Graugänse am Oberen See in Böblingen Der Gänsekot wird bleiben

Die Gänse sind ja niedlich – aber ihre Hinterlassenschaften nicht. Wöchentlich werden die Wege mit Kehrmaschine gereinigt. Foto: Leonie Schüler

Die Kothaufen der Graugänse am Oberen See in Böblingen sind seit langem ein Ärgernis. Warum bessert sich die Lage nicht und was unternimmt die Stadt dagegen?

Böblingen: Leonie Schüler (lem)

Fuchs, kannst du nicht endlich die Gans stehlen? Wohl ein unerfüllter Wunsch vieler Spaziergänger und Anwohner rund um den Oberen See. Dort schnattern die Graugänse munter vor sich hin. Auch wenn die Federtiere possierlich sind, ihre Hinterlassenschaften sind es nicht. Auf den Wegen und Wiesen rund um den See reiht sich Kothaufen an Kothaufen; plattgetretene Spuren lassen darauf schließen, dass manch ein Spaziergänger beim Slalomlaufen die Kurve zu eng genommen hat. Wer über die Wiese läuft, muss freie Flächen suchen, auf die er seine Füße setzen kann, ohne hinterher die Schuhe putzen zu müssen.

 

Neu ist das Problem nicht, im Gegenteil. Seit Jahren beschweren sich immer wieder Bürger über das Gänsekotproblem. Ein Anwohner, der anonym bleiben möchte, schreibt unserer Zeitung: „In unserer Stadt sorgte das Auftauchen der Gänse auf den Seen zunächst für große Freude. Doch ihre ständig steigende Zahl bringt immer mehr Probleme mit sich. Alle Fußgängerwege, Gehwege, Rasenflächen, Spielplätze, alles, was den Stadtbewohnern ein angenehmes Leben ermöglichen soll, wird heute den Wildgänsen überlassen. Überall liegen ihre Exkremente herum, sodass man nicht einfach einen Schritt machen kann.“

Den Gänsen gefällt es am Oberen See in Böblingen

Laut Pressestelle ist im Jahr 2014 das erste Graugänsepaar an dem Böblinger See gesichtet worden. Offenbar teilten die Wasservögel über Schnabel-zu-Schnabel-Propaganda ihren Artgenossen mit, dass es sich am Oberen See gut aushalten lässt, denn seither stieg die Population rapide an. Die Spitze war 2020 erreicht, als die Stadt bis zu 140 Graugänse zählte. Danach ging die Zahl zurück: Laut Pressestelle waren es 2022 und 2023 zwischen 60 und 80 Graugänsen, dieses Jahr wurden 82 Tiere gezählt. Am Ende des Sommers beruhigt sich die Lage alljährlich, wenn die Graugänse zum Überwintern in wärmere Gefilde fliegen. Allerdings haben sich inzwischen auch Nilgänse angesiedelt, die vor Ort überwintern. 2022 und 2023 waren es acht bis zehn Tiere mit sechs Gösseln – also Gänseküken – , dieses Jahr wurden 18 Nilgänse mit 16 Gössel gezählt.

Dass der Gänsekot ein großes Ärgernis für Anwohner und Naherholungsuchende ist, ist der Stadtverwaltung hinlänglich bekannt. Immer wieder hat die Stadt mit verschiedenen Maßnahmen versucht, dem Problem Herr zu werden. Unter anderem wurden am Ufer Zäune errichtet und Schilf angepflanzt, der Gewässerrand wurde seltener gemäht – alles mit dem Ziel, die Gänse zu vergrämen. „Gänse brauchen Fluchtwege zum Wasser. Wenn ihnen die verwehrt sind, fühlen sie sich nicht sicher, dann ist es für sie ein unattraktives Gebiet“, erklärt Claudia Oßwald vom Grünflächenamt. Allerdings seien die Zäune niedergetreten und entfernt worden, weshalb inzwischen nur noch am Uferrand der Insel welche stehen. Auch wurden Büsche und Gräser auf der Insel heruntergeschnitten, um den Gänsen die Deckung zu nehmen, was aber laut Oßwald wenig Erfolg brachte. Die Idee, die Insel komplett abzutragen, sei vom Gemeinderat verworfen worden, da sie stadtbildprägend sei und auch anderen Vogelarten als Schlaf- und Rastplatz diene. Vergangenes Jahr versuchte das Grünflächenamt, die hochwüchsigen Uferpflanzen weiter auszudehnen. „Leider haben sich die Flächen aufgrund der langen Trockenperiode im letzten Herbst nicht wie geplant entwickelt“, sagt Oßwald, hier sei Geduld gefragt.

Viele Maßnahmen, wenig Wirkung

Als weitere Maßnahme wurde der außerhalb des Stadtgebietes gelegene Murkenbachweiher als Ausweichbiotop eingerichtet. Außerdem werden immer wieder nicht bebrütete Eier gegen Gipseier ausgetauscht. Stadtsprecher Fabian Strauch betont, dass dies streng nach Vorgabe des Veterinäramtes gemacht und jährlich eine Genehmigung der Forstbehörde eingeholt werde, da es sich bei den Graugänsen um eine geschützte Art handele.

Was es erheblich erschwert, die Gänsepopulation zu reduzieren, ist das Füttern der Vögel durch Passanten – obwohl die Stadt Schilder aufgestellt hat, die darauf hinweisen, dass dies verboten ist und mit bis zu 5000 Euro bestraft werden kann. „Das erhöht die Anzahl der Tiere, denn wo es leicht Nahrung gibt, da bleibt man. Das ist überall in der Tierwelt so“, sagt Oßwald. Abgesehen davon sei das Füttern nicht gut, da es nicht der natürlichen Nahrung der Gänse entspreche.

„Wir müssen lernen, damit umzugehen“

Trotz sämtlicher Maßnahmen schnattern die Graugänse fröhlich weiter. „Das sind Tiere. Sie zu lenken, ist total schwierig“, sagt Oßwald. Gibt es eine Chance, dass die Wasservögel und ihr Kot jemals vom Oberen See verschwinden? „Ich gehe nicht davon aus, dass sich das Problem auf Null lösen lässt. Wir müssen lernen, damit umzugehen“, sagt Oßwald. Im Zuge der Klimaerwärmung sei davon auszugehen, dass sich immer mehr Tiere, die früher nicht in unseren Breitengraden vorkamen, hier ansiedeln und ohne natürliche Fressfeinde rasch ausbreiten werden. „Aber wir haben einen Rückgang“, betont Oßwald. „Wir tun das Bestmögliche, um das Problem einzuschränken.“

In der gesamten Region Stuttgart macht die Nilgans Ärger

Fellbach
 Im Wellnessbad F3 in Fellbach waren Nilgänse der Grund für eine fristlose Kündigung: Der damalige Geschäftsführer hatte versucht, die Nilgansplage auf dem Freibadgelände mit tierquälerischen Methoden zu lösen. Eine Anzeige ging ein, die Kriminalpolizei ermittelte – der Manager zeigte sich angesichts dessen selbst an und wurde vom Aufsichtsrat fristlos entlassen. Die Sache war mit der Personalentscheidung aber noch nicht zu Ende: Die Stadt Fellbach überraschte wenige Tage später mit der Ankündigung, die Tiere im Freibad von Stadtjägern erschießen zu lassen. Die Entscheidung polarisierte. Schlussendlich fand man den Kompromiss, die Gänse mit der Hilfe von speziell trainierten Jagdhunden zu vergrämen.

Jagd
 Der Abschuss der Tiere ist nicht grundsätzlich verboten. Die Jagd- und Schonzeiten sind in der sogenannten Durchführungsverordnung zum Jagd- und Wildtiermanagementgesetz geregelt. Sie wurde zuletzt am 23. Juni 2021 geändert. Nilgänse dürfen demnach vom 1. August bis 15. Februar, Graugänse vom 1. August bis 31. Januar gejagt werden. 

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Gänse