„Graphic Novels“ in der Galerie Stihl Waiblingen Comic-Romane mit Tiefgang

Jakob Hinrichs zeigt in „Der Trinker“ den Absturz eines Mannes in die Alkoholsucht – und das Leben des Autors Hans Fallada. Foto: Gottfried Stoppel
Jakob Hinrichs zeigt in „Der Trinker“ den Absturz eines Mannes in die Alkoholsucht – und das Leben des Autors Hans Fallada. Foto: Gottfried Stoppel

Wer beim Wort „Comic“ nur an harmlos-witzige Bildergeschichten denkt, liegt falsch. Das beweist die Galerie Stihl Waiblingen von Freitag an mit ihrer Ausstellung „Graphic Novels“. Sie zeigt Originalzeichnungen aus Comics mit literarischem Anspruch.

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Waiblingen - Wer möchte, kann sich in einen Sessel setzen und mitten in der Galerie Stihl nach Herzenslust in einem Comic-Roman schmökern. Um letztere dreht sich nämlich die neue Ausstellung des Waiblinger Kunstmuseums mit dem Titel „Graphic Novels“, die am Freitagabend um 19 Uhr eröffnet. Das Hauptaugenmerk liegt dabei freilich weniger auf den fertig gedruckten Comic-Bänden im Regal als auf den knapp 300 Exponaten, die an den Wänden ringsum hängen: Originalzeichnungen, Skizzen, Storyboards und Drucke von 17 zeitgenössischen Comiczeichnerinnen und -zeichnern aus dem deutschsprachigen Raum.

Vom Serienmörder zum Rockstar

Sie alle demonstrieren, welche Bandbreite an Themen in den Graphic Novels – Comics mit literarischem Anspruch – behandelt wird. Wer mit dem Begriff Comic hauptsächlich harmlos-witzige Bildergeschichten verbindet, liegt falsch. Die in der Galerie gezeigten Graphic Novels behandeln historische Begebenheiten wie den wahren Fall des berüchtigten Serienmörders Fritz Haarmann ebenso wie die Lebensgeschichte des Rockstars Nick Cave, sie werfen einen satirischen Blick auf das schwierige Dasein als Künstler oder gehen der Frage nach, wie Drachen in die Welt gekommen sind.

Mal sind die Zeichnungen mit Bleistift, mal mit schwarzer Tusche oder in bunten Farben ausgeführt, mal kombiniert der Zeichner beides. Jakob Hinrichs etwa erzählt Hans Falladas Roman „Der Trinker“ in intensiv leuchtenden Farbbildern und verquickt diesen Erzählstrang mit Szenen aus dem Leben des Autors, der als Suchtkranker nur zu gut wusste, wie es seinem Romanhelden Erwin Sommer erging. Fallada, der eigentlich Rudolf Ditzen hieß, hat seinen Trinker-Roman im Gefängnis verfasst. Die Szenen, die davon erzählen, hat Jakob Hinrichs in gedeckten Blau- und Rottönen ausgeführt.

Reportagen in Comicform

Bedrückend realistisch sind die Reportagen in Comicform, welche Olivier Kugler beispielsweise für die Organisation „Ärzte ohne Grenzen“ recherchiert und verfasst. Kugler begleitet Menschen auf ihrer Flucht, erzählt ihre Geschichten und Lebensumstände in großen Panoramabildern, die an Wimmelbilder erinnern.

Die Ausstellung spannt den Bogen vom US-Amerikaner Will Eisner, der den Begriff Graphic Novel in den 1970er-Jahren prägte, über einen Wegbereiter der Comic-Novels in Deutschland, den 2014 verstorbenen Grafiker Hans Hillmann mit seiner Arbeit „Fliegenpapier“, bis zu Zeichnerinnen wie Isabel Kreitz oder Antonia Kühn. Als Urvater der Comic-Bücher gelte allerdings der Schweizer Rodolphe Töpffer, sagt die Galerieleiterin Barbara Martin. Er habe mit „Dr. Festus“ bereits 1829 eine Parodie auf Goethes Faust verfasst, die Goethe nicht verärgerte, sondern begeisterte. Er habe Bildergeschichten eine große Zukunft vorhergesagt. Und siehe da: „Die Graphic Novel findet mehr und mehr Liebhaber und ist in der Hochkultur angekommen.“

Goethe war begeistert

Wobei ihre Fans mitunter einen langen Atem bräuchten, sagt Maximilian Lechler, der die zuvor im Oldenburger Horst-Janssen-Museum gezeigte Ausstellung für Waiblingen um einige neue Exponate ergänzt hat: „Comiczeichner sind absolute Perfektionisten.“ Bevor nicht jeder Strich sitze, stimmten sie einer Veröffentlichung nicht zu. Auch Anke Feuchtenberger beispielsweise, eine „Grande Dame und Vorreiterin“ der Graphic Novels, arbeitet schon seit acht Jahren an ihrem Buch „Ein deutsches Tier im deutschen Wald“, das sich mit dem Umgang des Menschen mit der Natur beschäftigt.

Auffallende viele Comic-Romane würden von Frauen verfasst, sagt Barbara Martin, die sich das so erklärt: „Die Recherchearbeit für eine Graphic Novel ist eine Geduldsprobe, die manch männlicher Kollege nicht aufzubringen bereit ist.“




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