Anzeige

Grenada Auf die Nuss

Von Martin Cyris aus St. George’s 

Der Karibikstaat Grenada ist in der Adventszeit auf jedem Backblech und Weihnachtsmarkt zu finden. In Prisen von Muskatnüssen und Zimt.

Die rote Muskatblüte, die Macis, wird von der Nuss getrennt. Foto: Cyris
Die rote Muskatblüte, die Macis, wird von der Nuss getrennt. Foto: Cyris

Muskelbepackte Fischer mit freiem Oberkörper holen in der warmen Brandung ihre Netze ein. Die späte Nachmittagssonne auf Grenada strahlt immer noch kräftig genug, um den Männern den Schweiß auf die Stirn zu treiben. Rumbuden am Strand der Kleinstadt Gouyave verkaufen Longdrinks, garniert mit geriebener Muskatnuss und Zimt, frisch von der Insel. Eisgekühlt. Aus Lautsprecherboxen dröhnen die neuesten Weihnachtshits im Soca-Rhythmus: „Let’s have a merry cherry Christmas!“ Die europäische Winterkälte ist rund neun Flugstunden entfernt. Westlicher Adventstrubel und Einkaufsstress ebenso. Weihnachtsmärkte und überfüllte Konsumtempel sind auf der kleinen Karibikinsel völlig unbekannt. Hier und da erinnern aber kitschige Festbeleuchtung und Plastikchristbäume daran, dass eine besondere Zeit bevorsteht. Im Zentrum von Gouyave baut eine Trommelcombo ihre Instrumente auf. Die Musiker tragen Nikolausmützen. Es ist Freitagnachmittag und damit Fish Friday, ein beliebter Treffpunkt für Einheimische und Touristen. Bis in den späten Abend wird gewippt und getanzt, getrunken und gegessen.


Es liegt ein würziger Geruch in der Luft

Zumeist Hühnchen und Fisch, dazu gibt es Soßen mit exotischen Gewürzen aus Grenada: Muskatnuss, Zimt, Nelken, Ingwer, Piment, Chili. Hot and spicy, heiß und würzig. Die meisten Zutaten dürfen auch hierzulande in der Vorweihnachtszeit auf keinem Backblech und in keinem Glühweintopf fehlen. Auch in Bratwürsten, tonnenweise auf Weihnachtsmärkten verdrückt, sind würzige Muskatnuss sowie Muskatblüte aus Grenada unverzichtbar. In Spitzenzeiten wurden gar 75 Prozent der gesamten Ernte nach Deutschland und in die Niederlande geliefert. In den Niederlanden gehört gemahlene Muskatnuss im Streuer auf vielen Esstischen so selbstverständlich dazu wie Salz und Pfeffer. Während die Trommler die ersten Takte anschlagen, dröhnen in der Muskatnussfabrik von Gouyave die Laufbänder. Das ganze Jahr über pulen dort Arbeiterinnen die Muskatnüsse aus den Schalen und trennen die rote Muskatblüte, die Macis, von der Nuss. Beides wird als Gewürz verwendet. Es liegt ein intensiver, würziger Geruch in der Luft. Arbeiter verpacken die Ware - Hauptexportartikel der Insel - in schwere Säcke und wuchten sie auf Lastwagen.


Ziel der Fracht: weit entfernte Häfen wie Rotterdam und Hamburg. „Keine Ahnung, wo das ist“, sagt Francis, ein junger Arbeiter, während er einen randvollen Sack auf seine Handkarre wuchtet. Die Schablonen zur Kennzeichnung der Lieferungen wurden aus altem Autoblech gestanzt. In meterhohen Regalen werden die Muskatnüsse wochenlang getrocknet, bevor sie auf die lange Reise gehen. Überall stapeln sich Säcke. Es könnten noch weitaus mehr sein. Aber 2004 und 2005 zerstörten Hurrikane neben vielen Gebäuden auch fast alle Muskatnussbäume. Die Produktion erreicht heute nur noch ein Zehntel der früheren Kapazität. Viele Bauern haben den Anbau aufgegeben, es fehlt an Nachwuchs. Trotzdem stellt Grenada ein Gutteil der weltweiten Muskatnussproduktion. Der kleine Karibikstaat Grenada - Beiname: Spice Island, Gewürzinsel - ist nur etwa halb so groß wie Hamburg. Die Nuss, die eigentlich ein Same ist, wird „schwarzes Gold“ genannt und ziert die Landesflagge. Hotels wurden nach den Gewürzen benannt, Bars, Schulen, sogar ein Einkaufszentrum. Einer der wenigen Jungfarmer ist Wayne.


Wichtigstes Gut ist und bleibt die Muskatnuss

Die Plantage des 34-Jährigen befindet sich im üppig grünen, bergigen Zentrum der Insel. Dort stoßen Touristen auf abgelegene Wasserfälle, heiße Schwefelbäder und den Grand Etang Lake, einen Kratersee. Und auf Gewürzfrauen, die Ketten aus grenadischen Produkten verkaufen: Nelken, Zimtstangen, Lorbeerblätter. Und Kakaobohnen. Aus ihnen wird feinste Öko-Schokolade hergestellt. Wichtigstes Gut aber ist und bleibt die Muskatnuss. Einst wurde sie sogar mit Gold aufgewogen. Das Gewürz erzielt auch heute noch ordentliche Gewinne. 2013 erreichte der Handel mit Muskatnuss sogar Höchstpreise. 32 000 US-Dollar wurden für eine Tonne gezahlt. „Sechs Bäume bringen das Schulgeld für eines meiner Kinder“, sagt Wayne. Er hat drei Töchter, zwei Söhne und einige Dutzend Bäume. Wayne beliefert auch einen Naturkosmetikhersteller in Deutschland. „Die haben sogar die Bäume markiert, von denen sie die Nüsse wollen.“


Grund ist das Myristicin, ein Bestandteil des Öls der Muskatnuss. Myristicin ist eine Droge und in höheren Mengen mitunter lebensbedrohlich. Manche Abnehmer wollen einen möglichst geringen Anteil. Amerikanische Brausehersteller - die größten Muskatnussverwerter weltweit - dagegen setzen auf einen hohen Myristicin-Wert. Natürlich im legalen Bereich. Das Nutmeg-Festival (Muskatnussfestival) wird seit einigen Jahren im Winter abgehalten. Inoffizielles Motto: „Auf die Nuss!“ Köche wetteifern um die besten Rezepte mit Muskatnuss, Spas stellen Wellness-Produkte aus Grenada-Gewürzen vor, Schulklassen pflanzen Muskatnussbäume, Neuheiten wie Muskatnusslikör oder -sirup werden prämiert. Sogar eine Talentshow für Sängerinnen gibt es. Sie heißt „Spice Divas“, Gewürz-Diven. Aufsehen erregen könnte demnächst Brennstoff aus Muskatnussschale. Bisher wird sie meist weggeworfen. Unter Holzkohle gemischt sorgt sie für ein feinwürziges Aroma beim Grillen. Gut möglich, dass es bald über die Traumstrände der Insel zieht.