Grillbude auf dem Stuttgarter Weihnachtsmarkt Von wegen besinnlich – Hier wird der Ton auch mal etwas rauer

Armin und Claudia Weeber betreiben eine Grillbude auf dem Stuttgarter Weihnachtsmarkt. Foto: Julian Ehinger

Wo andere Besinnlichkeit suchen, beginnt für sie der Stress. Das Ehepaar Weeber betreibt einen Imbissstand auf dem Stuttgarter Weihnachtsmarkt. Uns erzählen sie, welche Rituale ihnen durch den Alltag helfen und wieso der Ton in einer Grillbude auch mal rauer werden kann.

Es dampft und zischt über den Grillflächen des gartenhausgroßen Standes auf dem Stuttgarter Weihnachtsmarkt. Auf der einen Seite braten die Steaks unter wachsamen Augen, auf der anderen Seite werden Schupfnudeln und Sauerkraut in die Essensschälchen geschaufelt und an der Frontseite des Standes brutzeln die Würste um die Wette. Es ist Mittag, eine der Hochzeiten für die Essens- und Getränkestände auf dem Weihnachtsmarkt. Auch bei Familie Weeber. Trotz des Regens hat sich eine kleine Menschentraube rund um die Bude mit der auffälligen Dachdekoration gebildet. Sie zeigt markante Stuttgarter Gebäude in Miniaturformat.

 

Claudia Weeber hat mit ihren wachsamen Augen alles im Blick. Während des Gesprächs unterbricht sie immer mal wieder, gibt Anweisungen, schreitet mitunter auch selbst zur Tat. Die 42-Jährige und ihr Mann Armin betreiben ihren Stand an einer Ecke des Marktplatzes an der Kreuzung Richtung Kirchstraße. An diesem Tag regnet es, die Menschen bleiben nicht lange am Stand. Die meisten stellen sich nur kurz unter, verspeisen hastig ihre Wurst, stiefeln wieder davon.

In Veranstaltungen hineingeboren

Für die acht Mitarbeiter und ihre Chefin gibt es trotzdem alle Hände voll zu tun. Zeit zum Durchschnaufen ist nicht: Die Gäste wollen schnell bedient werden, bei diesem Wetter sowieso. Der Glühwein muss laufen, die selbst gebackenen Brötchen aufgewärmt und Steaks und Würste unablässig nachgelegt werden. „Machst du bitte noch Oberländer drauf?“, ruft Claudia einem ihrer Mitarbeiter zu, dessen Grillfläche sie scharf im Blick behält. Er ist noch relativ neu dabei, muss manchmal noch instruiert werden.

Die 42-Jährige stammt wie auch ihr Mann Armin aus einer Schaustellerfamilie. Beide wurden in das Leben auf Jahrmärkten und Volksfesten quasi hineingeboren. Bis sie 30 Jahre alt war, habe sie in einem Wohnwagen gelebt, erzählt sie. Immer auf Tour, immer auf Achse. Von einer Stadt in das nächste Dorf, immer den Veranstaltungen hinterher. „Ich kannte das gar nicht anders. Was die Leute vielleicht für verrückt halten, war bei uns normal“, sagt sie. In dieser Zeit lernt sie ihren Ehemann kennen. Seine Familie führte sieben Generationen das Festzelt „Zum Wasenwirt“ auf dem Cannstatter Volksfest, seit 25 Jahren ist die Familie auch auf dem Stuttgarter Weihnachtsmarkt präsent. Das Schausteller-Leben verbindet, sie werden ein Paar, heiraten.

Unablässig brutzelt Nachschub auf den Grillflächen. Foto: Julian Ehinger

„Ziehst du deine Fliege richtig an?“, weist Claudia einen ihrer Mitarbeiter zurecht. „Das Auge isst mit“, sagt sie zur Begründung. Die rote Fliege ist eines der Erkennungszeichen der Weeber-Mitarbeiter. Die Außendarstellung ist Claudia Weeber wichtig. Es scheint durchaus legitim von einem straffen Regiment zu sprechen, das die gebürtige Bonnerin führt. Sie ist die erste, die das selbst zugibt. Handys, Essen und Trinken während der Schicht sind verboten. Claudia bezeichnet sich selbst als „Kapitän auf dem Schiff“. Anwesenheit ist für sie selbst auferlegte Pflicht. „Ein Chef muss immer da sein“, sagt sie.

Es wird gelacht und es fliegen die Fetzen

Die Mitarbeiter nehmen es gelassen. Zu ihnen gehört Noeline. Die 19-Jährige hat gerade ihr Abitur gemacht, im kommenden Jahr will sie studieren. In der Zwischenzeit verdient sie sich hier etwas dazu. Dass der Ton beim stressigen Arbeiten in einer Grillbude auf einem gut besuchten Weihnachtsmarkt auch mal rauer werden kann, stört sie nicht. Hauptsache, der Kunde ist am Ende glücklich. „Das macht einen dann selber happy“, sagt sie. Sätze, die ihre Chefin gerne hört. „Wir haben hier trotzdem eine schöne Zeit, wir lachen viel, auch wenn mal die Fetzen fliegen“, sagt sie.

Noeline ist eine der vielen Arbeitskräfte, die täglich den Stand schmeißen. Foto: Julian Ehinger

Dann greift Claudia kurz zur Grillzange, zeigt einem Mitarbeiter, wie man die Würste auf dem Grill richtig anordnet. Jeder Handgriff sitzt bei ihr, jeder Küchentrick kommt zur Anwendung. Insgesamt 45 Aushilfs- und Teilzeitkräfte, dazu vier Vollzeitkräfte aus Rumänien und eine weitere Vollzeitkraft im Büro arbeiten für die Weebers in wechselnden Schichten. Claudia und Armin Weeber, die Chefs, teilen sich die Arbeit auf. Sie ist die Chefin vor Ort und führt die Mitarbeiter durch den Alltag, er organisiert im Hintergrund und kümmert sich um das Finanzielle. Manchmal muss Armin auch kurz am Stand einspringen. So auch an diesem Mittag, als er kurzzeitig das Glühweinzapfen übernimmt.

Um 9 Uhr morgens startet ihr Tag am Grillstand, mit den Schließzeiten des Marktes am Abend endet er. Außerhalb dieser Zeiten müssen die Arbeitsflächen geputzt, Getränke gekauft und das Fleisch bei der Metzgerei Schneider aus Freiberg organisiert werden. Rituale gehören bei einem stressigen Alltag in der eigentlich geruhsamen Weihnachtszeit mit dazu. „Ohne zwei Kaffee gehe ich morgens nicht aus dem Haus“, sagt Claudia. Und abends, wenn sie nach Hause kommt, hat Ehemann Armin immer eine Zigarette und den Aschenbecher bereitgestellt.

Skyline und Schneemaschine

Bei dem hohen Arbeitsaufwand sind beide um gute Mitarbeiter froh, denn die seien seltener geworden, wie sie sagen. Besonders Madeline sticht hervor. Der junge Rumäne arbeitet im zweiten Jahr für die Familie Weeber. Immer wieder springt er seinen Kollegen bei, versteht die Anweisungen seiner Chefin quasi blind. Nur einmal gibt es kurz Probleme an der Glühweinmaschine, eine Mitarbeiterin steht unschlüssig davor. Obwohl es hinter ihrem Rücken passiert, scheint Claudia Weeber einen siebten Sinn dafür zu haben und dreht sich um: mit einem geübten Handgriff hat sie den Regler wieder richtig eingestellt.

2020 haben Claudia und Armin Weeber den Stand hergerichtet. Er ist ein echter Blickfang. Auf seinem Dach thronen bekannte Silhouetten der Stuttgarter Skyline inklusive Fernsehturm und Riesenrad. Wie schon im vergangenen Jahr, haben die Weebers auch 2023 von den Veranstaltern des Stuttgarter Weihnachtsmarktes die Auszeichnung für den am „schönsten weihnachtlich dekorierten Stand“ erhalten. „Hast du schon die Schneemaschine gezeigt?“, fragt Armin seine Frau. Kurz verschwindet er hinter einer Holzwand, plötzlich rieseln Schneeflocken aus einem auf dem Dach montierten Aufsatz, schnell nehmen sie den ganzen Bereich rund um den Stand ein. Die Weihnachtsmarktbesucher sind verzückt. Ein paar holen rasch ihre Handys hervor und knipsen Fotos.

Die harte Arbeit hat sich bereits zweimal mit einer Auszeichnung ausgezahlt. Foto: Julian Ehinge

Rund um den Stand hat es sich inzwischen geleert, der mittägliche Ansturm ist vorüber. Wetterbedingt waren es heute nicht so viele Besucher wie sonst. Gegen Abend wird es noch einmal hektisch werden, wenn die Besucher nach Feierabend auf den Markt strömen. Während diese die weihnachtliche Besinnlichkeit auf dem Marktplatz genießen, wird im Stand wieder gewuselt und gewerkelt, Glühwein wird nachgeschenkt und Würste werden in die Brötchen gepackt. „Ich will das gar nicht anders. Ich liebe das“, sagt Claudia.

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