Grande Dame des Stuttgarter Puppentheaters feiert Die Angst vor der Hundert

Anni Weigand Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Anni Weigand ist die gute Fee Stuttgarts. Mit ihren Puppen hat sie über Jahrzehnte Generationen verzaubert. Am 4. Januar 2020 wird die frühere Intendantin 100 Jahre alt. Ein Besuch bei einer außergewöhnlichen Dame.

Stuttgart - Verabredet haben wir uns am Tag, an dem der Friseur zu ihr ins Pflegeheim im Stuttgarter Norden kommt. Anni Weigand, die ein halbes Jahrhundert lang das legendäre Theater La Plapper Papp im Gewölbekeller des Werkstatthauses Ost mit überschäumender Lebensfreude geleitet hat, wird zwar am 4. Januar 100 Jahre alt, aber das heißt nicht, dass Eitelkeiten entschwinden.

 

Chic wie eh und je begrüßt uns die Mutter der Stabpuppenkompanie in dem auf Halbhöhe erbauten Seniorenzentrum Martha-Maria. Die Sonne scheint, die Aussicht ist traumhaft. Hier lässt sich die Stadt überblicken, deren Kulturleben sie mitgeprägt hat. Ihr Pullover leuchtet orangefarben, eine Halskette mit lang gezogenem Anhänger hängt darüber. Als Grande Dame des Stuttgarter Puppentheaters wird sie bezeichnet. Ihre Kleidung passt zum guten Ruf.

Humor hilft in der Schlussphase des Erdendaseins

So elegant wie keck sitzt ein gestreifter Hut auf dem Kopf und verdeckt die Arbeit des Friseurs, der eine Stunde vor uns bei ihr war. Ihr Glück sei es, sagt die Künstlerin, dass der Kopf funktioniere, anders als die Beine. Wäre es umgekehrt, fände sie’s richtig blöd. Humor hilft in der Schlussphase des Erdendaseins.

Mehrfach spricht die Anni, wie sie von ihren Puppenspielern ohne Nachnamen ganz familiär und herzlich genannt wird, bei unserem Besuch über ihre Angst vor der Hundert. Diese Zahl ist für die Künstlerin furchteinflößend. Überrascht ist sie, wie schnell ein Menschenleben davoneilen kann.

Ihr Leben war ausgefüllt, ereignisreich, atemlos – vielleicht rast so ein schönes Leben noch viel schneller. Dankbar ist die langjährige Theaterchefin für die Fülle des Glücks, das sie genießen durfte. Ob sie ihre Puppen vermisst? „Ach, nein“, antwortet sie mit einem Lächeln, das nicht verrät, ob es für Ironie oder Wehmut steht, „diese Zeit ist vorbei.“

Zum 100. Geburtstag gibt es Auszüge aus früheren Shows

Bis vor vier Jahren hat Anni Weigand Regie geführt und Vorstellungen betreut. Am 4. Januar, wenn sie sich der Konfrontationstherapie stellt und einfach mal 100 Jahre alt wird, wovor sie schon so lange Angst hat, werden Puppenspieler im Pflegeheim für sie Szenen früherer Shows spielen. Vielleicht ist die kokette Dolly mit ihrem abendfüllenden Dekolleté dabei. Ihre Schöpferin, Anni Weigand, ist die gute Fee der Stadt. Sie verzauberte alle. Ihr Neffe Michael Weigand organisiert die Geburtstagsfeier. Liebevoll kümmert er sich um die Tante, die keine Kinder hat, legt seine Hand auf ihre Schulter.

Nie war seine Tante verheiratet, „immer Single“, wie der Neffe sagt. Ist dies womöglich das Rezept für ein langes Leben? Die Runde lacht. Ob es erstrebenswert ist, 100 zu werden? Anni Weigand weicht der Frage aus und sagt stattdessen dem Journalisten, er möge das biblische Alter erreichen. Ihre Augen strahlen. Sie sind der Beweis, dass kleines Glück im hohen Alter zuweilen vorbeischauen kann.

1970 hat sie ihr eigenes Theater in Stuttgart eröffnet

Von 1954 bis 1980 war die Malerin und Materialkünstlerin Dozentin für bildhaftes Gestalten im Jugendhaus Ost. Ihren ersten Auftritt mit Puppen aus Pappe, Plüsch und Plunder hatte sie 1962 in Warschau. 1970 wurde ihr Theater in Stuttgart eröffnet. Papperlapapp! Wer dummes Zeug rausredet, muss damit rechnen, dass er mit diesem Ausruf gebremst wird. Wenn man dieses lautmalerische Wort ein wenig verdreht, sind die Assoziationen andere. La Plapper Papp – das klingt nach Poesie, Parodie, plappernden Pappstars mit Plüsch. Wir sehen: Mitunter sind nur kleine Veränderungen nötig, um eine neue Sicht auf die Dinge zu bekommen.

Mit ihren hinreißenden Geschöpfen, deren Münder, Oberweiten und Herzen zur Übergröße neigten, hat die „doppelte Schwäbin“ (im serbischen Teil des Banats ist sie geboren, wo Banater Schwaben lebten) Generationen von Stuttgartern begeistert. In fünf Jahrzehnten fehlte die Intendantin nur bei einer einzigen Vorstellung, als sie im Krankenhaus lag.

Ein Teil ihrer Puppen sind im Keller des Stadtmuseums

Ihre Shows trugen lustvolle Titel wie „Frivoletto“ oder „Pomp Lamour“. Ein Nachfolger oder eine Nachfolgerin fand sie nicht. Es gibt nur eine Anni. Ein Teil ihrer Puppen ging ans Stuttgart-Museum. Das Stadtpalais hat sie bisher nicht ausgestellt. Die Großmäuler liegen stumm im Keller. Der 100. Geburtstag wäre ein schöner Anlass, sie auszustellen und das Glück zu feiern, das Puppen Menschen bereiten.

Puppen haben einen Vorteil. Auch nach Ewigkeiten sind ihre Bewegungen kess und geschmeidig. Hätten Menschen so lange gezappelt, die Knochen würden krachen. Doch was haben Puppen von endloser Jugend, wenn man sie in einen Keller stopft? „Sie müssen sich bewegen“, sagt Anni Weigand, „nur dann sind sie schön.“

Ein Nachteil des Alters sei es, dass die Freunde von einst nicht mehr leben. Als ihr Neffe beim Wenden des Rollators helfen will, schickt sie ihn weg. „Lass mich“, sagt sie, „das kann ich allein am besten.“

Das ganze Leben hat sie Regie geführt. Ein bisschen davon muss ins biblische Alter gerettet werden. Beim Abschied sagt sie erneut: „Vor dem 100. Geburtstag hab’ ich Angst.“ Doch inzwischen lächelt die Anni dabei. als staune sie über sich selbst.

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