Neulich auf dem Spielplatz: Zwei Mütter unterhalten sich. Sagt die eine: „Lena mag es nicht, wenn ich koche. Sie will lieber, dass ich mit ihr spiele. Jetzt essen wir abends halt immer kalt.“ Erwidert die andere Mutter: „Aber ihr würdet lieber warm essen?“ – „Ja, eigentlich schon. Aber wir sind ja flexibel.“ Gequältes Lächeln. Lenas Bedürfnis, zu spielen, sei schließlich auch wichtig. Und da ist es wieder gefallen, das magische Wort: Bedürfnis, wie in „bedürfnisorientierte Erziehung“.
Bedürfnisorientiertes Erziehen (auf Englisch: „attachment parenting“) gilt als der Erziehungsstil der Stunde. Attachment bedeutet ins Deutsche übersetzt Bindung. Eltern, die bedürfnisorientiert erziehen, eint der Wunsch, ein sicher gebundenes Kind aufzuziehen. Sie gehen davon aus, dass die Regeln des bedürfnisorientierten Erziehens sich direkt aus evidenzbasierter Bindungsforschung ableiten.
Das allerdings ist ein Trugschluss. Rund um diese Form der Erziehung ranken sich zudem einige Mythen: Zeigt mein Kind jegliche Zeichen von Stress, ist es nicht sicher gebunden. Was emotionale Ausbrüche verursacht, sollte vermieden werden. Jedes Wutgeheul ist ein Zeichen innerer Not und sollte sofort mit maximaler Aufmerksamkeit bedacht werden.
Dürfen Eltern noch was entscheiden?
„Eltern haben es heute schwer, denn ihnen wird ständig suggeriert, sie dürften keine Entscheidungen treffen, die nicht dem Wunsch der Kinder entsprechen“, sagt Rüdiger Kißgen, Professor für Entwicklungswissenschaft an der Universität Siegen. „Zu den größten Missverständnissen rund um die bedürfnisorientierte Erziehung gehört, dass das Kind ständig in Gefahr schwebe, in seinem späteren Beziehungsverhalten gestört zu werden.“
Es stimmt ja: Das familiäre Umfeld beeinflusst die Gehirnentwicklung, die Emotionsregulation, das Einfühlungsvermögen sowie die geistige und körperliche Gesundheit der Kinder. Ist ein Kind sicher an seine Hauptbezugsperson gebunden, kann es offen und neugierig seine Umwelt erforschen. Das hat die Bindungsforschung ein ums andere Mal belegt. Doch das sogenannte Attachment Parenting ist eben nicht die in Erziehung gegossene Bindungsforschung. „Beim Attachment Parenting handelt es sich vielmehr um eine Erziehungshaltung, die im Nachgang mit Elementen aus der Bindungstheorie ergänzt wurde“, sagt Kißgen. Während die Bindungstheorie empirisch gut belegt ist, handelt es sich beim Attachment Parenting um eine reine Erziehungsphilosophie.
Wer hat’s erfunden?
Geprägt haben sie der amerikanische Kinderarzt William Sears und seine Frau Martha. Die beiden evangelikalen Christen setzten sich in den 1990er Jahren dafür ein, sensibel auf die Bedürfnisse von Babys und Kindern einzugehen. Viele ihrer Ideen stammen aus der Erziehung ihrer eigenen acht Kinder sowie aus ihrer pädiatrischen Praxis. Linksalternative Kreise griffen Sears’ Ideen auf, da sie im Gegensatz zu früheren Erziehungsansätzen, die autoritärer waren, einen willkommenen Gegenentwurf darstellten.
Heute gehören die Grundsätze der Sears – zum Beispiel Bonding, also der Beginn der prägenden Verbindung zwischen Eltern und Kind nach der Geburt, langes Stillen und Schlafen im Familienbett – zum Einmaleins der bedürfnisorientierten Erziehung. Doch keine dieser Verhaltensweisen prognostiziert eine sichere Bindung des Babys zu seiner Bezugsperson. Dennoch vermengten sich Sears’ Empfehlungen nach einiger Zeit mit Elementen der Bindungsforschung. „Kinder brauchen Liebe und Halt, aber sie brauchen auch Eltern, die ihre eigenen Bedürfnisse ernst nehmen“, sagt Rüdiger Kißgen. Er plädiert dafür, Frustration zuzulassen – also die Emotionen des Kindes auszuhalten und angemessen zu begleiten.
Von autoritär bis „Alles ist erlaubt“
Die amerikanische Entwicklungspsychologin Diana Baumrind unterscheidet beispielsweise vier verschiedene Erziehungsstile: den autoritativen, den autoritären, den permissiven und den unbeteiligten. Will ein Kind sein Spielzeug nicht teilen, könnten autoritäre Eltern so reagieren: „Du teilst jetzt dein Spielzeug, weil ich das sage!“, unbeteiligte Eltern reagierten mit: „Es ist mir egal, was du mit dem Spielzeug machst“ und permissiv erziehende Eltern sagen: „Wenn du Lust hast, teilst du das Spielzeug mit dem anderen Kind.“
Autoritativ erziehende Eltern reagierten hingegen so: „Es ist wichtig, Spielzeug mit anderen Kindern zu teilen und auch andere Dinge, die uns gehören.“ Und sie erklären, weshalb das wichtig ist – zum Beispiel: „Du möchtest ja auch, dass andere Kinder ihr Spielzeug mit dir teilen.“
Autoritativer Erziehungsstil stellt hohe Anforderungen an das Kind, bietet aber auch Unterstützung an. Baumrind konnte so zeigen, dass Kinder autoritativer Eltern oft kompetent, selbstbewusst und beliebt sind. Sie haben im Schnitt ein höheres Selbstwertgefühl, kommen auch in der Schule besser zurecht als Kinder, die vernachlässigt oder autoritär erzogen werden.
Autoritativ erziehende Eltern stecken für ihre Kinder den Rahmen ab, gestehen ihnen innerhalb desselben jedoch Autonomie zu. Im Alltag bedeutet dies etwa, dass Mutter und Vater entscheiden, wann sie den Spielplatz verlassen. Und sie beginnen das Szenario nicht mit der Frage: „Gehen wir jetzt nach Hause?“
In ihrem Buch „Artgerecht. Das andere Kleinkinderbuch“ schreibt die Wissenschaftsjournalistin Nicola Schmidt, wie es stattdessen ablaufen könnte: Mutter oder Vater teilen dem Kind zehn Minuten vorher mit, dass sie gehen wollen. Nach zehn Minuten begeben sie sich auf Augenhöhe, passen dabei einen Moment ab, in dem die Aufmerksamkeit des Kindes da ist, und sagen: „Wir gehen jetzt nach Hause. Bitte komm mit!“ – „Ich will aber weiterspielen!“, sagt das Kind – „Ja, das kann ich verstehen, du spielst gerade so schön, aber Papa kommt gleich heim, und ich möchte gern mit ihm zu Abend essen.“