„Grave Yard Kidz“-Roofer im Interview „Ich habe keine Angst, herunterzufallen“

Von Christoph Donauer 

Er klettert ohne Sicherung auf Hochhäuser, Baukräne, Radiotürme – und auf das Ulmer Münster. Im Interview erzählt uns der Kletterer, warum die „Grave Yard Kidz“ keine Angst vor dem Tod haben.

Gefährlich: Ungesichert erklomm der Kletterer den Münsterturm in Ulm. Foto: Screenshot „Grave Yard Kidz“
Gefährlich: Ungesichert erklomm der Kletterer den Münsterturm in Ulm. Foto: Screenshot „Grave Yard Kidz“

Stuttgart - Dass er sich in Lebensgefahr begibt, ist ihm völlig bewusst. Und doch hat er keine Angst, durch einen Sturz ums Leben zu kommen. Der junge Mann ist ein „Roofer“, also einer, der ungesichert auf hohe Gebäude klettert, wie zum Beispiel auf das Ulmer Münster. Zusammen mit seiner Gruppe, den „Grave Yard Kidz“ stellen sie Videos ihrer lebensgefährlichen Kletteraktionen ins Netz – und ernten dafür sowohl Hass als auch Anerkennung. Im Gespräch erzählt uns ein Mitglied der „Friedhofskinder“, warum er sein Leben beim Klettern aufs Spiel setzt.

Die Menschen waren entsetzt, dass du ungesichert auf den Turm des Ulmer Münster geklettert bist. Kannst du das verstehen?

Das kann ich auf jeden Fall verstehen. Auch mir fällt es schwer, zu beschreiben, warum ich das mache. Aber ich muss ehrlich sagen, dass ich mehr Hass erwartet hätte. Ein anderer Roofer ist auf die Pyramiden in Kairo geklettert und hat damit eine riesige Hasswelle losgetreten, weil er eine heilige Stätte entweiht hatte. Das in Ulm hat eigentlich keine Sau gejuckt, obwohl das ein heiliger Ort ist für viele Menschen.

Meinst du jemand könnte dir nacheifern wollen?

Ich denke, das kann man schon nachmachen, aber ich würde es keinem raten. Die meisten sagen eh nur „Respekt“ oder „verrückte Sache“, würden es aber nie nachmachen. Einfach wegen der immensen Höhe. Da ist eine gewisse Vernunft vorhanden, dass man stirbt, wenn man da runterfliegt. Das ist den meisten Menschen eigentlich bewusst.

Aber du hast diese Vernunft nicht?

Ich habe einiges an Routine und mich langsam herangetastet. Wenn das ein anderer sieht und direkt aufs Ulmer Münster klettert, wird das nicht gut gehen. Einfach weil er da oben Schockzustände bekommt, weil er noch nie auf einem so hohen Turm gestanden ist. Wir haben da eine gewisse geistige und körperliche Routine und da ist das eine relativ sichere Sache. Auch wenn das schwer zu glauben ist, wenn man die Videos sieht.

Wie trainierst du für deine Kletteraktionen?

Wir klettern an Felsen und in der Kletterhalle. Das klingt jetzt komisch, das über einen selbst zu sagen, aber wir sind alle relativ sportlich und das schon immer gewesen. Was wir in den Videos machen, das beschränkt sich aber meist auf Leitern hochklettern. Gegen einen Achter Grad in der Kletterhalle ist das ein Witz. Die Höhe sind wir mittlerweile einfach gewohnt und haben keine Angst davor. Wenn wir Angst hätten, herunterzufallen, würden wir nicht hoch gehen.

Du hast nicht den Gedanken, dass du herunterfallen könntest?

Überhaupt gar nicht. Da habe ich keine Sekunde dran gedacht, weil das klar ist. Wir haben selbst lange überlegt, wie man das vergleichen könnte. Es ist wie bei Leuten, die mit 180 auf der Autobahn rasen. Die meinen ja auch, sie können geradeaus fahren und fahren nicht einfach in die Leitplanke, weil sie dann ja tot wären.