenthalt, von dem sie sich nicht mehr erholt hat, gestorben.

Mit ihren hinreißenden Geschöpfen, deren Münder, Oberweiten und Herzen zur Übergröße neigten, hat die „doppelte Schwäbin“ (im serbischen Teil des Banats ist sie geboren, wo Banater Schwaben lebten) Generationen von Stuttgarterinnen und Stuttgartern begeistert. Ihre Shows trugen lustvolle Titel wie „Frivoletto“ oder „Pomp Lamour“. In fünf Jahrzehnten fehlte die Intendantin nur bei einer einzigen Vorstellung, als sie im Krankenhaus lag. Ihr Leben war ausgefüllt, ereignisreich, atemlos – vielleicht rast so ein schönes Leben noch viel schneller.

Das Stuttgart-Museum hat ihre Puppen im Keller aufbewahrt

Dankbar war die Theaterchefin für die Fülle des Glücks, das sie empfangen durfte. Beim Interview zu ihrem 100. Geburtstag sagte sie, Altwerden sei nicht so lustig wie ihre Revuen. Lange könne man ignorieren, dass man älter wird. Dann aber ist man es. Doch das Alter habe auch schöne Momente. Im Pflegeheim hatte die Mutter der Puppenkompanie immer wieder neue Ideen. Einen Nachfolger oder eine Nachfolgerin für ihr 1970 eröffnetes Stabpuppentheater im Gewölbekeller des Werkstatthauses Ost fand sie nicht. Es gibt nur eine „Anni“. Wenigstens Puppen altern nicht. Auch nach vielen Jahrzehnten sind ihre Bewegungen kess und geschmeidig. Wären Menschen so lange gezappelt, die Knochen würden krachen.

Doch was haben Puppen von ihrer ewigen Jugend, wenn sie in einen Keller gestopft sind? „Puppen müssen sich bewegen“, sagte Anni Weigand, „nur dann sind sie schön.“ Enttäuscht war sie, dass ihre lustigen Geschöpfe im Stadtpalais nicht ausgestellt werden, sondern im dortigen Keller darauf warten. Ein Teil ihrer Puppen aus Pappe, Plüsch und Plunder hatte sie dem Stuttgart-Museum vermacht, der andere Teil befindet sich in einer Wohnung ihres Elternhauses in Magstadt, wo diese quasi für sich alleine leben.

Der letzte Wille der langjährigen Dozentin für bildhaftes Gestalten im Jugendhaus Ost war es, dass die Puppen und die Bühnenbilder für einen guten Zweck versteigert werden. Ihr Neffe Michael Weigand, der sich liebevoll um seine Tante kümmerte, die keine Kinder hatte und nie verheiratet war, will sehen, wie und wo dies möglich ist.

Sie liebte Besuche im Eissalon und im Palazzo

Regelmäßig hat Fernsehjournalist Markus Frank, der als einziger Regie im Theater von Anni Weigand führen durfte (sie wollte am liebsten alles selbst machen), die Künstlerin und Freundin aus dem Pflegeheim „entführt“, wie er sagt. Die Höhepunkte der alten Dame waren Besuche im Eissalon und im Varieté-Zelt Palazzo. Dafür warf sie sich gern in Schale. Ihre ansteckende Lebenslust hat Frank fasziniert. „Von Anni können wir lernen, dass wir alles tun sollten, um unser Leben in vollen Zügen zu genießen“, sagt er.

In ihrem Theaterfoyer hatte sie allen immer lustige, bunte Hütchen aufgesetzt. Auch ihr letzter Weg soll bunt werden: Kein weißes Leichenhemd wünscht sich Anni Weigand, sondern ein farbenfrohes Kleid mit rosaroten Rosen in einem einfachen, weißen Sarg. Die beliebte Puppenmutter hat es vorgemacht: Das Leben kann so bunt und so schön sein, wenn man etwas daraus macht.

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