Stuttgart - Husten, Fieber, Heiserkeit – vor solchen Grippesymptomen wollen viele Eltern insbesondere in Zeiten der Corona-Pandemie ihre Kinder bewahren. Eine Grippeimpfung scheint da die plausibelste Lösung. Zumal auch in mehreren ärztlichen Fachveröffentlichungen darauf hingewiesen wird, dass es im Einzelfall schwierig sein kann, zwischen einer Coronavirus-Infektion und einer Influenza zu unterscheiden. Selbst die Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie (DGPI) wünscht sich für die kommende Infektsaison gerade bei Schul- und Kitakindern eine hohe Grippeimpfquote. Abgesehen von den Risiken für die Gesundheit der Kinder, gebe es in Zeiten der Corona-Pandemie eine gesellschaftliche Verpflichtung zum Schutz anderer, so die Fachgesellschaft. Das würde auch dabei helfen, eine Überlastung des Gesundheitssystems zu vermeiden.
Minderjährige weisen die höchste Infektionsrate auf
Kinder gelten bei der Grippe als wesentliche Überträger. Sie geben den Erreger aufgrund ihrer Anfälligkeit und ihrer engen Kontakte mit Eltern, Geschwistern, Kindergarten- oder Schulkindern an viele Menschen weiter. Sie scheiden das Grippevirus zudem länger aus als Erwachsene. Auch weisen Minderjährige die höchste Infektionsrate auf. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt daher die Influenzaregelimpfung sogar schon für alle Kinder zwischen sechs Monaten und fünf Jahren. In den USA sind derzeit fast 60 Prozent der Kinder geimpft, mit steigender Tendenz. In der EU folgen erste Länder der WHO-Empfehlung, alle Kinder gegen Grippe impfen zu lassen – zum Beispiel Finnland.
Nicht jeder Kinderarzt rät zur Impfung
Doch in den Kinderarztpraxen hierzulande stoßen Eltern, die sich nach einem Impftermin erkundigen, auf unterschiedliche Reaktionen: Während manche Kinderärzte sagen, sie würden sofort mit dem Impfen starten, sobald Vakzine vorrätig seien, sind andere zurückhaltender – und verweisen auf die Empfehlung der Ständigen Impfkommission (Stiko) des Robert-Koch-Instituts (RKI), nach der Kinder und Jugendliche mit Vorerkrankungen wie Diabetes, Asthma oder einer Immunschwäche geimpft werden sollten.
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Die Uneinigkeit zwischen den Ärzten kommt nicht von ungefähr: Zum einen wird auch seitens der Mediziner ein Impfstoffmangel befürchtet, wenn sich die gesamte Bevölkerung immunisieren lassen möchte. Und tatsächlich zeigen sich Umfragen zufolge mehr Bundesbürger als sonst bereit, in diesem Herbst den Impfaufrufen Folge zu leisten: Nach einer im August veröffentlichten Studie will sich jeder zweite Bundesbürger gegen Grippe impfen lassen: 51,5 Prozent von mehr als 5000 Befragten. Zum Vergleich: Im Vorjahr lag die Bereitschaft bei rund 30 Prozent der Befragten. Bislang hat die Bundesregierung 25 Millionen Dosen des aktuellen Impfstoffs bestellt. Allein die Risikogruppe, denen die Impfung empfohlen wird, umfasst 40 Millionen Menschen.
Schwere Verläufe sind bei Kindern selten
Daher hat der Berufsverband der Kinder- und Jugendmediziner seine Mitglieder in einem aktuellen Schreiben dazu aufgefordert, klar zu priorisieren: Risikopatienten rechtzeitig zu impfen und entsprechend der Stiko-Empfehlung zu handeln, sei das Gebot der Stunde. „Eine Grippeimpfung für alle löst leider nicht in erhoffter Art das Corona-Problem und ist ein politischer Schnellschuss mit Nebenwirkungen“, sagt auch Till Reckert, Sprecher des Landes Baden-Württembergs des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ).
Die Gefahr, dass Kinder schwer an der Grippe erkranken, wird von Experten als grundsätzlich moderat eingeschätzt. Im Olgahospital des Klinikums Stuttgarts beispielsweise – Deutschland größter Kinderklinik – wurden in der vergangenen Saison rund 200 Kinder aufgenommen, bei denen die Influenza einen schweren Verlauf genommen hatte. Sie mussten teilweise sogar mit Sauerstoff versorgt werden. Dennoch weisen Experten bundesweit darauf hin, dass dies eher die Ausnahme sei: In der Regel nimmt eine Grippeinfektion bei Schulkindern einen milden Verlauf. „Auch werden die wenigsten Atemwegsinfekte durch Influenzaviren verursacht“, sagt Till Reckert, niedergelassener Kinderarzt aus Reutlingen. Abstandhalten und Hygieneregeln würden daher schon einen ausreichenden Schutz bieten. Und wenn die Risikogruppen ausreichend geimpft sind, können sie nicht von einem Kind angesteckt werden.
Wer unbedingt geimpft werden will, erhält eine Immunisierung
Probleme gebe es auch bei der Umsetzung: So erhalten Kinder, die zum ersten Mal im Leben gegen Influenza geimpft werden, zwei Impfungen im Abstand von vier Wochen. Hinzu komme ein bürokratischer Aufwand in den Praxen: Ärzte müssen bei Patienten, die keiner Risikogruppe angehören, den Grippeimpfstoff separat abrechnen. Diese Honorierung sei nicht immer gesichert. Doch betont der Berufsverband: Patienten, die unbedingt eine Impfung wünschen, sollten nicht abgewiesen werden: „Es ist unser Ziel, alle zu impfen, die das wünschen.“
Laut der Stiko ist eine Impfung ab einem Alter von sechs Monaten möglich. Allgemein lautet die Empfehlung, sich Ende Oktober oder Anfang November impfen zu lassen. Die Schutzwirkung beginnt rund zwei Wochen nach der Impfung. Meist ist die Grippewelle Anfang des Jahres am intensivsten. Überstürzen brauchen Eltern aber nichts: Die ersten Chargen des Impfstoffs werden erst Ende September in die Praxen kommen.