Grapschen und sexuelle Gewalt Männliche Dominanz und sexuelle Gewalt – Interview mit den Sozialpsychologen Rolf Pohl

Leben: Markus Brauer (mb)

„Sexuelle Gewalt ist männlich“

Rolf Pohl. Foto: Uni Hannover
Herr Pohl, wenn man die aktuellen Meldungen über sexuelle Belästigungen verfolgt, hat man den Eindruck, dass kein Schwimmbad in Deutschland mehr vor arabischstämmigen Flüchtlingen sicher ist. Ist Grapschen, ist sexuelle Gewalt ein muslimisch-männliches Problem?
Ganz sicher nicht ausschließlich. Es ist in erster Linie ein Männlichkeitsproblem. Man könnte auch sagen: Sexuelle Gewalt ist männlich. Wobei man nicht von der Männlichkeit schlechthin sprechen kann. Es gibt unterschiedliche Männlichkeiten. Selbst in einzelnen Gesellschaften gibt es nicht die typische und allgemeingültige Männlichkeit, sondern immer verschiedene Variationen.
Man kann also nicht alle Männer über eine Kamm scheren gemäß dem Song der Band Die Ärzte: „Männer sind Schweine“?
Betrachtet man das Problem genauer, kommt man zu dem Schluss: Es gibt in der Ausgestaltung von Männlichkeit in bestimmten kulturellen Räumen wesentliche Unterschiede, was die Ausrichtung gegenüber Frauen und was die Gewaltbereitschaft angeht. Aber man muss dieses Thema ganz vorsichtig angehen.
Wieso das? Gerade Politiker neigen bei der aktuellen Schwimmbad-Debatte dazu, klare Kante zu zeigen.
Das mag sein. Aber sexuelle Übergriffe sind kein typisches Phänomen, was nur in arabischen Kulturen mit ihrem vorherrschenden Männlichkeitsbild zu finden ist. Angesichts der sexuellen Übergriffe und des Alltags-Sexismus bis hin zu sexueller Gewalt bei uns in Deutschland, die nicht von Flüchtlingen begangen werden, verbietet es sich grundsätzlich mit dem Finger auf die anderen zu zeigen und zu sagen: Die da sind die sexuellen Gewalttäter. Die da sind die Frauenfeinde. Die das sind diejenigen, die ihre Frauen unterdrücken.
Wenn das Problem nicht spezifisch ist für eine bestimmte Kultur, Ethnie oder Religion, woher rührt es dann?
In allen Gesellschaften, die immer noch von einer Kultur männlicher Dominanz bestimmt sind - und das sind wir in gewisser Weise trotz aller Fortschritte und Modernisierungen auch hier in Deutschland - gibt es ein Geschlechtergefälle. Gibt es Machtungleichheiten, eine Hierarchie in den Beziehungen zwischen Mann und Frau. Gibt es eine prinzipielle Neigung, den Mann als Subjekt und die Frau als Objekt zu sehen.
Und diese Machtverteilung, diese unterschiedliche Sicht auf Mann und Frau und die Geschlechterrollen sind auch hier zu Lande vorhanden?
Ja. Das sehen wir etwa in den weiterhin inflationär existierenden Feldern von Pornografie, Prostitution, Werbung. Vor allem aber zeigt sich das in der empirischen Tatsache der sexuellen Übergriffe, die nicht wirklich zurückgehen. Dennoch muss man sagen: Es gibt nicht die Männlichkeit schlechthin, sondern sie wird überall kulturell unterschiedlich geprägt und ausgebildet.
Aus Ihrer ist es also unzulässig zu sagen: Die Übergriffe in Schwimmbädern haben ihren Grund in der Macho-Kultur arabischer Gesellschaften.
Ich würde niemals sagen, dass eine einheitliche, pauschale mediterrane Macho-Kultur existiert wie das zum Beispiel der frühere Leiter des Kriminologischen Instituts Niedersachsen Christian Pfeifer getan hat. Das ist eine unzulässige Pauschalisierung.
Auf Pauschalisierungen wird immer dann zurückgegriffen, wenn man ein komplexes Problem einfach und tendenziell erklären will.
Der Hinweis, dass es sich um arabische Flüchtlinge handelt, weist auf ein Männlichkeitsproblem und auf bestimmte kulturelle Brüche, Widersprüche und Konflikte hin, die jetzt und hier in Deutschland mit Gewalt ausgelebt werden. Aber: Die Vorkommnisse sollten auch Anlass geben darüber nachzudenken, wo es bei uns hakt. Denn davon wird in der derzeitigen Debatte abgelenkt.
Inwiefern abgelenkt?
Man muss sich mit den Defiziten in der eigenen Kultur, was den Umgang mit Frauen und Weiblichkeit angeht, nicht weiter beschäftigen.




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