Was ist überhaupt Granulat?
Granulat, das sind Kunststoffkügelchen, die zwischen die Plastikhalme der Kunstrasenplätze geschüttet werden. Die Sportler tragen an den Schuhen und in den Trikots manches hinaus, ein erklecklicher Teil wird aber vom Regen davongespült und landet über das Grundwasser in der Natur – letztlich über das Trinkwasser, Gemüse, Fleisch und Fisch wieder in unseren Körpern. Forscher des Fraunhofer-Instituts schätzen, dass Kunstrasenplätze in Deutschland rund 10 000 Tonnen Mikroplastik je Jahr an die Umwelt abgeben. Zwei Arten von Granulat werden verwendet. Es gibt Granulate aus synthetischem Kautschuk (EPDM), sie sind teurer und enthalten laut wissenschaftlichem Dienst des Bundestags ungefähr 50 Mal weniger der gefährlichen Weichmacheröle als Granulate aus Altreifen.
Warum braucht es Granulat?
Das Granulat wirkt wie Erde bei Naturrasen. Es dämpft und schützt, verhindert Verletzungen. Dafür braucht es eine ganze Menge, auf einem Platz liegen rund 35 Tonnen.
Warum nicht auf Kunstrasen verzichten?
Seit 20 Jahren werden in Stuttgart Aschenplätze in Kunstrasenplätze umgewandelt. Die Stadt hat dafür insgesamt 40 Millionen Euro bezahlt. Ungefähr 700 000 Euro kostet ein Platz. Das liegt daran, dass die Kunstrasenplätze weit strapazierfähiger sind als jene mit Naturrasen und man dort öfter und länger trainieren kann. Auf Naturrasen würden die Vereine gar nicht alle ihre Mannschaften unterbringen. „Die Kunstrasenplätze sind von elementarer Bedeutung für unsere Vereine“, sagt Sportamtsleiter Günther Kuhnigk, „wir können auf die Plätze nicht verzichten, ohne dass der Spielbetrieb zusammenbrechen würde“.
Gibt es Alternativen zum Granulat?
Derzeit nicht. Man kann die Plätze mit Quarzsand befüllen. Allerdings muss man sie ständig bewässern, sonst sind die Plätze zu stumpf, das Verletzungsrisiko steigt. Die Kosten sind durch den Wasserverbrauch und die schnellere Abnutzung der Kunstrasenfasern bis zu 100 000 Euro höher. Dann gibt es noch Kork. Der schwemmt aber auf. Kork wird aus Korkeichen gewonnen, ist also ein begrenzter Rohstoff. Vollständig abbaubares Granulat gibt es derzeit nicht.
Wie ist die Lage in Stuttgart?
Es gibt in Stuttgart 131 Sportplätze. 65 sind Rasenplätze, 5 sind Ascheplätze. Von den 61 Kunstrasenplätzen sind drei ohne Granulat, weil auf ihnen Hockey gespielt wird. Bleiben 58 übrig. Sieben sind mit Sand verfüllt, 30 mit Recycling-Gummi. 20 sind mit Granulat aus synthetischem Kautschuk verfüllt. Kuhnigk: „Wir verwenden in Stuttgart seit 2017 das Granulat aus Reifen nicht mehr.“
Was will man in Stuttgart tun?
Zunächst einmal hat man die Fakten geprüft. Und hat festgestellt, dass die Zahlen des Fraunhofer-Instituts für Stuttgart nicht zutreffen. Das kritisiert auch der Kunstrasenhersteller Polytan aus Burgheim. „Die Zahlen sind nicht haltbar“, kritisiert Pressesprecher Tobias Müller, sie seien wissenschaftlich nicht ausreichend untermauert. Dazu komme: „Das Granulat gerät nur zu einem Bruchteil in die Umwelt.“ In Stuttgart beträgt der Abtrag 30 bis 40 Kilo pro Platz, nicht 400 Kilo, wie vom Fraunhofer-Institut behauptet. Das könne man genau errechnen. Weil es am Gazi-Stadion ein Granulat-Lager für alle Plätze gibt, wisse man, welche Menge im Jahr entnommen wird. Was über die Entwässerung in die Kläranlage kommt, werde bis zu 98 Prozent herausgefiltert. Zudem sind alle Stuttgarter Plätze von Umlaufrinnen gesäumt, in denen sich das Granulat sammelt.
Also alles kein Problem?
„Wir müssen und werden uns des Themas annehmen“, sagt Sportbürgermeister Martin Schairer. Zunächst einmal allerdings brauche man Fakten. Die versuchen gerade diverse Arbeitsgruppen zu ergründen. Der Deutsche Olympische Sportbund und der Deutsche Fußball-Bund sind mit Wissenschaftlern zugange, auch der Städtetag und der Internationale Arbeitskreis Sportstättenbau widmen sich dem Granulat, ebenso noch einmal und intensiver das Fraunhofer-Institut. Schairer. „Frühestens Ende des Jahres werden wir Ergebnisse bekommen“. Diese sollen dann in die künftigen Baumaßnahmen und Sanierungen einfließen.
Was geschieht mit begonnenen Umbauten?
Derzeit werden die Plätze des TSV Jahn Büsnau, des SV Hoffeld, SV Fasanenhof und der Sportvg Feuerbach in Kunstrasenplätze umgewandelt, zudem baut die Allianz in Vaihingen einen Kunstrasenplatz. Saniert werden die Plätze des SV Gablenberg, TV Zazenhausen, SV Möhringen, der Spvgg Cannstatt. Kuhnigk: „Alle diese Maßnahmen sind begonnen.“ Die Stadt habe geprüft, ob man die Umbauten stoppen kann. Doch es gebe Verträge mit den Firmen, die man nicht einfach kündigen könne. Zudem mit welcher Begründung? Granulat ist nicht verboten. Und anderes Material? „Das würde zu erheblichen Mehrkosten und Bauverzögerungen führen.“ Die Plätze würden 2019 nicht fertig werden. Kuhnigk: „Diese Verzögerung von mindestens einem Jahr wäre den Vereinen nicht zuzumuten.“
Was ist kurzfristig möglich?
Man prüft, ob man den einen Meter breiten Streifen jenseits der Auslinien nur mit Sand verfüllt. Allerdings dürfe sich das Verletzungsrisiko nicht erhöhen. Zudem will man die Verwendung von Granulat „auf das unerlässliche Minimum“ beschränken. Und möchte so Zeit gewinnen, bis sinnvolle Alternativen zur Verfügung stehen.