Greenkeeper trimmen die Plätze für das ATP-Tennisturnier in Stuttgart Der heilige Rasen vom Weissenhof

Die Rasentrimmer auf dem Centre Court: Tomas Puhlovsky, Mohamed Eissa und Christian Engelmann (von links) Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt

Demnächst spielt die Tennis-Weltelite wieder beim Stuttgarter ATP-Turnier – auf pedantisch gepflegtem, strapazierfähigem und maximal neun Millimeter hohem Weidelgras. Alles genau wie in Wimbledon. Ein Besuch bei den Greenkeepern.

Vier Wochen vor dem ersten Aufschlag wird es laut. Ein Bohrhammer traktiert den Beton der Tribüne. Die Sitzschalen für die Zuschauer liegen in wirren Haufen herum. Auf dem Centercourt macht ein Rasenmäher Krach. Fährt eine Bahn rauf, hinterlässt ein dunkelgrünes Band. Wendet, fährt wieder runter, diesmal ist das Band hellgrün. So geht das, bis der ganze Platz aussieht wie ein grünes Zebra, dessen Streifen mit dem Lineal gezogen sind. Nur die weißen Linien und das Netz fehlen noch.

 

Auf dem penibel gemähten Rasen wird es von 8. Juni an mucksmäuschenstill sein. Dann schlagen in Stuttgart die weltbesten Tennisspieler auf. Auf dem Killesberg spielen sie um 812 235 Euro Preisgeld. Der TC Weissenhof bietet ihnen bei seinem Traditionsturnier sechs Rasenplätze für Training und Matches. In der weitläufigen Anlage bilden sie einen Kontrast zu den normalen Plätzen. Die sind mit rotem Ziegelmehl bedeckt, auf ihnen spielen die Clubmitglieder.

Mohamed Eissa, der „Head-Greenkeeper“

Warum leistet sich der TC Weissenhof die Extravaganz von Rasenplätzen? Welchen Aufwand braucht es, um diese zu präparieren?

Mohamed Eissa steht an einem der Nebenplätze und gibt seinen beiden Mitarbeitern Anweisungen. Jetzt macht der Rasenmäher hier Krach. Eissa lehnt sich an das Geländer über den Rängen, zündet einen Zigarillo an. Er ist ein drahtiger Mann mit dunkler Haut, 66 Jahre, gebürtiger Ägypter mit österreichischem Pass. In der Nähe von Köln hat er die Ausbildung zum Greenkeeper gemacht. Seit mittlerweile acht Jahren kümmert er sich in Stuttgart um den Tennisrasen auf dem Weissenhof. Seinen Titel nennt er mit freundlichem Stolz: „Head-Greenkeeper“.

Wenn das Gras im März aus seiner Winterruhe erwacht, beginnt die Arbeit von Mohamed Eissa frühmorgens um sechs. Jeden zweiten Tag lässt er die Plätze mähen. Der Rasen muss acht Millimeter kurz sein, die Toleranz reicht gerade noch bis neun Millimeter. Regelmäßig reinigt Eissa die Drainagegräben entlang der Seitenlinien. Falls ein Gewitter niedergeht, müssen sie den Regen aufnehmen, denn die Plätze dürfen auf gar keinen Fall überschwemmt werden.

Und gemeinsam mit den beiden Platzwarten des Tennisclubs stellt der ägyptische Greenkeeper Schilder auf, die als typisch deutsch gelten: „Betreten der Rasenfläche verboten!!!“

Traditionell wurde das internationale Weissenhofturnier im Sommer auf roten Sandplätzen ausgetragen. In der Siegerliste stehen die Namen von Legenden: Björn Borg, Ivan Lendl, Michael Stich. Doch der globale Turnierkalender der Tennisprofis wurde zum Problem. Sie treten auf verschiedenen Belägen an, auf denen der Ball unterschiedlich abspringt. Das wichtigste Sandplatzturnier findet im Frühjahr in Paris statt. Anschließend ziehen die besten Spieler um auf den nächsten Belag, bereiten sich also auf die Rasenplätze von Wimbledon vor. Von August an treten sie nur noch auf Hartplätzen an, um rechtzeitig eingespielt zu sein für die US Open, die im Herbst in New York ausgetragen werden.

Irgendwann kamen Roger Federer und Rafael Nadal nicht mehr nach Stuttgart – ein Sandplatzturnier mitten im Sommer passte nicht mehr in ihren Spielplan. Die Tradition nützte nichts, das Weissenhofturnier verlor an Bedeutung. Die Wimbledon Championships wurden im Jahr 2015 um eine Woche nach hinten verschoben. Im Juni wurde also im Turnierkalender eine Woche frei. Stuttgart nutzte die Chance, bewarb sich um diesen Termin im Frühjahr und legte sechs Rasenplätze an. Mercedes, der damalige Hauptsponsor des Turniers, stellte einen Millionenbetrag zur Verfügung. Es lohnte sich. Die Stars kamen wieder. Rafael Nadal gewann das erste Stuttgarter Rasenturnier – und gewöhnte sich zugleich an das britische Gras.

Elektrozäune gegen Fuchs und Maulwurf

„Seine Power hat Spuren hinterlassen“, sagt Christian Engelmann, „mit seiner Statur und seiner dynamischen Spielweise hat er die Grundlinie ganz schön strapaziert.“ Engelmann ist seit 30 Jahren der Chef von Mohamed Eissa. Seine Firma sitzt in Unterhaching bei München und betreut mit 140 Mitarbeitern Rasensportanlagen für Golf, Fußball und Tennis. Engelmann hat Landwirtschaft studiert, ist 60 Jahre alt und leidet unter Heuschnupfen. „Aber das ist nicht schlimm“, sagt er grinsend, „alle meine Gräser werden kurz gehalten, sie blühen nicht.“

In Stuttgart musste er den Rasen nicht neu erfinden. Der „All England Lawn Tennis and Croquet Club“, der in Wimbledon das berühmteste Tennisturnier der Welt veranstaltet, ist strategischer Partner des Turniers auf dem Weissenhof. Er zahlt Engelmann jährlich eine sechsstellige Summe, damit dieser den Rasen genauso trimmt wie die Greenkeeper in London. Die Grassorte ist identisch – ein auf Strapazierfähigkeit gezüchtetes Weidelgras. „Die Challenge besteht darin: Bei wem ist die Grundlinie im Finale am wenigsten braun?“, sagt Engelmann. Die Arbeit seiner Männer folgt einem einfachen Prinzip: „So wenig wie möglich anders machen als in Wimbledon.“

Die Plätze sind – auch nach englischem Vorbild – mit Elektrozäunen gesichert, damit bei Nacht weder Fuchs noch Maulwurf dem Rasen zusetzen. Viermal im Jahr kommt ein Supervisor aus London und schaut, ob alle Vorgaben korrekt umgesetzt werden. An einem Punkt leistet sich Engelmann allerdings eine Eigenmächtigkeit. Die 120 Kilo schweren Rasenmäher sind nicht das gewünschte englische Fabrikat, sie stammen von einem amerikanischen Hersteller.

Der größte Feind des Tennisrasens ist nicht die Hitze, sondern das Wasser. Sobald die ersten Regentropfen fallen, wird der Platz mit einer Plane abgedeckt, auch sie kommt aus England. Ein Fußballplatz wird auf Sandboden angelegt. Beim Tennis braucht es einen festeren Untergrund, deshalb ist Lehm im Boden. „Der speichert das Wasser und gibt es nur langsam wieder ab“, erklärt Christian Engelmann.

Das Hawk Eye muss die Linien erkennen können

Drei Wochen vor dem Turnier tragen die Greenkeeper die weißen Linien auf. Sie bestehen aus einer kreidehaltigen Farbe und dürfen höchstens fünf Millimeter von der Normgröße eines Tennisplatzes abweichen – sonst funktioniert das sogenannte Hawk Eye nicht. Beim Turnier entscheiden nicht mehr Linienrichter, ob ein Ball im Aus gelandet ist, sondern Kameras und Computer. Eine Automatenstimme verkündet das Urteil über Lautsprecher.

Ein paar Wochen vor Turnierbeginn werden die Wachstumslampen entfernt. An der Grundlinie, wo die Tribüne mit den Kabinen der Fernsehkommentatoren Schatten wirft, stehen sie auf dreibeinigen Gestellen und bestrahlen den Rasen mit gelblichem Licht, um die Fotosynthese zu unterstützen. Dieses Verfahren wurde für Gewächshäuser entwickelt. Als in den Fußballstadien der neuen Generation die Tribünen steiler wurden und näher an den Rasen heranrückten, nahm der Schattendruck zu. Das Licht der Sonne reichte nicht mehr aus, um das Gras wachsen zu lassen. Das Tennis hat vom Fußball die Wachstumslampen übernommen.

Tomas Puhlovsky (rechts) und Mohamed Eissa an den Wachstumslampen Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt

„Es ist wie in der Landwirtschaft“, erklärt Christian Engelmann, „im Frühjahr wird gedüngt. Da müssen sich Spurenelemente in der Pflanze einlagern. In dieser Phase wird unser Rasen wie ein Bodybuilder maximal mit Nährstoffen versorgt.“ Ihm wäre es eigentlich lieber, wenn das Stuttgarter Turnier eine Woche später stattfinden würde, dann könnte er noch länger düngen. Denn während des Wettbewerbs wechselt der Rasen sozusagen die Sportart: „Da wird aus dem Bodybuilder ein zäher Langstreckenläufer.“ Will heißen: Da wird das Gras nicht mehr gedüngt – und so trocken gehalten, dass es gerade noch am Leben bleibt.

Verspringt irgendwo der Ball?

Ein paar Tage vor dem ersten Aufschlag werden die Netzpfosten gesetzt. Ausgewählte Spieler testen dann die sechs Plätze. Sind sie hart genug? Ist der Rasen irgendwo uneben, verspringt der Ball? Nach dem Turnier dürfen dann die Clubmitglieder, die sonst auf rotem Sand spielen, auf den heiligen Rasen. Hans-Georg Kauffeld, der Präsident des TC Weissenhof, beschreibt den Unterschied so: „Der weiche Untergrund schont die Gelenke. Der Ball springt flacher ab, man muss flexibler spielen. Und hinterher bekommst du Muskelkater an Stellen, wo du es überhaupt nicht für möglich gehalten hast.“

Meist endet die Rasensaison auf dem Killesberg Mitte September. Dann wird es zu feucht und rutschig, und die Plätze werden geschont fürs nächste Frühjahr. Auch wenn die Siege von Boris Becker und Steffi Graf auf dem Rasen von Wimbledon in Deutschland einen Tennisboom auslösten – der Sandplatz bleibt hierzulande der normale Untergrund für diesen Sport.

Bevor die Mitglieder des TC Weissenhof erstmals auf dem exotischen Grün spielen durften, wurden sie aufgefordert, Tennisschuhe mit der speziellen Sohle für das Spiel auf Rasen zu kaufen. Aber auch hier hat Stuttgart von London gelernt. Als Präsident Kauffeld dem Supervisor aus Wimbledon berichtete, dass alle mit den richtigen Schuhen spielen, hat der Engländer gelacht und gesagt: „Seid ihr verrückt? Mit der Noppensohle haben die Profis einen besseren Stand. Aber sie ist viel zu aggressiv für den Rasen. Nehmt lieber ausgelatschte Sandplatzschuhe.“

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