Graugänse aus dem Leonberger Stadtpark Supereltern entführen den anderen die Kinder

Von Arnold Einholz 

Das Stuttgarter Naturkundemuseum bezieht die Graugänse im Stadtpark in seine Forschungen mit ein.

Die Vogelkundler  haben im Stadtpark mit seinem See und dem kurzen Gras  sehr gute Lebensbedingungen für die Schar  der Graugänse ausgemacht. Foto: factum/Simon Granville
Die Vogelkundler haben im Stadtpark mit seinem See und dem kurzen Gras sehr gute Lebensbedingungen für die Schar der Graugänse ausgemacht. Foto: factum/Simon Granville

Leonberg - Die Graugänse am Stadtparksee und ihre Gössel (Gänseküken) wurden eingefangen – von einem Team des Stuttgarter Naturkundemuseums. Nachdem die Vögel beringt wurden, sind sie nun wieder in Freiheit. Von den rund 80 Graugänsen und ihren Jungen, die gegenwärtig den See bevölkern, konnten rund 50 eingefangen werden.

Mit dieser Aktion, die in Leonberg zum ersten Mal stattgefunden hat, sind die Vögel Teilnehmer mehrerer Studien geworden, die von der Ornithologin Friederike Woog geleitet werden. Beim Einfangen der Gänse wurde das Team des Naturkundemuseums von Studenten der Uni Hohenheim sowie vom Nabu Leonberg unterstützt. Dabei haben sie sich Zunutze gemacht, dass die Gössel noch nicht flügge sind und die Alttiere sich in der alljährlichen Mauser befinden – in der ersten Juniwoche erneuern die Tiere ihr Federkleid und sind flugunfähig.

Gänse als Grippe-Frühwarnsystem

Im Forschungsprogramm „Wildvögel und Vogelgrippe“ fördert das Ministerium für Ernährung und Ländlichen Raum Baden-Württemberg landesweit vierzehn Projekte, darunter auch eines zum Thema „Zwischen Stadt und Wildnis: Wanderbewegungen der Stuttgarter Graugänse und ihre mögliche Bedeutung für die Ausbreitung der Vogelgrippe“.

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Dafür werden entlang der Achse Tübingen – Stuttgart – Heilbronn alle Graugänse wöchentlich gezählt, die Farbringe der markierten Gänse abgelesen und andere auf den Gewässern vorkommende Vogelarten werden erhoben. Dies ergibt Aufschluss über die Wanderrouten der Gänse und somit der potenziellen Ausbreitungswege der Vogelgrippeviren.

Dabei sind die Graugänse zwar noch Wildvögel, aber hierzulande keine Zugvögel mehr. „Die fliegen aber trotzdem im gesamten süddeutschen Raum umher. Dabei ist es interessant, wie sie sich vermischen“, sagt die Vogelkundlerin Friederike Woog. „Wir haben eine Stuttgarter Gans, die wurde schon in München und in Karlsruhe gesichtet.“

Die Gänse haben Ringe an den Füßen

Die Leonberger Gänse tragen nun zum ersten Mal einen Ring. Die Markierung darauf beginnt mit dem Buchstaben „V“, ein „S“ steht für Stuttgart. „Die Ringe werben von unten nach oben gelesen“, erläutert Friederike Woog. Auch in Böblingen am Stadtsee und am Monrepos in Ludwigsburg sind dieser Tage Graugänse eingefangen und beringt worden. Aktuell untersucht das „Chemische und Veterinärmedizinische Untersuchungsamt der Stadt Stuttgart“ monatlich Kotproben der markierten Gänse auf Vogelgrippeviren.

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Im Falle einer akuten Vogelgrippeepidemie dienen die Graugänse so als Frühwarnsystem, denn einige Grippevarianten sind auch für den Menschen gefährlich. Mit Symptomen, die an Corona erinnern: Fieber, Husten, Kurzatmigkeit und eine unbehandelt rasch fortschreitende, schwere Lungenentzündung, weswegen häufig Intensivpflege geboten ist.

„Wintersüber wurden gelegentlich im Gänsekot Viren nachgewiesen, doch die leben nicht lange“, sagt die Forscherin. Weitere Kooperationspartner bei diesem Projekt sind auch das Institut für Phar­mazie und Moleku­lare Biotechnologie der Universität Hei­del­­berg sowie das Max-Planck-Institut für Ornitho­lo­gie in Radolf­zell am Bodensee.

Wie überleben die Tiere in der Stadt?

Das andere Projekt, für das die Leonberger Gänse nun Daten liefern sollen, heißt „Überleben in der Stadt – Verhaltensökologie von Graugänsen.“ Dabei geht es unter anderem darum, welche Lebensstrategien die Tiere entwickeln, aber auch um Krankheiten und Parasiten, Nahrungsverfügbarkeit, Überleben im Winter sowie Konkurrenz zu neu eingewanderten Nilgänsen und um ihre Feinde.

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Auch im vielbegangenen Stadtpark müssen sich die Gänse etwa vor Meister Reineke in Acht nehmen. Die Füchse hier haben die Gössel nämlich zum Fressen gern. Der im wahrsten Sinne des Wortes bislang größte Feind der Gänsejungen ist mittlerweile tot – ein kapitaler Wels von weit mehr als einem Meter Länge, der lange Jahre im See seine Kreise zog.

„Die Graugänse im Leonberger Stadtpark sind in einem guten Zustand“, konnte Friederike Woog auf den ersten Blick feststellen. „Der See ist gut, das kurze Gras ideal für die Gänse, da braucht es kein Zufüttern mit Brot.“ Das sei schädlich. Und sie stimmt den Anglern, die den See auch nutzen, zu, dass durch Füttern das Gewässer stark verschmutzt werde.

Reichlich Nachwuchs am See

Gesehen wurden am Stadtparksee auch Blesshühner und Teichhühner, ebenso ein Paar Nilgänse. „Die konnten nicht gefangen werden, die haben die Mauser schon abgeschlossen und sind davongeflogen“, sagt Friederike Woog.

Und wie steht es um den Gänsenachwuchs? „Wir haben ein scheinbar noch unerfahrenes Paar mit einem Gössel angetroffen, aber auch eines, das neun Junge mit sich führte“, schildert die Ornithologin. „Die müssen sie aber nicht alle selbst ausgebrütet haben, denn es gibt Super-Mamas und Super-Papas, die den anderen die Gössel klauen, nach dem Motto: je mehr, desto besser“, weiß die Forscherin.




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