Griechenland Die Zeit ist reif

Ein Olivenbauer sammelt die Ernte des Tages zusammen. Foto: Bernd Jonkmanns
Ein Olivenbauer sammelt die Ernte des Tages zusammen. Foto: Bernd Jonkmanns

Tavernen haben geschlossen, Fenster sind vernagelt. Die Peloponnes gehört wieder den Griechen.

WhatsApp E-Mail LinkedIn Flipboard Pocket Drucken

Die Sonne lässt das Messenische Meer erstrahlen, aber sie wärmt nicht mehr. Die Türen der Tavernen sind fest verschlossen, die Schaufenster der Souvenirläden mit Dielenbrettern vernagelt, an den Hauswänden stapeln sich Brennholzscheite. Bald werden die ersten Winterstürme hohe Wellen ans Land peitschen. Die Fischer haben ihre Boote aus den Hafenbecken geholt. Nun stehen die Kutter mit Planen bedeckt in den Vorgärten und bieten den Dorfkatzen einen Unterschlupf. Das kleine Küstendorf Stoupa träumt schon im Winterschlaf.

Von der touristischen Infrastruktur des Sommers ist nichts übrig geblieben. Es sind aber auch kaum Touristen da, die etwas vermissen könnten, und die wenigen, die sich trotz kühler Temperaturen hertrauen, dürfen erleben, wie aus dem Urlaubsziel Peloponnes im Winter wieder Griechenland wird. Der Einzige, der seine Taverne jetzt noch täglich öffnet, ist Elias. Er versteht die Touristen nicht: "Im Sommer ist es ihnen zu voll hier, und jetzt, wo sie Platz genug hätten, kommt niemand." Nur einen Gast hat Elias mittags – und das ist stets der gleiche: ein alter Witwer mit blinkenden Goldzähnen, der am Kamin sitzen, eine mezés essen und ein Gläschen kokkino krasi, Rotwein, trinken möchte. Aber abends füllt sich die Taverne, dann kommen die Erntehelfer. Meist sind es Landarbeiter aus Albanien und Bulgarien, die schon seit vielen Jahren zur Olivenlese anreisen, aber auch Familienangehörige werden dazurekrutiert. Im griechischen Jahr gibt es zwei Anlässe zur Zusammenführung der Großfamilie: das Osterfest und die Olivenernte. Sobald die letzten Touristen abgereist sind, ziehen vom Großvater bis zum Enkel alle auf die Felder. Wenn sich im Winter das Violett der reifen Oliven mit den silbriggrünen Blättern mischt, dann beginnt ihre Zeit.

Ab November dreht sich alles um die Oliven, und bis Anfang Februar herrscht absoluter Ausnahmezustand. Schon kurz vor Sonnenaufgang geht es in die Haine. Mit Harken werden die Früchte sorgsam von den Ästen gekämmt und prasseln auf die ausgelegten Planen. Bis spät in den Abend hinein erklingen knatternde Motorsägen, und an den Straßenrändern wachsen die Berge prall gefüllter Jutesäcke, die zur Olivenpresse transportiert werden müssen. Dazu werden Pick-ups, die das ganze Jahr in Wellblechverschlägen der Verschrottung entgegenrosten, zum Leben erweckt. Gefahren werden die schrottreifen Kisten von alten Patriarchen. Die Gläser ihrer schwarzrandigen Kastenbrillen tragen die Kratzer der letzten 40 Jahre, und längst nicht jeder hat einen Führerschein. Dafür kleben Heiligenikonen auf dem Armaturenbrett – das griechische Gottvertrauen ist nicht mal in einem schwankenden Transporter zu erschüttern.

Mit dem Mietwagen sollte man also besser nicht unterwegs sein, wenn es abends zu Takis’ Ölmühle geht. Der schwere, erdige Geruch gepresster Oliven wabert durch die ganze Halle. Unter ohrenbetäubendem Lärm der Maschinen leeren die Arbeiter die angelieferten Jutesäcke aus. Der Mühleninhaber Takis führt genaue Listen darüber, wann sich welcher Olivenbauer zum Pressen bei ihm angemeldet hat, und erstellt eine Rangfolge. Wer in der Hierarchie nach oben rücken möchte, der macht es so wie Tavernenbesitzer Elias und stellt einen Kanister Landwein auf den Tisch im Pausenraum, vielleicht noch ein Brot und ein paar gefüllte Auberginen dazu.

Zwei Stunden später kann Elias seine ersten Kanister füllen lassen. Rund 2000 Liter Öl geben seine 600 Bäume im Jahr her. Die Hälfte behält er für Restaurant und Familie, die anderen 1000 Liter verkauft er. "Jeder bei uns konsumiert jährlich etwa 50 Liter Olivenöl", erklärt Elias. Deshalb seien die Manioten bislang alle so alt geworden. Er kostet das gesunde "Gold der Mani" direkt vom Hahn. Das frisch gepresste Öl ist leuchtendgrün, noch trüb, kratzt im Hals und schmeckt nach unreifen Oliven, Gras und Artischocken.

Takis betreibt nicht nur eine Ölmühle, er ist praktischerweise auch Besitzer einer Tankstelle. Und dort stapeln sich seit einigen Tagen Säcke voller Orangen, denn was für Takis die Oliven, sind für einen anderen Zweig seiner Familie die Orangen. Vor der Kulisse schneebedeckter Berggipfel werden sie in der Umgebung von Sparta geerntet und direkt am Straßenrand verkauft. Am Abend serviert Elias’ Frau dann die griechischen Winterfreuden: eingelegte Tafeloliven mit Zitrone und Knoblauch, gegrillter Oktopus und Orangenkuchen zum Dessert. Auch der Alte mit den Goldzähnen ist noch da. "Wissen Sie, was Nikos Kazantzakis über das Glück gesagt hat?", will er wissen und zitiert sogleich den Literaten, der einige Zeit in der Mani gelebt hat: "Was für ein einfaches und genügsames Ding das Glück doch ist: ein Glas Wein, eine geröstete Kastanie, ein winzig kleines Kohlenfeuer, der Klang des Meeres. Alles, was du brauchst, um das Glück im Hier und Jetzt zu erfahren, ist ein einfaches, genügsames Herz."

Unsere Empfehlung für Sie