Griechenland-Krise Wenn es keine Medikamente gibt

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Die deutsche Pharmaindustrie überlegt, wie sie auf eine mögliche Pleite Griechenlands reagieren kann.

Jeden Tag demonstriert das Volk gegen die Sparmaßnahmen. Foto: AP
Jeden Tag demonstriert das Volk gegen die Sparmaßnahmen. Foto: AP

Athen - Die griechischen Apotheker wollen nicht mehr. Seit Donnerstag weigern sie sich, Medikamente gegen Rezepte der öffentlichen Krankenkasse EOPYY auszugeben. Der Grund: die Kasse bezahle die Arzneien nur schleppend oder gar nicht. Nach Ansicht der Hilfsorganisation „Ärzte ohne Grenzen“ herrsche deshalb ein Notstand bei der Versorgung. Viele Patienten erhielten ihre verschriebenen Mittel schon lange nicht mehr, sagt Apostolos Veizis von Ärzte ohne Grenzen.

In dieser Situation appellierte Konstantinos Frouzis, der Präsident des griechischen Pharmaverbandes SFEE, an alle Beteiligten, „Vernunft walten zu lassen“. Wichtig sei nun, die Finanzierung der Krankenkasse EOPYY und der öffentlichen Krankenhäuser sicherzustellen. Eher beunruhigend wirkt in diesem Zusammenhang Konstantinos Frouzis Versicherung, dass die Versorgung der Kranken mit Medikamenten „allerhöchste Priorität“ genieße.

Athen kann Medikamente nicht mehr bezahlen

Der Präsident will damit Gerüchte zerstreuen, dass Griechenland im Fall eines Austritts aus der Eurozone und einer folgenden Staatspleite nicht mehr in der Lage wäre, die Kranken zu versorgen. Allerdings muss der Pharmaverband SFEE einräumen, dass Griechenland die eingeführten Medikamente schon lange nicht mehr bezahlen kann. Mit weit über einer Milliarde Euro stehe Athen bei den ausländischen Herstellern in der Kreide.

Für Joachim Odenbach, den Sprecher des Bundesverbandes der pharmazeutischen Industrie, ist diese Nachricht keine Überraschung. Die Zahlungsmoral Griechenlands sei „seit 2009 nicht wirklich gut“, sagt er. Die Rechnungen würden in der Regel spät, mit Abschlägen oder gar nicht beglichen. Odenbach: „Die Finanzkrise ist auf dem Pharmasektor eine echte Krise.“ Natürlich werde auch bei den deutschen Unternehmen überlegt, wie im Falle eines Zahlungsausfalles reagiert werden könnte. „Das zentrale Problem aber ist“, erklärt der Sprecher, „wir liefern keine Autos oder Schnürsenkel, auf die man einfach mal verzichten kann.“ Oft seien die Medikamente für die Patienten lebensrettend. „Die Frage, ob wir die Lieferungen aufrecht erhalten, ist für uns auch eine Frage der Moral“, sagt Odenbach.

Gefragt, ob die deutschen Medikamentenhersteller im Falle einer Staatspleite auch gratis oder stark verbilligt nach Griechenland liefern würden, reagiert der Sprecher des deutschen Pharmaverbandes ausweichend. Langjährige Kenner des Geschäftes gehen allerdings davon aus, dass die Unternehmen im Extremfall tatsächlich auf ihre Bezahlung verzichten würden. Dann fällt ein für Athen wenig schmeichelhafter Vergleich: viele Aids-Medikamente würden auch gratis nach Afrika geliefert. Branchenkreisen zufolge werden die Notfallpläne verstärkt vorangetrieben, seit für Mitte Juni Neuwahlen angekündigt wurden. Die Hersteller nehmen sich demnach das Vorgehen nach der Pleite Argentiniens 2002 zum Vorbild. Auch damals lieferte die Industrie eine Zeit lang ohne Bezahlung weiter Medikamente.