Grausiger Fund in Erligheim Warum 17 Tiere qualvoll sterben mussten

Auf dem Hof in Erligheim entdeckte die Polizei insgesamt fünf tote Schweine, neun tote Rinder und drei tote Hühner. Foto: Peta Deutschland e. V.

Auf einem kleinen Bauernhof in Erligheim verhungern und verdursten über Tage hinweg Rinder, Schweine und Hühner. Der Ort ist geschockt – und in der Kritik. Nicht nur die Tierrechtsorganisation Peta fragt: Wie konnte das passieren?

Region: Verena Mayer (ena)

Nun, da bekannt wurde, was in Erligheim passiert ist, fragt sich jeder, wie das überhaupt passieren konnte: Dass auf einem kleinen Bauernhof mitten im Ort über Tage hinweg 17 Tiere sterben, ohne dass jemandem etwas auffällt? Auch der Bürgermeister. „Wir sind alle tief geschockt“, sagt Rainer Schäuffele (parteilos), nachdem er die toten Tiere im Stall gesehen hat.

 

Der Ort ist geschockt

Erligheim, das ist ein Ort mit nicht einmal 3000 Einwohnern im Norden des Landkreises Ludwigsburg. Der Hof, der zu einem Tatort wurde, steht mittendrin, sogar mitten in einem Wohngebiet. Besonders ordentlich sieht es bei einem Besuch vor Ort nicht aus. Der Tierhalter selbst war für eine Stellungnahme bisher nicht erreichbar. Für die Tierrechtsorganisation Peta ist jedoch klar: „Nicht nur der Tierhalter selbst, auch die umliegenden Dorfbewohner haben sich hier mitschuldig gemacht.“

Rainer Schäuffele kann nachvollziehen, dass viele Menschen nun rätseln, warum dieser Fall nicht zu verhindern war. Die Antworten, die bei der Suche auftauchen, klingen einleuchtend. Beruhigend sind sie nicht.

Es gab immer wieder Beschwerden

Da ist zum einen die Antwort, die man in Erligheim selbst findet: Der Mann, der den Hof gepachtet hat und im Nebenerwerb bewirtschaftet, ist bereits früher negativ aufgefallen. Immer wieder, berichtet der Bürgermeister, gab es Klagen aus der Nachbarschaft. Entweder wegen des Gestanks, der von seinem Misthaufen ausströmte, oder wegen seiner Tiere, die bisweilen laut geschrien haben.

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Zuletzt aber habe es keinen Anlass mehr für Beschwerden gegeben, so dass die Nachbarn, wie auch der Bürgermeister, davon ausgingen, der Mann habe seine Tiere abgegeben – weil er den Hof aufgeben werde.

Dass er sich womöglich jedoch schlicht um nichts mehr kümmerte und die Tiere tot im Stall lagen – das hätte niemand gedacht. „So etwas Grauseliges konnte man sich nicht vorstellen“, sagt Rainer Schäuffele.

Ein „spezieller“ Mitbürger

Eine Nachbarin hat schließlich doch Verdacht geschöpft und die Polizei verständigt – die auf dem Gelände neun tote Rinder, fünf tote Schweine und drei tote Hühner entdeckte. Der Verwesungsgeruch sei bestialisch gewesen, berichtet Rainer Schäuffele. Allerdings sei der Gestank erst direkt am Stall bemerkbar gewesen. Und dass dem Hof niemand nahe kommt, hatte der Landwirt sichergestellt: Mit einem Schild verbietet er das Betreten des Geländes ausdrücklich.

Überhaupt beschreibt ihn der Bürgermeister als „sehr speziellen“ Menschen, der teilweise rabiat auftrat und mehrfach in Lebenskrisen steckte. Offenbar auch zuletzt. „Der Tierhalter“, teilte das Landratsamt in einer ersten Erklärung mit, „befinde sich in einem persönlichen Ausnahmezustand.“

Der Hof wurde oft kontrolliert

Auch dort, im Ludwigsburger Landratsamt, ist ein Teil der Antwort zu finden: Wegen der regelmäßigen Beschwerden haben Mitarbeiter des Veterinäramts den Hof „engmaschig“ überprüft und kontrolliert, allein im vergangenen Jahr acht Mal. Dabei seien zwar hygienische Mängel festgestellt und beanstandet worden. Nichts jedoch habe darauf schließen lassen, dass die Tiere in Lebensgefahr sind, erklärt das Amt auf Nachfrage. Es habe keine Gründe gegeben, die eine Wegnahme der Tiere gerechtfertigt hätten.

In dem für das Veterinärwesen zuständigen Fachbereich gibt es neun Stellen für Amtstierärzte und zwei für Veterinärhygienekontrolleure. Sie sind zuständig für rund 2000 Betriebe im Landkreis.

„Es wäre ein Baustein, wenn wir landwirtschaftliche Betriebe öfter kontrollieren könnten“, sagt Julia Stubenbord, die Tierschutzbeauftragte des Landes. Im Durchschnitt wird ein Betrieb in Baden-Württemberg alle 19,3 Jahre kontrolliert. „Das ist zu wenig“, sagt Julia Stubenbord, die früher als Tierärztin gearbeitet hat – und weiß, dass Fälle wie der in Erligheim immer wieder vorkommen.

Ist so ein Fall überhaupt vermeidbar?

Aufsehen erregt hat zuletzt ein Landwirt in Bayern. Er hatte in Ansbach mehr als 160 Rinder verhungern lassen. Mitte dieses Monats ist er zu einer Bewährungsstrafe und einem lebenslangen Tierhaltungsverbot verurteilt worden. Weil der Landwirt an einer Depression litt, war er zum Zeitpunkt der Tat vermindert schuldfähig.

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Die SPD im hiesigen Landtag fordert nun eine unabhängige „Tierschutzeinheit BW“. Diese soll Missstände an Schlachthöfen und in Betrieben offenlegen und sanktionieren. Es sei unerträglich, dass in einem Landwirtschaftsbetrieb in Baden-Württemberg solch grausige Zustände herrschen können.

Ein Schwein hat überlebt

Ist ein Fall wie der aus Erligheim also gar nicht vermeidbar? Die Antwort der Landes-Tierschutzbeauftragten lautet: „Jein.“ Natürlich wäre es wichtig, mehr Personal in den Veterinärämtern zu haben – in Baden-Württemberg etwa fehlten 240 Amtstierärzte. Und natürlich wäre es wichtig, auffällige Betriebe früher zu erkennen. Etwa durch Hinweise aus Schlachthöfen oder von Tierkörperbeseitigungsanstalten. Doch abgesehen davon, dass die rechtlichen Grundlagen dies nicht hergäben – wenn ein Landwirt seine Tiere weder zum Schlachten bringt noch anderweitig beseitigt, bringt auch das nichts.

Unter den 17 toten Tieren fanden die Ermittler in Erligheim übrigens auch ein Schwein, das noch lebte. Es wurde ins Tierheim nach Ludwigsburg gebracht.

Neue Pläne für das Gelände

Die Ermittlungen gegen den Tierhalter wegen Verstößen gegen das Tierschutzgesetz laufen. Ein Tierhaltungsverbot hat das Veterinäramt bereits ausgesprochen. Dass der Mann den Hof verlassen wird, ist offenbar schon länger klar. Nach Angaben des Bürgermeisters hat der Eigentümer das Grundstück verkauft. Auf dem Gelände soll Wohnraum entstehen.

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