Gregor Meyle und die SWR Big Band Ein Song für die Zuarbeiter der Popstars

Gregor Meyle in seinem Studio bei der Produktion von „Ausser Betrieb“ Foto: SWR

„Ausser Betrieb“: Mit dem SWR, dessen Bigband und illustren weiteren Sängern setzt der Musiker Gregor Meyle im Kultur-Lockdown ein Zeichen für Kollegen in Not.

Stuttgart - Bühnentechniker, Caterer, Fahrer – viele derjenigen, die sonst mithelfen, Veranstaltungen auf die Beine zu stellen, hängen seit einem Jahr in der Luft. Der SWR und der Musiker Gregor Meyle setzen nun ein Zeichen mit Kurzporträts von Betroffenen und einem Song von Wolle Kriwanek: „Ausser Betrieb“. Die SWR Bigband sorgt für einen straffen Sound, neben Meyle sind als Sänger auch Hartmut Engler, Dieter Thomas Kuhn, Cassandra Steen, Peter Freudenthaler und Giovanni Zarrella zu hören – auf Schwäbisch

 

Herr Meyle, wer kam auf die Idee?

Die habe ich mit Hans-Peter Zachary entwickelt, dem Manager der SWR Big Band. Wir wollen die Aufmerksamkeit auf die Leute hinter der Bühne lenken. Die ganze Popmusik-Szene ist wie in einem Dornröschenschlaf, alles steht still. Wir werden vor einem Trümmerhaufen stehen, wenn es wieder losgeht, und wollen mit diesem Song die positive Message senden, dass wir alles wieder aufbauen können. Kultur ist vielleicht nicht systemrelevant, aber auch kein Luxus. Da hängen deutschlandweit 1,4 Millionen Existenzen dran, die Branche macht 150 Milliarden Euro Umsatz im Jahr – das ist alles freie Wirtschaft und jetzt alles weg. Till Brönner und Smudo und viele andere weisen ja schon länger darauf hin. Manche Leute leben mittlerweile von Hartz IV.

Wie kommen Sie persönlich durch die Krise?

Jeder macht irgendwas, ich nehme viel auf, Dieter Thomas Kuhn sitzt gerade in seiner Werkstatt und baut Gitarren. Aber die Perspektive fehlt, vor allem die Energie bei Konzerten, wo man ganz im Hier und Jetzt und im Moment sein kann. Aber ich jammere nicht, ich hatte verdammt viel Glück und habe Einnahmen als Autor. Die Musiker in meiner Band nicht. Meinen Gewinn von 2019 habe ich zur Hälfte an sie ausgeschüttet. Ohne die fetten Jahre würde ich jetzt vielleicht Päckchen ausfahren.

Haben Sie das Gefühl, die Politik tut genug?

Ich bin selbst mit drei Staatssekretären im Austausch, die alle mindestens 15 Stunden am Tag arbeiten. Die hängen sich wirklich rein. Wir Musiker versuchen, ihnen konstruktive Hinweise zu geben. Ein Beispiel: Es sind über fünf Millionen Tickets draußen, die an Kühlschränken hängen, allein 40 000 von uns. Nur rund fünf Prozent der Käufer haben ihre Ticket bisher zurückgegeben, und wir sind richtig dankbar, dass die Fans so viel Geduld haben. Wenn uns Politiker jetzt vorschlagen, wir sollen doch ein paar kleinere Konzerte spielen, antworte ich ihnen: Ich kann nicht in derselben Stadt, in der ich 2000 Tickets draußen habe, ein anderes Konzert ansetzen, für das ich noch mal Eintritt verlange.

Woran liegt es, dass solche Zusammenhänge nicht klar sind?

Wir sehen, dass andere Branchen in Sachen Lobbyismus viel weiter sind als die Kultur: die Luftfahrt, die Autoindustrie, die Bundesliga. Wir haben das nie gebraucht. Darum finde ich es großartig, dass jetzt alle an einem Strang ziehen und dass auch die Intendanten aller großen Häuser dabei sind.

Wie sind Sie auf den Song von Wolle Kriwanek gekommen?

Den spielen wir gerne live, wenn wir in Stuttgart sind. Da hat man die Schwaben gleich auf seiner Seite, auch die Jungs, die unfreiwillig da sind, weil ihre Frauen sie mitgeschleppt haben. Wolle ist ja leider viel zu früh gegangen. Er hat sich immer für junge Musiker eingesetzt. Ich habe ihm selbst mal eine Demo-Kassette in die Hand gedrückt, und er hat sich tatsächlich gemeldet und mir Tipps gegeben. Wolle hat die Festzelte gerockt und Zusammengehörigkeitsgefühl geschaffen allein durch die Sprache. Wenn ich in Neuseeland am Strand sitze, und da spricht jemand Schwäbisch, habe ich sofort den Geruch von Rostbraten in der Nase.

Wie haben Sie Hartmut Engler, Dieter Thomas Kuhn, Cassandra Steen, Peter Freudenthaler und Giovanni Zarrella dazu gebracht, mit Ihnen auf Schwäbisch zu singen?

Alle hatten große Lust, sich zu engagieren. Keiner von uns singt sonst im Studio auf Schwäbisch, das muss man erst mal rauskriegen, wie man das macht. Alle haben bei sich zu Hause eingesungen und mir die Aufnahmen geschickt. Es war eine Fummelarbeit, ich habe Audio-Tetris gespielt: Was kommt denn da geflogen, wie füge ich das zusammen? Aber es hat einen Heidenspaß gemacht. Ich hatte auch eine gute Grundlage: Die Big Band hat richtig Gas geben, das ist ein tolles, rock ’n’ rolliges Arrangement mit Drive. Die können in ihrem Studio mit Abstand einspielen und haben mir eine perfekte Aufnahme geschickt.

Wie könnten Konzerte wieder möglich werden?

Durch zuverlässige Schnelltests für zu Hause. Die derzeit verfügbaren sind es nicht. Ich weiß von ganzen Familien, die angeblich positiv waren und beim PCR-Test dann negativ. Dabei wäre das eine tolle Möglichkeit: Jeder Test hat eine Nummer, man meldet ihn zur Verifizierung mit seinem Personalausweis übers Mobiltelefon an und bekommt dann eine Freigabe oder eine Absage. Vor Ort kann man bei Konzerten nicht testen, wie soll das gehen mit 1000 Leuten?

Und im Sommer unter freiem Himmel?

Ich glaube nicht, dass ein Open-Air-Konzert gefährlicher ist als eine Flugreise. Es ist wahrscheinlich weniger gefährlich als eine Fahrt in einer proppenvollen S-Bahn. Da hat keiner einen Test. Die Leute müssen halt zur Arbeit. Wir haben viele Ideen für Open-Air-Veranstaltungen entwickelt, Abstände sind zum Beispiel mit Picknickdecken oder Strandkörben herstellbar. Das wäre natürlich auch nur ein ganz kleiner Tropfen auf den heißen Stein, aber besser als gar nichts.

Das Video zum Song geht am 18. März Online auf dem Youtube-Kanal von SWR1. Die Zeugnisse der Leuten hinter den Kulissen stehen auf Instagram: https://www.instagram.com/offiziell.ausser.betrieb/

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