Pünktlich zur vereinbarten Zeit melden sich Greta und Jan Navel per Videochat. Die beiden sitzen in ihrem Wohn-, Arbeits- und Schlafzimmer auf einem Rastplatz irgendwo kurz vor der ungarisch-serbischen Grenze und winken gut gelaunt in die Kamera.
Seit Ende Februar ist das Paar, 39 und 36 Jahre alt, mit einem umgebauten Mercedes-Puch, Baujahr 1995, unterwegs. Ihr Ziel, für das sie nicht nur ihre Wohnung im Remstal, sondern auch zwei gute Jobs mit besten Entwicklungsmöglichkeiten bei einem großen Stuttgarter Automobilkonzern aufgegeben haben: auf eigene Faust mindestens einmal den ganzen Erdball umrunden.
Der Ukraine-Krieg zerschlägt den groben Plan
Einen festen Plan wollten die beiden bewusst nicht aufstellen – einerseits, um sich nicht Enttäuschungen aufzuladen, falls mal etwas nicht so klappen sollte wie gedacht, und andererseits, um flexibel zu bleiben. Das scheint sich schon zu Anfang ihrer Reise als die richtige Strategie herauszustellen, denn auch die grobe Route – erst mal gen Süden nach Norditalien und dann immer weiter in Richtung Osten – hat sich wegen des Ukraine-Kriegs jäh zerschlagen.
Auch aus einem anderen Grund geht es nach einer Tour durch die Schweiz und Italien zunächst noch einmal zurück nach Deutschland. Die Erfahrungen der ersten Kilometer im komfortabel zivilisierten europäischen Raum sind Anlass, um in der Werkstatt von Gretas Papa noch ein paar Dinge am Fahrzeug nachzubessern. So werden beispielsweise die Matratzen verstärkt, die Wasserkapazität erhöht, eine Markise und eine Outdoordusche angebaut.
Mittlerweile haben Greta und Jan Polen, die Ostseeküste, das Baltikum und die Slowakei erkundet, um jetzt von Ungarn aus in Richtung Bulgarien zu fahren. Wie es dann weitergehen soll, ist noch offen, denn zurzeit ist nicht nur die Ukraine unpassierbar, auch an den Grenzen zu Pakistan und Iran ist Endstation und die Einreise nach Indien auf dem Landweg nicht erlaubt. Man werde noch ausloten, sagt Jan, vielleicht von Griechenland aus den Schiffsweg bestreiten.
Auch Greta ist optimistisch, dass sich alles fügt. Schließlich habe man schon während des ersten halben Jahres erfahren, was passieren könne, wenn man den sicheren Hafen verlässt: „Es gibt so viele Türen, die sich plötzlich unverhofft öffnen.“
Reportage über „New Work“ im ZDF
Eine war die zu einer ungeahnten medialen Aufmerksamkeit: Nachdem mehrere Zeitungen auf die ungewöhnliche Geschichte der Navels aufmerksam wurden, nahm auch das ZDF Kontakt auf und begleitete das Paar für eine Reportage des Magazins „Wiso“ von Gretas Heimat im Kreis Kleve aus mehrere Tage in den Niederlanden und in Sizilien. Die Reportage thematisierte den „New Work“ – das digitalisierte, nicht an den Arbeitsplatz gebundene Arbeiten –, und die Navels, die sich ihren Lebensunterhalt bei einem Start-up im Bereich Unternehmensberatung und Digitalisierung verdienen, fungierten gewissermaßen als roter Faden der Geschichte. Denn statt in einem Büro in der Pfalz bringen die beiden ihre Arbeitskraft nun von dem Ort ein, an dem sie sich gerade befinden – unabdingbare Grundvoraussetzung ist allerdings, dass sie dort eine Internetverbindung haben.
Ihre neu gewonnene kleine Berühmtheit nutzt das Paar indes nicht zur finanziellen Selbstvermarktung. Stattdessen werben Jan und Greta auf ihrem Reiseblog für Projekte der Hilfsorganisation Terre des hommes, von denen sie sich entlang ihrer Reise auch ein konkretes Bild machen. Begleitend haben die beiden eine eigene Spendenkampagne unter dem Titel „Eine Reise um die Welt für Kinder in Not“ ins Leben gerufen.
Das erste halbe Jahr ihres Ausstiegs aus der Komfortzone zugunsten eines ungebundenen Lebens haben sie nicht bereut. Vor allem das Baltikum hat beide tief beeindruckt. Neben weiten Strecken grandioser, fast unberührter Natur sei die Herzlichkeit der Menschen besonders im Gedächtnis haften geblieben. Natürlich sei auch der Krieg in der Ukraine sehr präsent. Greta berichtet von einem Sommercamp in Polen, das Flüchtlingskindern ablenkende Erlebnisse bescheren sollte. Sie habe ein Mädchen gefragt, was das Schönste gewesen sei, das sie dort erlebt habe, sagt Greta: „Sie hat nicht etwa Wakeboard oder Bogenschießen oder eine der anderen coolen Aktivitäten genannt, sondern, dass sie endlich einmal an nichts habe denken müssen.“
Inklusive Dachzelt acht Quadratmeter Wohnraum
Solche Aussagen relativierten die eigenen Einschränkungen zu absoluten Bagatellen, doch es wäre gelogen, wenn das Paar nach einem halben Jahr on the road sagen würde, gar nichts zu vermissen. Was fehlt? Vor allem bisweilen ein wenig Platz, um sich mal distanzieren zu können, sagt Jan. Gerade einmal acht Quadratmeter bietet die mobile Wohnung – und das auch nur, wenn das Dachzelt ausgeklappt werden kann.
In Budapest haben sich die beiden deshalb ausnahmsweise mal ein Hotelzimmer gegönnt – und dort vor allem das Badezimmer weidlich genutzt. Dennoch soll das Leben als digital vernetzter Nomade auf jeden Fall weitergehen. Ein Zeitoberlimit habe man sich für die Weltumrundung nicht gesetzt. Aber klar sei auch: Ewig wird man das nicht machen können.
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