Dianne Reeves und Gregory Porter eröffnen bärenstark den Reigen der Konzerte bei den diesjährigen Jazz-Open auf dem Stuttgarter Schlossplatz.
Stuttgart - Ob Gregory Porter wohl die Stuttgarter Zeitung liest? Zumindest online? Als er im vergangenen Jahr mit seiner Band in der Arena am Mercedes-Benz Museum gastierte, konnte er anschließend dort lesen, dass das Konzert zwar gelungen sei, dass allerdings an der Dramaturgie noch gearbeitet werden müsse, um die mitunter doch etwas zäh sich ziehende Abfolge einander ähnelnder Balladen nicht durch überflüssige Bass- und Schlagzeug-Soli künstlich auflockern zu müssen. Das zeitigte offenbar Wirkung.
In diesem Jahr kehrte Gregory Porter mit reichlich Verstärkung auf den Stuttgarter Schlossplatz zurück: mit dem Fünfzigköpfigen niederländischen Metropole Orkest, einer famosen Big Band mit Streichern, Bläsern, Hammondorgel und einem inspirierten Peter Tiehuis an der Gitarre. Die kostspielige Idee, seine emotionalen Songs mit einem großen Klangkörper zu performen, erwies sich am Donnerstagabend als Glücksfall, weil so die Last des Entertainment auf mehrere Schultern verteilt werden konnte. Zwar ist, klar doch, Gregory Porter weiterhin das Zentrum des Geschehens, aber die Klangmöglichkeiten des Metropole Orkest erlauben es, das Songmaterial musikalisch in viele unterschiedliche Richtungen auszudifferenzieren. Mal klingt es opulent nach Musical oder auch Filmmusik, dann wieder erinnern die Streicherarrangement an Zeiten, als Ikonen wie Isaac Hayes ihre Song-Epen noch mit breitem Pinsel zeichneten.
Tatsächlich nähert sich die wuchtige Retrokunst Porters auf diese Weise den großen Originalen an, die zu nennen er im Vortrag ohnehin nicht müde wird: Nat King Cole, Curtis Mayfield, Marvin Gaye, Donny Hathaway, Lou Rawls. Jemanden vergessen? Ja, vielleicht Mahalia Jackson, denn seine Wurzeln in der Gospel-Musik stellte Porter in diesem Jahr sehr viel deutlicher aus. Noch jemanden vergessen? Klar, Bill Withers. Zwischen „Be good“ und „On my Way to Harlem“ passte dessen „Grandma’s Hands“ auch deshalb perfekt, weil Porter sich hier für ein Duett Dianne Reeves zurück auf die Bühne holte, die zuvor das erste Konzert des Abends bestritten hatte.
Beider Stimmen harmonierten großartig, auch die Temperamente passen. Wer sich an die hinreißenden Duette von Marvin Gaye mit der früh verstorbenen Tammi Terrell erinnert, würde sofort eine intensivere Zusammenarbeit von Reeves und Porter in die Wege leiten.
So gelang an diesem Abend eigentlich alles: wenn ein Hammondorgel-Solo kommen musste, kam es, die Bläser spielten messerscharf, und die Streicher polsterten das Ganze auf. Das Repertoire selbst hat sich gegenüber dem Vorjahr kaum verändert. Wie auch, der Mann ist ja andauernd unterwegs. So gab es erneut die Mischung aus weltumarmenden Predigten und politischer Anklage, wobei nie ganz klar ist, ob es sich nicht um zwei Seiten einer Medaille handelt. Hier „Liquid Spirit“, da „1960 What?“, hier „No Love dying“, da „Musical Genocide“. Makellos, aber nicht routiniert lief das Konzert ab, so dass man förmlich spürte, wie der Mützenmann das Publikum wieder einmal in den Bann schlug.
Nicht vollständig wäre der Abend erzählt, verlöre man nicht noch ein paar Worte über die Vorarbeit von Dianne Reeves, die mit kleinem Ensemble und bei bester Laune sich keck scattend durch einen Reigen von Songs bewegte. Mal waren es Standards wie „One for my Baby“ oder „Our Love is here to stay“, mal ein Popsong wie „Dreams“ von Stevie Nicks. Wie anschließend Porter ließ Reeves alle Berührungsängste und Schubladen hinter sich, mischte Blues mit Soul, Pop und Jazz, bis alles mitten in der Stadt Musik wurde.